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Herausgeschlagene Zähne wachsen wieder an

Knirscht Ihnen der ganze Zahn aus dem Kiefer, haben Sie eine halbe Stunde Zeit: Legen Sie ihn in H-Milch und suchen Sie schnell Ihren Zahnarzt auf. Er kann das kostbare Stück wieder einsetzen.

  Beim wilden Toben kann es schon mal passieren, dass ein Zahn herausgeschlagen wird

Beim wilden Toben kann es schon mal passieren, dass ein Zahn herausgeschlagen wird

Kinder stürzen beim Skateboardfahren, fallen vom Fahrrad oder verkeilen sich unglücklich an der Rutsche: Dabei verletzen sie sich häufig an den Zähnen. Etwa jedes dritte Kind verliert dabei einen Milchzahn oder ein Stück davon. Über 20 Prozent hauen sich Zähne ihres bleibenden Gebisses heraus. In solchen Fällen hilft nur eines: so schnell wie möglich zum Zahnarzt fahren.

Wenn ein ganzer Zahn des bleibenden Gebisses ausgeschlagen wird, sollten Sie das kostbare Stück sofort suchen. Denn der Zahnarzt kann ihn womöglich wieder einsetzen - auch bei Erwachsenen. Bleibt eine Lücke im Gebiss, können die anderen Zähne schief wachsen. Im Übrigen sollten Sie auch einen Milchzahn nicht einfach unbeachtet liegen lassen - allerdings aus einem anderen Grund: Der Zahnarzt braucht ihn, um das Malheur für die Unfallversicherung zu dokumentieren.

Wichtig ist, dass Sie mit dem guten Stück sofort zum Zahnarzt oder in die zahnärztliche Notaufnahme fahren. Nur dann ist der Beißer zu retten. "Viel zu wenige Menschen wissen, dass das überhaupt möglich ist", sagt Zahnexperte Nils-Claudius Gellrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Setzen Sie also alles daran, um schnell in eine Praxis zu kommen: Schon nach einer halben Stunde ist der Zahn so geschädigt, dass er nicht wieder vollständig anwachsen kann.

Die Wurzelhaut nicht anfassen

Bedroht ist an der freien Luft nicht der gesamte Zahn, sondern nur die Wurzelhaut. Zähne sind mit ihrer Wurzel an feinen Fasern im Knochen aufgehängt. Wird ein Zahn ausgeschlagen, werden diese Bindegewebs-Fäden durchtrennt. Die zarte Wurzelhaut darf aber nicht verletzt werden oder austrocknen - sonst kann der Zahn nicht mehr richtig einwachsen.

Vergeht zuviel Zeit, bis der Zahn wieder eingesetzt wird, droht den Zellen an der Zahnwurzel der Tod. Bleiben die zarten Wurzelzellen dagegen weitgehend unbeschädigt, kann der Zahnchirurg den Zahnhalte-Apparat wieder neu aufbauen - der Zahn wächst wieder ein.

Legen Sie den Zahn in kalte H-Milch oder unter die Zunge

Bis Sie die rettende Praxis erreicht haben, sollten Sie den Zahn möglichst feucht und steril aufbewahren. Dafür gibt es in den Apotheken eine so genannte Zahnrettungsbox. Am besten schaffen Sie sich vorsorglich ein solches Schächtelchen an. Es bietet dem Zahn eine Nährstofflösung, in der Sie das kostbare Teil bis zu zwei Tagen aufbewahren können - falls Sie, etwa am Wochenende, nicht in die zahnärztliche Notaufnahme fahren wollen oder können.

Wenn Sie keine Box haben, transportieren Sie den Zahn in kalter Milch, am besten in H-Milch. Die letzte Möglichkeit ist, ihn unter die Zunge zu legen. Wasser oder trockene Papiertaschentücher sind nicht geeignet. Sie entziehen den Zellen des Zahns lebensnotwendige Flüssigkeit. Sie sollten den Zahn auch nicht säubern, damit zerstören Sie die Wurzelhaut.

Diagnose

Wenn Sie beobachten, dass Ihr Kind auf das Gesicht gestürzt ist oder sich an den Zähnen verletzt hat, sollten Sie sofort zum Zahnarzt gehen - auch wenn Sie von außen nichts sehen und wenn Ihr Kind nicht über Schmerzen klagt. Ist Ihnen selbst ein Zahn ab- oder herausgebrochen, sollten Sie sich selbstverständlich auch untersuchen lassen. Denn als Laie können Sie nicht immer erkennen, ob ein Zahn erschüttert oder gelockert ist, ob er verschoben oder im Knochen gebrochen ist.

Der Zahnarzt wird als erstes genau nachfragen, wie der Unfall passiert ist. Sind Sie beim Sturz mit dem Fahrrad direkt mit dem Unterkiefer auf den Asphalt geknallt? Oder eher seitlich über die Straße geschrammt? Solche Details helfen dem Zahnarzt abzuschätzen, welche Kräfte auf Ihre Zähne eingewirkt haben.

Dann kontrolliert er die Zähne und sucht nach abgebrochenen Zahnteilen. Bei Riss- und Quetschwunden an den Wangen oder den Lippen fahndet er auch in der Schleimhaut nach Bruchstücken. Hat der Zahnarzt den Verdacht, dass Ihr Kind Zahnteile oder Füllungen eingeatmet oder verschluckt hat, wird er empfehlen, die Teile mit Hilfe einer Röntgenaufnahme aufzuspüren.

Eine Stufe in der Zahnreihe verrät den Kieferbruch

Wenn die Krone eines Schneidezahns gebrochen ist, erkennt die Ärztin das recht schnell. Aber sie wird auch nach Verletzungen suchen, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen sind, etwa nach Zähnen, die im Wurzelbereich in Längsrichtung gebrochen sind. Eine verletzte Mundschleimhaut in der Umgebung eines Zahnes kann ein Hinweis darauf sein. Hat eine Zahnreihe plötzlich eine Stufe, kann das auf einen Kieferbruch hindeuten.

Hat der Zahnarzt den Verdacht, dass auch der Nerv zerstört ist, prüft er, wie empfindlich der betreffende Zahn ist. Das macht er mit einem kleinen Wattebausch, der mit eiskalter Flüssigkeit benetzt ist. Lebt der Nerv, zucken Sie zusammen. Merken Sie nichts, ist der Nerv möglicherweise zerstört, der Zahn muss vielleicht gezogen werden. Es kann aber auch sein, dass der Nerv nur geschädigt ist und sich nach Wochen wieder erholt. Sie sollten das deshalb weiter kontrollieren lassen.

Therapie

Ist der Zahn samt Wurzel herausgebrochen und hat der Arzt ihn schnell genug eingesetzt, wächst er wieder an. Bricht ein Beißer jedoch in der Mitte entzwei oder splittert eine Wurzel der Länge nach auf, kann der Zahnarzt nichts Natürliches mehr anmontieren. Stattdessen nutzt er Kunststoffe, Keramik und Schienen.

Wenn ein Teil der Zahnkrone abgebrochen ist, desinfiziert die Zahnärztin die Bruchfläche und das eventuell freiliegende Zahnmark. Anschließend baut sie die fehlende Substanz wieder auf. Ist der Zahn flächig abgeplatzt, kann sie flache Verblend-Schalen aufsetzen, so genannte Veneers. Größere Schäden werden mit Kunststoff-Füllungen oder mit Kronen behoben. Ist das Zahnmark verletzt, muss es entfernt werden, sonst können sich Bakterien im Kiefer festsetzen. Das Gewebe entzündet sich dadurch, der Zahn stirbt womöglich ab.

Ist die Wurzel zerbrochen, hat der Zahnarzt mehrere Möglichkeiten, je nachdem, wie die Bruchlinie verläuft. Entweder muss er den Zahn ziehen. Oder er schient ihn und kann ihn so erhalten. Ist der Schaden kleiner, kann der Zahnarzt die Wurzel behandeln und später einen Stiftzahn auf den Wurzelstumpf setzen. Ein Zahn, dessen Krone und Wurzel gebrochen sind oder dessen Wurzel schräg oder längs gebrochen ist, lässt sich nur noch selten retten: Er ist verloren.

Tipps

Sehen Sie, dass ein Zahn oder Zahnanteile herausgeschlagen sind, suchen Sie sofort danach. Fassen Sie diese nur an der Krone an, nicht an der Wurzel. Die empfindlichen Zellen der Wurzelhaut dürfen nicht berührt oder desinfiziert werden. Sonst kann der Zahn nicht wieder einwachsen.

Fahren Sie mit dem ausgeschlagenen Zahn schnellstmöglich zum Zahnarzt, damit dieser ihn in die Zahnlücke zurückdrückt. Zähne, die innerhalb von wenigen Minuten wieder eingepflanzt werden, haben die besten Überlebens-Chancen. Sie können auch selbst versuchen, den Zahn einzudrücken.

Wenn der Zahn stark verschmutzt ist, können Sie ihn mit Leitungswasser abspülen, müssen ihn danach aber unbedingt sofort einsetzen. Sollten Sie sich nicht trauen, dürfen Sie den Zahn nicht in Leitungswasser aufbewahren. Die Wurzelzellen überleben das nicht, weil dem Leitungswasser bestimmte Inhaltsstoffe fehlen.

Wickeln Sie den Zahn auf keinen Fall in ein trockenes Papiertaschentuch: Es entzieht dem Zellgewebe Flüssigkeit, so dass es nach kürzester Zeit austrocknet. Im Notfall bewahren Sie den ausgeschlagenen Zahn in kalter Milch, am besten H-Milch, auf. Oder Sie legen das gute Stück einfach unter Ihre Zunge. Andere Möglichkeiten der Aufbewahrung sind eine isotonische Kochsalz-Lösung aus der Apotheke oder eine Frischhalte-Folie. Gut versorgt ist ein ausgeschlagener oder abgebrochener Zahn in der so genannten Zahnrettungsbox aus der Apotheke. In dieser Lösung mit speziellen Nährstoffen kann er bis zu 48 Stunden überleben.

Expertenrat

stern.de-Experte Professor Nils-Claudius Gellrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) beantwortet Ihre Fragen.

Wenn ein Zahn nach einem Unfall dunkel wird, ist das ein Zeichen dafür, dass er abstirbt?

Ein verfärbter Zahn bedeutet zwar, dass das Zahnmark im Innern des Zahnes geschädigt ist und Zerfallsprodukte nach außen abgibt. Wenn allerdings das Gefäßbündel, das den Zahn mit Nährstoffen versorgt, nicht durchtrennt ist, kann er sich auch wieder aus eigener Kraft erholen. Ein verfärbter Zahn ist also nicht per se ein toter Zahn.

Sollten Milchzähne in jedem Fall gerettet werden?

Grundsätzlich erfüllen Milchzähne eine wichtige Funktion als Platzhalter für das bleibende Gebiss. Das heißt aber nicht, dass sie in jedem Fall gerettet werden müssen. Wenn ein Fünfjähriger sich den Zahn aufschlägt und die Krone abbricht, wird man in aller Regel nichts mehr machen, denn der Zahn fällt ja ohnehin bald aus.

Was halten Sie von der Zahnrettungsbox? Kann der Zahn nicht ebenso gut in Milch aufbewahrt werden?

Sicherlich ist die Zahnrettungsbox eine gute Geschäftsidee. Sie ist aber vor allem eine sinnvolle und preisgünstige Sache für Gemeinschafts-Einrichtungen wie Jugendclubs oder Schwimmbäder. Denn dort kommt es häufig zu Zahnunfällen, und keiner weiß, wie man richtig reagiert. Die Flüssigkeit in der Box erfüllt zwar dieselbe Funktion wie H-Milch – aber das Schächtelchen lässt sich besser im Medikamentenschrank aufbewahren.

Beate Wagner

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