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9. Mai 2011, 13:02 Uhr

Alzheimer - die ausweglose Krankheit

Gunter Sachs nannte es "die ausweglose Krankheit A.". Die Erkrankten vergessen Erlerntes, verändern ihre Persönlichkeit: Hunderttausende Deutsche leiden an Alzheimer - Tendenz steigend.

Gunter Sachs, Demenz, Alzheimer, Welt-Alzheimer-Tag, Heidi Kabel, Walter Jens, Gereon Fink, Antidementiva

Hilflos und ohne Orientierung - wer dement ist, muss rund um die Uhr betreut werden© Colourbox

Gunter Sachs sah keinen Ausweg mehr. Die "Krankheit A.", wie er sie nannte, hatte schon zugeschlagen. Er stelle zwar "heute noch in keiner Weise" ein Fehlen oder einen Rückgang seines logischen Denkens fest, schrieb Sachs in seinem Abschiedsbrief. Eine wachsende Vergesslichkeit, die rapide Verschlechterung seines Gedächtnisses und des Sprachschatzes würden aber schon zu "gelegentlichen Verzögerungen in Konversationen" führen. Für Sachs eine Katastrophe, denn: "Jene Bedrohung galt mir schon immer als einziges Kriterium, meinem Leben ein Ende zu setzen." Sachs erschoss sich.

Zwar gehen wenige Menschen mit der Krankheit so radikal um wie Sachs, aber befallen von Demenz, deren drastischste Form Alzheimer ist, sind viele - auch Prominente: Die verstorbene Schauspielerin Heidi Kabel hatte Alzheimer, der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan ebenfalls. Der Rhetorikprofessor Walter Jens ist aktuell ein bekannter Demenzfall in Deutschland.

Weltweit leiden mehr als 35 Millionen Menschen an der unheilbaren Krankheit, die Hirnzellen absterben lässt, das Gedächtnis zerstört und das Wesen verändert. Und die Zahl der Betroffenen wächst rasant.

Hilflosigkeit und Aggressivität

"Leider ist unsere Gesellschaft aber nicht gut gerüstet für das gewaltige Ausmaß und die wachsende Dimension des Problems", sagt der renommierte Kölner Neurologe Gereon Fink. Wissenschaftler rechnen mit 115 Millionen Demenzkranken bis zum Jahr 2050. In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Demenz, deren häufigste Form Alzheimer ist. 2050 werden es Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge bereits 2,6 Millionen sein. Demenz - eine Volkskrankheit.

"Beim Thema Demenz werden wir in Deutschland noch viel mehr tun müssen. Das ist die größte Herausforderung, vor der wir stehen", sagt auch Maria Hanisch, Pflege-Expertin des Wohlfahrtsverbandes Caritas in Köln. "Im stationären Pflegebereich treffen sie fast nur noch auf Demente." Medikamente können nicht heilen, aber manchmal helfen, dass die Krankheit erst später ausbricht und der Betroffene länger "alltagstauglich" bleibt. Die Antidementiva helfen jedoch nur bei früher Diagnose.

Und genau daran hapert es oft: "Meine Mutter ist nachts ohne Schlüssel aus dem Haus gegangen, hat keine Lebensmittel mehr gekauft, dafür immer wieder dasselbe Putzmittel. Sie war desorientiert. Trotzdem hat es ewig gedauert, bis wir die klare Diagnose Demenz hatten", erzählt Sabine Stein, deren Mutter erkrankt ist.

Demenz lässt unaufhaltsam immer mehr Hirnzellen absterben. Erinnerungen werden ausgelöscht, die Persönlichkeit verändert sich. Die Kranken finden sich zeitlich und räumlich nicht mehr zurecht. Sie werden inaktiv, hilflos und brauchen rund um die Uhr Betreuung. Demenzkranke können nicht mehr auf früheres Wissen zurückgreifen, viel Erlerntes verschwindet einfach - auch die eigene Biografie. Sie wissen am Ende nicht mehr, wer sie sind, erkennen ihre Liebsten nicht mehr. Neues überfordert die Kranken, die auch aggressiv werden können.

Kräftezehrende Pflege

Für Angehörige ist das eine harte Belastung, weiß Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. "Nach Schätzungen werden rund 60 Prozent der Demenzkranken zu Hause gepflegt, manchmal jahrelang. Das ist so kräftezehrend für die Angehörigen, dass sie oft selbst erkranken." Doch für viele Angehörige ist das Heim keine gute Alternative. Bei der ambulanten Pflege und in den Heimen gebe es Defizite. "Man erwartet Leute, die sich auskennen mit dem Krankheitsbild, aber das ist leider von der Ausbildung her oft nicht gegeben", sagt die Geschäftsführerin.

Einen Ausweg bieten Wohngemeinschaften für Demenzkranke. Diese WGs sind beliebt, weil sie dem eigenen häuslichen Wohnumfeld ähneln. Dennoch handele es sich erst um ein "zartes Pflänzchen", der Bedarf sei riesig, erklärt Hanisch. Sabine Stein konnte ihre Mutter in einer solchen Demenz-WG in Köln unterbringen. Dort hat sie ihr eigenes Zimmer und ihre eigenen Möbel. "Es ist immer jemand da, der aufpasst. Auch nachts. Es ist die beste Alternativen zum eigenen Zuhause."

Geistige Aktivität schützt

Und das Zusammenleben bringt deutliche Vorteile: "Vor dem Umzug in die WG war meine Mutter ganz verstummt, jetzt erhält sie Impulse, wird aktiviert. Wenn sie Kartoffeln schälen will oder bügeln, dann darf sie das und dann tut sie das. Priorität haben die speziellen Bedürfnisse der Dementen."

Da es keine Heilung gibt, ist Vorbeugung umso wichtiger. "Viele Studien haben belegt, dass ein hohes Bildungsniveau schützt, eine rege geistige Aktivität", erklärt Fink. Diabetes und Fettstoffwechsel-Erkrankungen gelten als Risikofaktoren. Und: "Regelmäßiger Sport und Bewegung ist ganz wichtig zur Vorbeugung."

Hilfe für Betroffene Erkrankte und Angehörige können sich auf dem neuen Portal Wegweiser Demenz des Bundesfamilienministeriums umfassend über die Krankheit informieren. Dort finden sich unter anderem Tipps zu Therapie-, Pflege- und Hilfsangeboten. Ein Forum bietet Möglichkeit zum Austausch.

ben/lea/DPA/AFP
 
 
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