Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Ratgeber Zähne

"Kinder sind keine kleinen Erwachsenen"

Zahnärzte raten bei Kindern zu oft zu riskanten Narkosen. Im stern.de-Interview sagt der Anästhesist Elmar Mertens, wann dies überhaupt nötig ist, welche Risiken bestehen.

Herr Dr. Mertens, wie häufig kommt es zu Problemen bei Narkosen in der Zahnarztpraxis?
Dazu gibt es keine verlässlichen Daten. Insgesamt werden pro Jahr in Deutschland 3,8 Millionen ambulante Operationen bei Erwachsenen und Kindern durchgeführt, auch bei anderen Fachärzten, zum Beispiel allein 750.000 Eingriffe an Augen wegen eines Grauen Stars. Wie viele Kinder davon ambulant in Narkose versetzt werden, wissen wir nicht. Und anders als noch in der DDR gibt es in Deutschland heute keine Melderegister für Zwischenfälle.

Wann brauchen Kinder überhaupt eine Narkose beim Zahnarzt?
Das hängt vom Alter ab. Kinder, die jünger als drei oder vier Jahre sind, können noch nicht verstehen, dass eine Behandlung an den Zähnen wichtig ist. Sie haben häufig große Angst vor Spritzen, was eine örtliche Betäubung unmöglich macht. Wenn eine größere Maßnahme erforderlich ist, zum Beispiel bei mehreren stark zerstörten Milchzähnen, und das Kind dies verweigert, bleibt nichts anderes übrig, als eine Vollnarkose zu machen. Das ist wichtig, denn die zerstörten Zähne schädigen eventuell auch die darunterliegenden, bleibenden Zahnanlagen. Bei älteren Kindern ist es meist unproblematisch. Da hängt es davon ab, wie viel zu tun ist und wie viel Geduld der Zahnarzt und der Anästhesist mit dem Kind haben.

Zahlt die Krankenkasse immer die Narkose?
Ja, bei Kindern bis zum zwölften Lebensjahr gibt es eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen. Weil aber die Honorierung deutlich schlechter ist als bei anderen ambulanten Narkosen, werden sie nicht überall Narkosen in Zahnarztpraxen angeboten. In manchen Bundesländern gibt es weniger als 50 Euro pro Narkose, und dafür kann sie kein Anästhesist mit der nötigen Qualität machen.

Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben einen anderen Atemmechanismus, die Schleimhäute kleiner Kinder haben eine extrem hohe Neigung anzuschwellen. Wenn wir den Beatmungsschlauch wieder entfernen, kann dieser Reiz dazu führen, dass die Stimmritze anschwillt oder sich sogar schließt – mit der Gefahr eines akuten Sauerstoffmangels. Deswegen ist es ganz wichtig darauf zu achten, dass die Kinder keine Infekte haben oder vor Kurzem hatten. Sie sollten auch nicht frisch geimpft sein. All das kann Komplikationen machen. Häufig treten Probleme erst nach der eigentlichen Narkose auf. Deswegen ist eine entsprechende Kontrolle, zum Beispiel mit Sauerstoff-Messgeräten, nach der Operation lebenswichtig.

Hängt es auch von der Qualität des Anästhesisten ab, wie selten Risiken und Nebenwirkungen auftreten?
Nicht nur, sondern auch von der richtigen Umgebung, die speziell auf Kinder eingestellt sein muss. Es braucht besondere Beamtungsgeräte, spezielle Schläuche und andere Gerätschaften, die für Kinder geeignet sind. Es sollte neben dem Anästhesisten immer eine Fachassistenz dabei sein, die bei einer kritischen Situation ebenfalls schnell und richtig reagieren kann. Das Problem ist, dass Zwischenfälle in der Narkose so selten sind, dass der einzelne Anästhesist eventuell zu wenig Übung mit dem Erkennen und Behandeln dieses speziellen Falles hat. Deshalb gibt es ja auch die Forderung, dass Narkoseärzte - ähnlich wie die Piloten an Flugsimulatoren - regelmäßig, zum Beispiel einmal im Jahr, an Anästhesiesimulatoren üben sollen. Das sind Hightech-Puppen, die es mittlerweile in allen Unikliniken gibt.

Woran können Eltern erkennen, ob der Anästhesist gut ist?
Die formalen Rahmenbedingungen sollten stimmen: Wird ein vernünftiger Aufklärungsbogen ausgefüllt und mit den Eltern durchgesprochen? Wird das Kind untersucht und abgehört? Die Eltern sollten auch in der Zahnarztpraxis nachfragen, wie oft dort Kinder in Narkose behandelt werden. Wer häufig so etwas macht, hat mehr Erfahrung und ihm passieren auch weniger Fehler. Er weiß auch, wann er besser mal Nein zu einer Narkose sagen sollte, weil das Risiko zu groß ist. Zudem gibt es spezielle Kinderzahnarztpraxen, wo auch die Anästhesisten stärker auf kleinere Kinder spezialisiert sind.

Und welche Anzeichen sprechen eher für einen nicht so guten Narkosearzt?
Wenn das Vorgespräch drei Minuten vor dem Eingriff unter Zeitdruck erfolgt, dann hätte ich schon ein sehr schlechtes Gefühl. Oder wenn es kein kindergerechtes Ambiente gibt und das Kind eher den Ablauf zu stören scheint. Da würde ich Eltern raten, sich auch auf das Bauchgefühl zu verlassen.

Wenn doch mal was schief geht, an wen können sich die Eltern dann wenden?
Bei den Landesärztekammern gibt es Schiedsstellen, die auch kostenfrei für die Eltern arbeiten. Der Arzt ist in der Regel kooperativ mit den Kammern und wird auch die Unterlagen wie das Narkoseprotokoll herausgeben. Die Eltern haben ohnehin den Anspruch, die Originale zu bekommen. Auch einzelne Krankenkassen unterstützen die Eltern, wenn ein Kind zu Schaden gekommen sein sollte.

Arnd Schweitzer

Stern Logo Das könnte sie auch interessieren

Partner-Tools