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Schlacht ums süße Gift

Mit einer Zuckersteuer auf Getränke wollte ein kalifornischer Arzt Herzkrankheiten und Diabetes bekämpfen. Softdrink-Hersteller holten zum Gegenschlag aus. Doch Jeff Ritterman gibt nicht auf.

Von Karsten Lemm, San Francisco

  Verlockende Werbung: Softdrinks im Sonderangebot

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  • Karsten Lemm

Sonderangebot! Drei Flaschen Cola, XL-Größe mit zwei Litern, heute nur fünf Dollar. Schulterhoch stapeln sich die Paletten braune Brause beim Food Co.-Supermarkt in Richmond, Kalifornien. Gleich daneben das nächste Schnäppchen: 36 Dosen Coke für nicht einmal zehn Dollar, etwa 7,50 Euro. Ginge es nach dem Herzspezialisten Jeff Ritterman, müsste jeder, der da zuschlagen möchte, pro Liter Sprudel noch 34 Cent extra zahlen – eine Zuckersteuer, um abzuschrecken, aufzuschrecken und Schlimmeres zu verhindern.

"Dies ist der Ort, an dem ich 30 Jahre lang gearbeitet habe", sagt Ritterman und nickt mit dem Kopf in Richtung Krankenhaus, das sich als blassgelber Klinkerbau über einen ganzen Straßenblock in der Innenstadt hinwegzieht. Links und rechts verrammelte Fensterfronten und Kaufhäuser, die vor Jahrzehnten ihre letzten Kunden begrüßt haben. Nur 20 Kilometer Luftlinie trennen Richmond von San Francisco, und doch liegen Welten zwischen der Arbeiterstadt und der Glitzermetropole.

Zwei Drittel aller Erwachsenen und mehr als die Hälfte der Kinder in Richmond sind übergewichtig. Überdurchschnittlich viele Patienten, groß und klein, leiden unter Diabetes. Besonders hart trifft es Schwarze und Latinos, die in der Stadt von 105.000 Einwohnern die große Mehrheit bilden. "Die Softdrink-Hersteller sprechen diese Gruppen gezielt an, und entsprechend viel wird getrunken", klagt Ritterman. "Übergewicht ist nur ein Teil des Problems. Das Entscheidende ist, dass viele junge Menschen frühzeitig durch Diabetes und Herzinfarkte ihr Leben verlieren werden."

"Wir hätten viele Menschen retten können, wenn wir stärker auf Zucker geachtet hätten"

Ritterman fällt als weißer Akademiker mit Doktortitel schon deshalb aus dem Rahmen, weil er selbst mit 64 Jahren kaum den Ansatz eines Bäuchleins hat. Er trägt Birkenstock-Sandalen, fährt einen ökofreundlichen Toyota Prius, und sein Haar fällt ihm zum Zopf gebunden lang und grau-weiß über den Rücken. Vier Jahre lang, bis Januar 2013, saß er als Abgeordneter im Stadtrat. Als Richmonds Gesundheitsdirektor Anfang 2012 eine Studie präsentierte, die zeigte, welche epidemischen Ausmaße die Probleme von Übergewicht und Diabetes angenommen haben, beschloss der Arzt, als Politiker zu handeln: Er machte sich für eine Zuckersteuer stark, speziell für Getränke, weil Wissenschaftlern immer klarer wird, dass Zucker in Softdrinks, Fruchtsaft und Schokomilch weit gefährlicher ist als im Essen. Schon eine Dose Cola am Tag, so #link;<http://www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/krankheiten/diabetes_ratgeber/limonade-26-04-13.php>;zeigen jüngere Studien#, können das Diabetes-Risiko dramatisch ansteigen lassen.

"Wenn man eine Coke trinkt, wird der Zucker direkt vom Körper aufgenommen", erklärt Ritterman. "Dazwischen steht kein Verdauungsprozess; das ist der Unterschied zum Donut." Lange Zeit hat er als Herzspezialist das selbst nicht als Problem wahrgenommen. "Ich gehöre zu einer Generation von Kardiologen, die sich vollkommen auf die Gefahr von Fett konzentriert haben", sagt Ritterman reumütig. "Wir hätten viele Menschen retten können, wenn wir stärker auf Zucker geachtet hätten."

Der Stadtrat beschloss, den Entwurf für eine "Soda Tax" auf süße Getränke den Bürgern zur Abstimmung vorzulegen – und damit ging es am Wahltag im vorigen November nicht nur um Obama gegen Romney, sondern auch um die Zukunft der Brause-Industrie. Ein Ja hätte bedeutet, dass jeder Liter Cola, Pepsi, Schweppes 34 Cent teurer geworden wäre; obendrein hätten die Hersteller fürchten müssen, dass Richmond zum Vorreiter einer landesweiten Anti-Zuckerwasser-Bewegung werden könnte.

Millionen schwere PR-Kampagne verhindert "Soda-Tax"

So bedroht, holten die Softdrink-Giganten zum Gegenschlag aus: Mehr als zwei Millionen Dollar, etwa 1,5 Millionen Euro, pumpte ihr Branchenverband in eine monatelange Kampagne gegen die "Soda Tax". An jeder Ecke forderten Plakate die Wähler auf, gegen die Gesetzesinitiative zu stimmen; das örtliche Kino, ein natürlicher Verbündeter, zeigte vor jeder Vorstellung einen Film, der vor der Zuckerzulage warnte; und eine eigens eingerichtete Website verteufelte den Gesetzesvorschlag als "irreführend, unsinnig und teuer" – eine Ausgeburt der Bürokratie, die sich gegen die Armen richte und örtliche Händler Millionen kosten würde. Ritterman zog derweil wie ein einsamer Don Quichotte mit einem Handkarren durch die Stadt, auf dem er demonstrativ 18 Kilo Zucker in einem Einweckglas platziert hatte: die Menge, die amerikanische Kinder im Durchschnitt im Jahr in sich hinein schütten, allein in Form von Cola, Sprite und Co.

"Es gab keinen organisierten Widerstand, ehe die Softdrink-Hersteller ihre Kampagne starteten", erinnert sich Ritterman. "Die Menschen waren ursprünglich eher dafür. Die Gesundheit ihrer Kinder liegt ihnen ja am Herzen." Doch die PR-Kampagne der Getränkehersteller zeigte Wirkung: Richmonds Wähler schmetterten die Steuer mit einer Zweidrittel-Mehrheit ab. "Ich bin abgewatscht worden", sagt Ritterman und zuckt mit den Schultern. "Aber es war ja nicht persönlich gemeint. Und immerhin: Ein Drittel war bereit, sich selbst eine neue Steuer aufzuerlegen."

  Jeff Ritterman in seinem Büro in Richmond: "In 20 Jahren wird auf jeder Cola-Dose die Warnung stehen: 'Achtung, dieses Getränk schadet Ihrer Gesundheit!'"

Jeff Ritterman in seinem Büro in Richmond: "In 20 Jahren wird auf jeder Cola-Dose die Warnung stehen: 'Achtung, dieses Getränk schadet Ihrer Gesundheit!'"

Ritterman gibt Kampf nicht verloren

Er sitzt nun im Büro der #link;<http://www.richmondprogressivealliance.net/>;Progressive Alliance# in Downtown Richmond, nur wenige hundert Meter vom Krankenhaus entfernt. Der karge Raum mit Neonlicht, Holzstühlen und abgewetzten Schreibtischen diente Ritterman als Hauptquartier für seine Kampagne. An einer Wand lehnt ein mannshohes Bild, das ein befreundeter Künstler gemalt hat. Es zeigt einen Totenkopf, Grau auf Rot, der durch einen Strohhalm Cola in sich hinein saugt. Der Becher ist übergroß, genau wie der Durst der Amerikaner auf süßen Sprudel.

Die erste Schlacht ist verloren gegangen, ähnlich wie in New York, wo Bürgermeister Bloomberg mit Richtern ringt, die nichts von seinem #link;<http://www.stern.de/ernaehrung/aktuelles/urteil-zu-soda-ban-in-new-york-der-xxl-becher-nun-doch-weiter-erlaubt-1982277.html>;Verbot übergroßer Softdrinks# wissen wollen. Doch Ritterman hat nicht vor aufzugeben. Im Gegenteil. Die Kampagne habe Richmond viel Aufmerksamkeit gebracht, argumentiert er, und er habe viel dazugelernt, reichlich Verbündete im ganzen Land gefunden. "Als ich klein war, durfte man überall rauchen", sagt Ritterman. Heute müssen alle, die qualmen wollen, vor die Tür, überall in Amerika. "Wir Menschen sind stur und ändern uns nicht gern. Aber es geht. Es ist nur eine Frage des politischen Willens."

Er hat keinen Zweifel, dass der Kampf, den er mit vielen Verbündeten führt, langfristig in einem Sieg enden wird. "In 20 Jahren wird auf jeder Cola-Dose die Warnung stehen: 'Achtung, dieses Getränk schadet Ihrer Gesundheit!'", glaubt Ritterman. "Die Lösung ist ja ganz einfach: Trinkt Wasser! Es ist billiger, ihr werdet reicher, ihr werdet dünner, ihr lebt länger, und die Infrastruktur ist schon da." Überzeugende Argumente eigentlich. Nur eines fehlt: die Behauptung, dass Wasser auch besser schmecken würde. Wie auch? Die Biologie ist eine Verbündete der Brause-Brauer.

Von Karsten Lemm, San Francisco

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