Wundmale können nicht nur äußerlich entstellen. Sie verursachen auch Schmerzen. Britische Forscher haben ein neues Medikament entwickelt, dass Narben reduzieren soll: In frische Wunden gespritzt, macht es die Nähte später angeblich fast unsichtbar.

Der Körper repariert geschädigtes Gewebe mit Kollagenfasern: Eine Narbe entsteht© Picture-Alliance
Kira ist neun Monate alt, ein quicklebendiges Mädchen. Dabei sah es für die Kleine zunächst gar nicht gut aus. Bereits vor der Geburt war bei ihr ein offener Rücken diagnostiziert worden. Deshalb entschlossen sich die Eltern zu einer Operation noch im Mutterleib. Mediziner Thomas Kohl vom Deutschen Zentrum für Fetalchirurgie an der Bonner Uniklinik führte den Eingriff durch, der die Folgen der Erkrankung stark minderte - und wenig Spuren hinterlassen hat: Die vernähte Stelle ist kaum noch zu erkennen, nur eine unscheinbare Spur schimmert auf der Haut des Kindes. "Wenn wir Föten sehr früh operieren und die Kinder dann geboren werden und wachsen, bleiben die Narben so klein, wie sie zum Zeitpunkt des Eingriffs waren", sagt Kohl.
Das Wunder der Mini-Wundmale fasziniert nicht nur Fetalchirurgen stets aufs Neue. Schon lange versuchen Forscher, dem Geheimnis der frappierenden Gewebeheilung im Uterus auf die Schliche zu kommen. Sie wollen herausfinden, mit welchen Tricks die Natur es schafft, den menschlichen Körper im Milieu des Mutterleibs so perfekt zu reparieren, während beim Erwachsenen nach einer Verletzung deutliche Spuren bleiben. Die Mediziner hoffen nun, mit einem neuen Medikament auch außerhalb des pränatalen Raumes manch derbes Mal vermeiden zu können. Millionen Betroffenen könnte so geholfen werden.
Wie Narben entstehen, ist bekannt. Sie bilden sich nach Verletzungen des Körpers, wenn bei Unfällen Gewebe reißt oder verbrennt, oder wenn das Skalpell eines Chirurgen bei einer Operation tief ins Fleisch schneidet. Aber auch Entzündungen der Haut wie bei Akne können Male verursachen - genauso wie die Autoimmunkrankheit Lupus Erythematodes, unter der beispielsweise der britische Sänger Seal leidet.
Wie auch immer - wenn die Verwundung heilt, ersetzt der körpereigene Reparaturmechanismus die abgestorbenen Zellen durch kollagenreiches Bindegewebe: die Narbe. Das passiert in jedem Organ bei einer Verletzung; auf der Körperoberfläche ist das Ergebnis gut sichtbar, denn dort fehlen im Wundverschluss die für die Hautfärbung verantwortlichen Melanozyten. Deshalb erscheint diese Region meist heller als die Umgebung. Zudem gibt es hier weder Haare noch Talg- oder Schweißdrüsen.
Viele Betroffene leiden psychisch unter ihrem unansehnlichen oder gar entstellenden Makel, vor allem nach Blessuren im Gesicht. Zudem können Narben Schmerzen verursachen und in der Nähe von Gelenken die Bewegungsfreiheit einschränken. Im Körperinneren haben sie häufig fatale Folgen: Im Auge drohen der Rückgang der Sehfähigkeit oder gar Blindheit, im Nervengewebe sind die Reparaturnähte Barrieren für die Weiterleitung von Reizen und führen unter Umständen sogar zu Lähmungen. Und wenn bei einem Herzinfarkt Teile des Hohlmuskels vernarben, schrumpft die Leistung des Lebensmotors.
Wie massiv die bleibende Spur ist, hängt von vielen Faktoren ab. Bei chirurgischen Eingriffen spielt das Können des Operateurs eine große Rolle. "Geschickte Schnittführung, optimales Nahtmaterial und saubere Nahttechnik sind Voraussetzungen dafür, dass eine Narbe möglichst fein wird", sagt Friedrich Pullmann, plastischer Chirurg aus Köln, der es als Herausforderung empfindet, die Störstellen im Gewebe seiner Patienten "so klein wie irgend möglich zu halten". Darüber hinaus nimmt auch die individuelle Wundheilung Einfluss auf den Verlauf. So wirken sich Infektionen des Gewebes negativ aus, auch Fettleibigkeit und Diabetes, Rauchen und manche Medikamente können die Sanierung verzögern. Zudem wächst junges Fleisch besser zusammen als altes. Und einige Menschen neigen genetisch zu einer besonders wulstigen, das heißt hypertrophen Narbenbildung - oder zu sogenannten Keloiden, bei denen sich die Verdickungen auf unverletzte Bereiche ausbreiten.
Immerhin entwickelten Mediziner und Pharmazeuten in den vergangenen Jahren eine ganze Palette von Verfahren, um störende Stellen auf der Haut zu mindern. Sie erfanden Druck- und Laserbehandlung, Kortisonspritzen und Kältesprays, Bestrahlung und Silikongele, Pflaster und Salbe (siehe "Methodencheck"). Doch immer ist es ein Herumdoktern mit unvorhersagbarem Ausgang. Und oft sind die Ergebnisse alles andere als zufriedenstellend.
Das soll sich nun ändern - durch die Erkenntnisse über die spurenarme Gewebereparatur bei Föten im Mutterleib. Zwar zeigte sich bei der Erforschung der Heilvorgänge im Uterus, dass es sich um ein äußerst komplexes Geschehen handelt. Doch klar ist: Maßgeblich sind eine Reihe körpereigene Substanzen beteiligt, so genannte Wachstumsfaktoren. Vor allem diese Proteine, die in den Zellen produziert und dann in die Umgebung abgegeben werden, bewirken die Bildung frischen Gewebes.
Mit solch einem Wachstumsfaktor namens "TGF-Beta-3" - er wird synthetisch hergestellt - entwickelt derzeit die Biotech-Firma Renovo im britischen Manchester ein Medikament. Es soll in die frischen Wundränder gespritzt werden und die Reparaturstellen später unauffällig machen. Im Augenblick laufen Studien an Patienten. So wurden mehreren Hundert Freiwilligen jeweils zwei Verletzungen an den Armen zugefügt. In eine wurde "TGF-Beta-3" gespritzt, in die andere ein Placebo. Ergebnis: Bei einem Drittel der Patienten bildeten die behandelten Verwundungen deutlich schwächere und kleinere Narben als die unbehandelten; bei einem weiteren Drittel war ein Effekt zu sehen, wenn auch nicht zufriedenstellend, beim letzten Drittel schließlich tat sich nichts. Warum diese Testpersonen nicht auf die Therapie ansprangen, wollen die Forscher noch herausfinden.
Was das Mittel im klinischen Alltag taugt, wird sich zeigen, wenn es nach der anstehenden letzten Testphase auf den europäischen Markt kommt. Die Lizenz für das außereuropäische Geschäft jedenfalls hat die englische Firma bereits teuer verkauft; 125 Millionen Dollar zahlte der internationale Pharmakonzern Shire. Keine Frage: Mit einer wirkungsvollen Anti-Narben-Substanz ließe sich eine Menge Geld verdienen.
Ob damit schon der Durchbruch gefeiert werden kann oder es erst der Anfang einer neuen Generation von Anti-Narben-Arzneien ist – solch ein Medikament wäre ein Segen für viele Patienten. Zum Beispiel bei Kaiserschnitten und Bypässen, Blinddarm- und Schilddrüsenoperationen. Für die plastisch-ästhetische Chirurgie wäre es gar eine Revolution. „Wir könnten dann Eingriffe ganz anders planen“, sagt der Kölner Operateur Pullmann. „Heute ist es eine unserer Hauptaufgaben etwa bei Brustvergrößerungen oder Facelifts, die Schnitte so zu legen, dass die Narben möglichst versteckt sind. Mit einem derartigen Medikament hätten wir vollkommen neue Freiheiten und müssten bei vielen Operationen keine Kompromisse mehr machen.“ Beauty-Träume, grenzenlos.
Horst Güntheroth
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2008