Das ESAC-Projekt untersucht seit 2001 den Antibiotika-Verbrauch in 34 meist europäischen Ländern. Die deutsche Arbeitsgruppe um Professor Winfried Kern vom Universitätsklinikum Freiburg hat gute Nachrichten: "Die Ärzte hierzulande verordnen weniger Antibiotika als viele ihrer europäischen Kollegen."

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Warum widmen Sie und ihre Forscherkollegen sich einem solch aufwändigen Projekt, das sogar über mehrere Jahre läuft?
Immer mehr Antibiotika werden unwirksam. Dass heißt, die Erreger sind immer häufiger resistent gegen die Wirkstoffe. Einigen Bakterien ist mittlerweile kaum noch mit Antibiotika beizukommen. Die Pharmaindustrie hat in den vergangenen Jahren kaum neue Präparate entwickelt. Wir müssen also mit dem auskommen, was wir haben. Indem wir untersuchen, wo welche Antibiotika in welchem Umfang verordnet werden, können wir hoffentlich verhindern, dass noch mehr Präparate unbrauchbar werden.
Wie genau wehren sich die Erreger gegen die Antibiotika?
Bakterien haben nur ein einziges Ziel - sie wollen überleben. Dafür verändern sie ziemlich rasant ihre genetische Struktur: Sie tauschen hilfreiche Gene untereinander aus oder profitieren vom spontanen Umbau ihres Erbmaterials. Das ist möglich, wenn der falsche Wirkstoff gewählt wird oder der Patient das Medikament in zu geringer Dosis beziehungsweise zu kurz einnimmt. Hinzu kommt, dass Ärzte und Pflegepersonal einfachste Hygieneregeln wie Händewaschen missachten. Zunehmend mehr Patienten haben zudem eine geschwächte Abwehr: durch Chemotherapien, Organtransplantationen oder chronische Leiden wie die Zuckerkrankheit.
Zum Beispiel?
Kindern bekommen bei einer Lungenentzündung häufig so genannte Makrolide verordnet. Die Eltern hören mit der Behandlung zu früh auf, weil es dem Kind wieder besser geht oder sie verpassen eine Dosis, weil sich das Kind gegen das Medikament wehrt. Die Folge sind Makrolid-resistente Pneumokokken, die das Kind dann weiterträgt.
Wie steht Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern da? Und woran liegt das?
Deutschland liegt beim Verbrauch erfreulicherweise im unteren Drittel; in vielen südeuropäischen Ländern verordnen die Ärzte weitaus mehr Antibiotika. Doch auch hierzulande ist noch jede vierte Antibiotika-Therapie überflüssig. Offenbar gehen die Leute immer noch mit der Erwartung zum Arzt, dass sie mit einem Antibiotikum-Rezept wieder nach Hause kommen. Sie haben nicht die Zeit oder Geduld, mal ein, zwei Tage abzuwarten; einige wollen auf keinen Fall auf der Arbeit fehlen. Dabei sind es oft nur Stunden, die ein solches Präparat die Heilung beschleunigt.
Was raten Sie Ärzten und Patienten?
Einerseits müssten sich die Ärzte mehr Zeit nehmen können, um ihren Patienten zu erklären, dass manchmal auch schon eine Nasenspülung und mal richtig ausschlafen hilft. Außerdem sollten sich die Ärzte mehr informieren: Über neue Resistenzen und aktuelle Studien.
Und Patienten sollten nicht den Anspruch haben, dass auf jede Erkältung oder Nasennebenhöhlen-Entzündung gleich ein Rezept mit einem Antibiotikum folgt. Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, den Patienten ein Rezept auf Reserve mitzugeben. Sie sollen erst mal ein, zwei Tage abwarten und wenn es ihnen dann immer noch nicht besser geht, können sie das Rezept einlösen. Und siehe da, die meisten fühlen sich nach 24 Stunden schon wieder ganz passabel. Würden das alle Ärzte so machen, ließen sich 30 bis 50 Prozent der Antibiotika-Verordnungen einsparen.
Die Fragen stellte Constanze Löffler
Weiterführende Infos zum ESAC-Projekt (European Surveillance of Antimicrobial Consumption Project) finden sie hier.