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Gut gefüllt

Amalgam, Gold oder Kunststoff? Was heute in die Zähne kommt, entscheidet womöglich darüber, wie oft man in Zukunft zum Zahnarzt muss.

Wenn sich beim Zahnarzt die Frage nach der Art der Füllung stellt, geht es nicht nur um Aussehen und Kosten. Es fällt auch die Entscheidung, wie oft man in den nächsten Jahren wegen desselben Zahns wieder auf dem Behandlungsstuhl sitzt. Denn die Füllmaterialen halten unterschiedlich lange. Wer kurzfristig spart, legt am Ende möglicherweise drauf. "Die klassische Kaskade", sagt Martin Groten, Oberarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik in Tübingen, "geht ungefähr so: mit 14 Amalgam, mit 30 Gold, mit 40 die erste Krone, mit 50 die zweite, mit 60 die Prothese und zum Schluss das Implantat. Und jeder Eingriff kostet nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Zahnsubstanz für die Verankerungen."

Amalgam - billig, aber umstritten

Amalgam hat fast jeder im Mund. Seit mehr als 150 Jahren werden mit der Mischung aus Silber, Zinn, Kupfer, Quecksilber und Zink Karieslöcher gestopft. Fast genauso lange diskutiert man über die Gefahren, die der relativ hohe Quecksilbergehalt (fast 50 Prozent) möglicherweise mit sich bringt. In der Tat ist die Entscheidung für Amalgam auch eine Risikoabschätzung. Denn das giftige Quecksilber ist in den Füllungen zwar gebunden, aber nicht stabil. Amalgam trage darum "messbar zur Quecksilberbelastung im Menschen bei", bestätigt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde liegt die Belastung allerdings in einer unbedenklichen Größenordnung. Viele Zahnärzte loben das Preis-Leistungs-Verhältnis - und die Lebensdauer des Metallgemischs: Amalgam kann mehr als zehn Jahre halten, selbst auf den Kauflächen. Dennoch wird der Füllstoff in der Regel bei Schwangeren und Kindern nicht mehr verwendet.

Wer meint, sich zu "entgiften", wenn er die alten Plomben herausnehmen lässt, liegt schief: Die Belastung ist am höchsten, wenn die Füllungen gelegt oder entfernt werden, dann nämlich entstehen schädliche Dämpfe, die über die Lunge aufgenommen werden können. Eine anderes Material, dessen Kosten die Krankenkassen wie bei Amalgamfüllungen übernehmen, sind Kompomere, ein hellweißes Komposit-Zement-Gemisch. Es ist allerdings nicht sehr langlebig und hält nur zwei, maximal fünf Jahre.

Komposite - aufwendig und wenig stabil

Komposite werden meist als "Kunststofffüllungen" bezeichnet, bestehen aber nur zum geringeren Teil daraus: Rund 70 Prozent sind Glas- und Quarzteilchen. Durch ihre Zusammensetzung und die Möglichkeit, sie farblich den Zähnen anzupassen, gehören sie inzwischen zum Standard im sichtbaren Kieferbereich.

Anders als Amalgam lassen sie sich nicht einfach in das aufgebohrte Loch füllen, sondern müssen mit dem Zahn verklebt werden. Damit der Kleber sicher hält, muss der Zahn absolut trocken sein. Schon die Feuchtigkeit der Atemluft ist hier von Nachteil. Wenn möglich, wird der Zahn mit einem Gummituch, dem so genannten Kofferdam, isoliert und so trockengelegt. Anschließend wird der präparierte Kariesschaden gesäubert und der Schmelz mit speziellen Tinkturen auf die Klebung vorbereitet.

Komposite schrumpfen beim Aushärten, sodass ein Spalt entstehen kann, der den Zahn wieder anfällig für Karies macht. Deshalb muss der Zahnarzt beim Füllen schrittweise mit maximal zwei Millimeter dicken Schichten vorgehen, die jede für sich mit hochfrequentem Licht gehärtet wird.

Der Aufwand und die teuren Chemikalien machen Komposite recht kostspielig. Die Kassen übernehmen die Füllungen nur, wenn sie im sichtbaren Bereich liegen. Bei Seitenzähnen zahlt der Patient die Differenz zu den Kosten einer entsprechenden Amalgamfüllung. Komposite sind weniger stabil als Amalgam und darum nur bedingt für den Kaubereich geeignet. Meist halten sie drei bis fünf Jahre. Mögliche langfristige Gesundheitsrisiken sind wie bei vielen neuen Materialien bisher noch nicht geklärt.

Gold - teuer und langlebig

Gold kann der Arzt nicht direkt einsetzen, es muss von einem Zahntechniker anhand von Kieferabformungen individuell angefertigt werden. Dieses so genannte Inlay wird mit Zement verankert - eine einfache Sache im Vergleich zu Kompositen oder Keramikinlays, denn für das Zementieren ist nur eine "relative Trockenlegung" nötig: Watte und Speichelsauger reichen. Goldinlays werden sehr präzise auch an den Gegenkiefer angepasst, was besonders für Patienten mit knackenden oder schmerzenden Kiefergelenken wichtig ist. Gold allein wäre übrigens viel zu weich, doch als Legierung mit härteren Metallen bekommt es eine Stabilität, die dafür sorgt, dass die Füllungen selbst in den Backenzähnen zum Teil 15 Jahre und länger halten können. Je nach Größe und Lage müssen Sie mit Kosten zwischen 400 und 650 Euro rechnen. Die Kasse beteiligt sich daran nur minimal.

Keramik - unauffällig, aber kostspielig

Keramik gehört wie Gold zu den Inlays. Dafür wird Keramikpulver, dem man exakt die richtige Farbe geben kann, angemischt und meist in eine Gussform gepresst. Wenn der Zahnarzt das fertige Kunstwerk einsetzt, ist der Aufwand, es zu verkleben, so groß wie bei den Kompositen - allerdings mit besserem Ergebnis: Durch die Verklebung entsteht fast eine Einheit aus Füllung und Zahn. "Verklebte Keramikfüllungen sind mindestens so hart wie die Zähne selbst", sagt Martin Groten. "Und die klinischen Erfahrungen erstrecken sich mittlerweile auf etwa zehn Jahre mit einem Erfolg, der dem von Goldinlays über den gleichen Zeitraum sehr ähnlich ist."

Auch größere Defekte lassen sich mit Keramikinlays nahezu unsichtbar flicken, und die Zahnsubstanz kann oft geschont werden, weil meist keine zusätzlichen Verankerungen nötig sind. Sie sind allerdings recht teuer und gehören nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Kassen: Je nach Größe des Schadens und Lage des Zahns kosten sie etwa 400 bis 700 Euro.

Wissenschaftliche Beratung: Martin Groten, Steinbeis-Transferzentrum, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Sektion für Medizinische Werkstoffkunde und Technologie, Universität Tübingen

Ruth Hoffmann/print

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