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Krank nach Zeckenbiss - so minimieren Sie das Risiko

Wer gern durch Wälder und Wiesen streift, handelt sich schnell mal eine Zecke ein. Die Spinnentierchen können Borrelien und – selten – Viren übertragen. Auch wenn das Risiko gering ist, raten Biologen zu Vorsichtsmaßnahmen.

Von Kristin Hüttmann

Nicht sexy, aber sicher: Kniestrümpfe über die Hose ziehen. So lautet die Empfehlung von Dania Richter für alle, die bei gemäßigten Temperaturen einen Ausflug in Wald, Wiese oder Park machen. Denn all diese Orte sind Zeckenreviere – und damit auch Plätze, an denen man sich krankmachende Erreger holen kann.

Die Frau muss es wissen, seit über 20 Jahren erforscht die Biologin Lebensweise und Verhalten des Gemeinen Holzbocks – jener Zeckenart, die in Deutschland Krankheitserreger auf den Menschen überträgt. Sie weiß: Wenn die Zecke auf einen Wirt trifft, sucht sie erst einmal ein Stück nackte Haut. Da die Tiere in bodennaher Vegetation lauern, ist mit dem Strumpf die erste Barriere aufgebaut. Durch Strumpf und Hose kann die Zecke nicht stechen. Findet sie keine geeignete Einstichstelle, fällt sie wieder ab.

Dania Richter arbeitet an der Technischen Universität Braunschweig an Schutzstrategien gegen die häufigste von übertragene Infektionskrankheit: die Lyme-Borreliose. Eine durch Bakterien verursachte Krankheit, die zu Gelenkbeschwerden, vorübergehenden Lähmungen und Entzündungen im Gehirn führen kann. Rechtzeitig entdeckt lässt sich die Infektion mit Antibiotika behandeln.

Schutz vor Zecken: Auf die Kleidung kommt es an

Das gilt leider nicht für die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Auch die Viren dieser Infektionskrankheit werden von Zecken übertragen und können zu grippeähnlichen Symptomen führen, in seltenen Fällen auch zu einer Infektion der Hirnhäute, des Gehirns oder des Rückenmarks. Gegen die FSME gibt es keine Therapie, dafür allerdings die Möglichkeit, sich impfen zu lassen.

Die Zeckensaison richtet sich nach dem Wetter: Sobald die Temperaturen auf sieben bis acht Grad steigen, werden die Zecken aktiv. Ist der Mensch dann in der Natur unterwegs, kommen Zecke, Mensch und zusammen.

Wer das Risiko für einen Zeckenstich gering halten will, sollte sich an Dania Richters Tipps halten: "Man zieht sich richtig an oder geht in entsprechende Bereiche nicht rein." Und diese Bereiche kennt die Biologin gut: "Die Zecke mag es gern feucht und schattig." Wer nicht mit ihr in Kontakt kommen wolle, solle auf festen Wegen spazieren. Und dabei aufpassen, dass er keine Gräser, Farne und Zweige streift. Denn die ragen aus dem bevorzugten Lebensraum der Zecken heraus: Gebüsche und Hecken – die schattigen Übergangsbereiche zwischen Wald und Wiese.

Zecken können sich bis zu zwei Wochen festsaugen

Dort, in einer Höhe bis zu einem Meter, leben die Zecken und warten, bis ein geeigneter Wirt vorbeikommt und sie mitnimmt – egal ob Mensch, Maus, Kuh oder Vogel. Auch im kargen Grün Berliner Hinterhöfe haben die Parasitologen schon die achtbeinigen Spinnentiere im Gebüsch aufgespürt.

"Oben in den Bäumen leben keine Zecken", stellt Richter klar. Daher fallen sie auch nicht auf uns herunter. Eine solche Strategie hätte die Zecke in eine evolutionäre Sackgasse geführt. "Sie hat keine Flügel und kein Steuerungsorgan, um beim Fallen ihren Wirt sicher zu treffen." Zecken wären verhungert, ausgestorben. Sind sie aber nicht – ganz im Gegenteil. "Die Zecke ist ein Erfolgsmodell der Evolution", sagt die Biologin. Schon vor etwa 50 Millionen Jahren müssen Zecken gelebt haben – Forscher fanden in Bernstein gut konservierte Vorfahren heutiger Tiere.


Die Begeisterung der Biologin für die Milben ist fast ansteckend. "Der Gemeine Holzbock ist der Anpassungsmeister unter den Blutsaugern", schwärmt sie. Kein vergleichbarer Parasit kann so lange unbemerkt Blut saugen. Dabei hilft der Zeckenspeichel, ein Cocktail aus pharmakologischen Substanzen: schmerzlindernd, entzündungs- und gerinnungshemmend. Das heißt: Die meisten Menschen merken den Stich der Zecke nicht und bekommen von der Blutsaugerei auch zunächst nichts mit. Bis zu 14 Tage kann der Blutdurst eines Zeckenweibchens anhalten.

Poritze beim Absuchen nicht vergessen

Daher empfiehlt Richter: Nach einem Besuch in der Natur unbedingt den ganzen Körper auf Zecken untersuchen, vor allem die Lieblingsplätze: Achselhöhlen, Kniekehlen, Poritze. "Am besten zweimal, abends und morgens – wie Zähneputzen."

Wer die Zecke frühzeitig entdeckt und entfernt, verringert das Risiko einer Ansteckung mit Erregern der Lyme-Borreliose. Denn die Bakterien werden – anders als das FSME-Virus – nicht sofort übertragen. Erst wenn die Zecke anfängt, Blut zu saugen, bekommen die im Darm der Zecke lebenden Borrelien das Signal, sich zu teilen und zu den Speicheldrüsen zu wandern. Das dauert. Erst nach 24 bis 30 Stunden gelangen sie mit dem Zeckenspeichel in die Wunde.

Interessanterweise sind dort, wo Wiederkäuer grasen, Zecken seltener mit Lyme-Borrelien infiziert. In einer Studie verglichen Richter und ihre Kollegen, wie viele infizierte Zecken es auf Viehweiden im Vergleich zu unbewirtschafteten Flächen gibt. Das verblüffende Ergebnis: "Auf der Weide kann man theoretisch zwei Stunden spazieren gehen und begegnet nur einer infizierten Zecke", sagt die Biologin. "Am schattigen Wegesrand in der Brache hingegen trifft man in der gleichen Zeit durchschnittlich 56 infizierte Zecken." Die Vermutung der Forscher: Der Erreger stirbt, wenn das Blut von Ziege, Schaf oder Kuh in den Darm der Zecke gelangt. Wie das genau funktioniert, erforschen die Wissenschaftler noch.

Laboruntersuchungen wenig sinnvoll

Wer eine Zecke findet, kann sie von einem Labor auf Erreger untersuchen lassen. Die Biologin Dania Richter rät eher davon ab. Denn selbst wenn eine Zecke Viren oder Bakterien an den Menschen überträgt, erkrankt längst nicht jeder daran: Höchstens sechs von 100 Menschen, die nach einem Ausflug eine Zecke auf ihrem Körper finden, bekommen nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin Symptome einer Borreliose. Und FSME-Erreger sind laut RKI überhaupt nur in 0,1 bis fünf Prozent der Zecken zu finden – und das auch nur in den FSME-Verbreitungsgebieten.

Kommt es dennoch zu einer Übertragung, erkranken höchstens 30 Prozent daran. Und nicht jeden erwischt es gleichermaßen schlimm. "Kinder haben eher leichtere Verläufe", sagt Wiebke Hellenbrand vom Fachgebiet Impfprävention des . Ein Teil der Bevölkerung dürfte sogar gänzlich vor FSME gefeit sein. "Jeder, der mit den Erregern Kontakt hatte, erwirbt eine lebenslange Immunität", sagt Gerhard Dobler, Virologe am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. In Untersuchungen aus den 1980er Jahren fand man bei fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen FSME. "Das heißt, sie waren irgendwann mit den Viren infiziert, auch wenn sie es vielleicht nicht gemerkt haben. Damit sind sie dann auch immun."

Roter Kreis als Warnzeichen

Dennoch sollte man immer notieren, wann und an welcher Körperstelle man eine Zecke gefunden hat. Und sich dann in den nächsten Wochen genau beobachten. Als Folge einer Infektion mit Lyme-Borrelien kann sich rund um den Zeckenstich ein roter, größer werdender Ring bilden – die Wanderröte. Sie entsteht allerdings nicht bei jeder Infektion. Auch grippeähnliche Beschwerden können Symptome sein – sowohl für die Lyme-Borreliose als auch für die FSME. Durch eine Blutuntersuchung kann der Arzt feststellen, ob eine Infektion vorliegt.

Während Borrelien in Zecken von Flensburg bis Konstanz vorkommen, findet sich der FSME-Erreger nur in Tieren aus bestimmten Regionen, vor allem in Süddeutschland. Das RKI veröffentlicht jedes Jahr eine Karte mit FSME-Risikogebieten. In Bayern und Baden-Württemberg gibt es die meisten gemeldeten FSME-Fälle. In diesen Bundesländern lagen 2015 auch 125 der insgesamt 145 Risikogebiete. Einzelne Risikogebiete gibt es aber auch in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, in Thüringen und Sachsen. Für Kinder und Erwachsene, die in den Risikogebieten leben und oft draußen sind und dadurch Kontakt zu Zecken haben könnten, empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die FSME-Impfung. Soll aber nur der Sommerurlaub in eine der Risikoregionen gehen, sei die Impfung eine individuelle Entscheidung.

Wer gern durchs Unterholz kriecht, kann es auch noch mit Insektenabwehrmitteln versuchen – manche Produkte bieten laut Stiftung Warentest zumindest für kurze Zeit einen gewissen Schutz. Aber trotz Kniestrümpfen und Abwehrspray wird man es nie ganz vermeiden können, dass irgendwann eine Zecke auf einen krabbelt. Auch Wiebke Hellenbrand vom RKI rät daher, sich nach jedem Waldspaziergang abzusuchen und jede Zecke sofort zu entfernen. Als Werkzeug empfiehlt sie eine Pinzette oder eine Zeckenkarte, notfalls auch die Finger. Wichtig: "Keine Drehbewegung machen und auch nichts draufträufeln. Sondern gerade herausziehen – möglichst an einem Stück."

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