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Schicksalsentscheidung über die letzten Pockenviren

Die Pocken sind seit mehr als 30 Jahren ausgerottet. Trotzdem wollen die USA und Russland die letzten Pockenviren in ihren Labors nicht vernichten. Nun entscheidet die WHO.

Von Alexandra Mankarios

  Impfampullen: Obwohl sich vor 37 Jahren zuletzt ein Mensch auf natürlichem Wege mit Pocken angesteckt hat, schließen Experten nicht aus, dass die Krankheit irgendwann neu ausbricht. Auch die noch geimpfte ältere Generation wäre dann nicht mehr ausreichend geschützt.

Impfampullen: Obwohl sich vor 37 Jahren zuletzt ein Mensch auf natürlichem Wege mit Pocken angesteckt hat, schließen Experten nicht aus, dass die Krankheit irgendwann neu ausbricht. Auch die noch geimpfte ältere Generation wäre dann nicht mehr ausreichend geschützt.

Vor 34 Jahren erklärte die Weltgesundheitsbehörde (WHO) das Pockenvirus offiziell für ausgerottet – nach einer gigantischen, 13 Jahre dauernden Impfkampagne, die bis in die hintersten Winkel des Globus reichte. Aber ganz und gar vernichtet ist der Erreger nicht: Zwei Labors in den USA und Russland bewahren noch immer unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen lebende Pockenviren auf, um weiter an dem ausgerotteten Erreger zu forschen. Ob sie ihre Arbeit auch in Zukunft fortsetzen dürfen, entscheidet diese Woche die Weltgesundheitsversammlung, das gesetzgebende Organ der WHO.

Droht die Rückkehr der Pocken?

Als der somalische Krankenhausangestellte Ali Maow Maalin 1977 an den Pocken erkrankte, ahnte er nicht, dass er Geschichte schreiben würde: als letzter Mensch weltweit, der sich auf natürlichem Weg an der gefürchteten Seuche ansteckte. Obwohl das heute 37 Jahre zurückliegt, schließen Wissenschaftler nicht aus, dass die Pocken irgendwann neu ausbrechen. Die Folgen könnten verheerend sein: Mit der Ausrottung der Seuche endete die Impfkampagne, und auch die noch geimpfte ältere Generation ist heute nicht mehr ausreichend geschützt. 300 bis 500 Millionen Menschen fielen allein im 20. Jahrhundert der hoch ansteckenden Seuche zum Opfer. Jeder dritte Infizierte stirbt, der Rest ist ein Leben lang entstellt. Um eine neue Pandemie zu verhindern, entwickeln die beiden letzten Pockenlabors unter WHO-Aufsicht unter anderem bessere Impfstoffe und Medikamente.

Die Hauptgefahr für ein Wiederaufleben der Seuche geht von nahen Verwandten des Menschenpocken-Virus aus, vor allem den weit verbreiteten Kuh- und Affenpocken: Immer wieder stecken sich Menschen bei Tieren an, die Affenpocken können sogar tödlich sein. Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es allerdings nicht. Noch nicht. "Die Viren der Kuh- und Affenpocken sind genetisch zu über 95 Prozent mit dem Erreger der Menschenpocken identisch", erklärt Gerd Sutter, Virologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Deshalb könne es theoretisch jederzeit zu einer für uns gefährlichen Mutation kommen – so wie vielleicht schon einmal vor vielen tausend Jahren. "Wir gehen davon aus, dass die Menschenpocken aus einem Tierreservoir entstanden sind", so Sutter. Deshalb hält er es "nur für eine Frage des Zufalls, der Wahrscheinlichkeit und der Anpassung, dass irgendwann wieder ein von Mensch zu Mensch übertragbares Virus entsteht."

Noch drastischer sieht ein zweites mögliches Szenario für die Rückkehr der Pocken aus: Das Virus gilt, wie auch der Milzbranderreger und das Pestbakterium, als einer der besten Kandidaten für biologische Waffen, weil die Ansteckungsrate hoch ist, die Krankheit oft tödlich verläuft und die sichtbar entstellten Infizierten in besonderem Maß Panik schüren. Dass es Staaten gibt, die heimlich seit den 1970er Jahren lebende Viren für diesen Zweck aufbewahrt haben, gilt als unwahrscheinlich. Das ist aber auch gar nicht nötig. "Die Geninformation der Pockenviren ist seit Jahren bekannt. Damit ist es theoretisch möglich, das Virus synthetisch herzustellen, wenn man nur die Ressourcen und das Wissen besitzt", erklärt Sutter.

Brauchen wir die Pocken für die Forschung?

Auch wenn die Rückkehr der Pocken nicht unmöglich ist: Brauchen wir noch mehr Forschung am lebenden Virus, um uns zu schützen? Dieser Frage widmet sich die Weltgesundheitsversammlung in dieser Woche bereits zum vierten Mal. Zuletzt wurde die Entscheidung 2011 vertagt, damit die Wissenschaft mehr Zeit bekommt, um wirksame Impfstoffe und Medikamente zu entwickeln. Die alten Impfstoffe, mit denen die Krankheit in den 1970er Jahren ausgerottet wurde, gelten heute als zu risikoreich und überholt.

Wie soll die WHO Ihrer Meinung nach über die letzten Pockenviren entscheiden?

Die Pockenforscher haben die Zeit seit 2011 gut genutzt: Erst 2013 wurde ein neuer Pocken-Impfstoff in der EU zugelassen. Für die Impfstoff-Situation, ebenso wie für die öffentliche Gesundheit, sei keine Forschung am lebenden Virus mehr nötig, entschieden deshalb Ende 2013 zwei Expertenkommissionen. Die Wissenschaftler, darunter auch Sutter, waren im Auftrag der WHO zusammengekommen, um den Stand der Pockenforschung zu begutachten. Nur in der Frage, ob das Virus noch zur Entwicklung antiviraler Medikamente nötig sei, entschieden beide Kommissionen unterschiedlich. Da aber mehrere aussichtsreiche Medikamente kurz vor der Zulassung stehen, ist anzunehmen, dass auch dieses WHO-Forschungsziel in Kürze als erfüllt gelten kann.

Während also die Vernichtung der Viren in greifbare Nähe rückt, sorgte

"Es wäre tatsächlich interessant, noch mehr über die biologischen Eigenschaften der Viren zu wissen", räumt auch Sutter ein. "Das ist aber mit den derzeitigen Sicherheitsauflagen nicht möglich, und die gibt es aus gutem Grund. Komplizierte Infektionsexperimente und gentechnische Manipulationen dürfen nach den WHO-Auflagen nicht durchgeführt werden."

Wie wichtig die Sicherheitsmaßnahmen sein können, zeigt eine Erfahrung aus dem Jahr 2003: Damals manipulierte ein amerikanisches Forscherteam die DNA des Mäusepockenvirus – eigentlich, um die Vermehrungsrate der Tiere zu beeinflussen. Stattdessen schufen sie versehentlich ein für Mäuse absolut tödliches Virus, das alle Versuchstiere umbrachte.

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