Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

„Vielleicht gibt es Fahnder, die Beratung brauchen“

Am Donnerstag wird vermutlich der deutsche Steuerdatendieb Lutz O. verurteilt. Er verkaufte Kundeninfos der Bank Julius Bär an deutsche Behörden. Für das Leben nach der Haft hat er bereits Pläne.

Jeden Tag wischt Lutz O. die Tische in der Strafvollzugsanstalt Zug in der Schweiz ab. Immer nach dem Essen. Dann nimmt er sich den Staubsauger und reinigt die Flure. Im Knast ist der Hausmeisterjob "das Zückerli", sagt der 54-jährige Deutsche. Er trägt einen etwas zu langen Bart, das graue Haar wellt sich im Nacken, da es im Knast keinen Friseur gebe. Die Augen hinter der metallumrandeten Brille sind klein und wach. Durch den Job habe man Zugang zu vielen Räumen, auch zu dem, in dem der Computer steht. Der Programmierer und Hobbygolfer aus Göttingen, der der Schweizer Bank Julius Bär ihr Heiligstes stahl, der ihr tausende Datensätze deutscher Kunden entwendete, schreibt dort an einem Roman. "Die Wärter wissen, dass sie mich da finden wenn meine Arbeit erledigt ist", sagt O. Er sei hier der "Outlaw", alle anderen Insassen würden wegen Drogendelikten und Einbrüchen sitzen.

Entspannt lehnt er sich im Besucherzimmer der Strafanstalt in einen schwarzen Sessel, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und setzt die Turnschuhsohle auf den kleinen Beistelltisch aus Holz und Stahl. Durch das bodentiefe Fenster in den mausgrauen Wänden schaut O. in den Gefängnisgarten. Neben dem Teich und der Gartenlaube steht eine kleine Palme, akkurat angelegte Beete reichen bis an die meterhohe Betonmauer. Aber O. darf nicht hinaus, um beim Salatpflücken zu helfen. "Sie haben Angst, dass ich über die Mauer klettere", sagt er und schüttelt den Kopf. Immerhin, hier in Zug habe er nach sieben Monaten Haft zum ersten Mal wieder ein grünes Blatt gesehen.

Quelle: stern

Am Donnerstag wird Lutz O. vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona im Gerichtssaal Pretorio der Prozess gemacht. Die Schweizer Bundesanwaltschaft wirft ihm wirtschaftlichen Nachrichtendienst, Geldwäsche, Verletzung des Geschäftsgeheimnisses und des Bankgeheimnisses vor. Auch die Bank Julius Bär ist als Privatklägerin dort vertreten. Lutz O. und seine Verteidiger haben sich bereits mit den Schweizern geeinigt. Das Urteil soll ebenfalls am Donnerstag verkündet werden, Ende des Jahres könnte er auf freiem Fuß sein.

Lutz O. will die Verhandlung morgen jedoch erst einmal nutzen, um eine Erklärung abzugeben. Seit seiner Verhaftung hat er sich zurückgehalten, dabei hätte er so viel zu erzählen. Über die Schweizer Politik, über Geldwäsche und Steuerhinterziehung, über die Sicherheitslücken bei der Bank. Solange er seine Strafe jedoch nicht vollständig verbüßt hat, wird er wohl keine taktischen Fehler begehen. Im kommenden Jahr könnte er sich aber gut vorstellen, einen Blog zu betreiben. Nicht um damit Geld zu verdienen. "Mir gefällt die Idee, öffentlich meine Meinung kundzutun. Vielleicht gibt es auch Steuerfahnder, die Beratung brauchen", sagt er und lacht.

Lutz O. hat viel Erfahrung im Finanzsektor. In den siebziger Jahren ließ er sich zum Verwaltungsangestellten ausbilden. Später lernte er programmieren und arbeitete für Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen. In den Neunzigern machte er ein Mobilfunkgeschäft in Göttingen auf, weil er sich immer auch "als Unternehmer" gesehen habe, "nicht nur als IT-Fuzzi". Irgendwann in dieser Zeit bekommt O. Schwierigkeiten mit dem Finanzamt. Er hat Steuerschulden, die im Jahr 2004 bis auf eine Million Euro anwachsen. Warum er so viel Geld nachzahlen muss, darüber spricht er nicht gern. Sein Steueranwalt Achim Doerfer ist der Meinung, Lutz O. "hat das Pech gehabt, in die Fänge überehrgeiziger Steuerfahnder zu gelangen". Die Schätzung sei "äußerst überzogen" gewesen. Lutz O. flieht in die Schweiz wo er mit seiner Frau ein neues Leben aufbaut. Doch die deutschen Behörden wird er nicht los, sie erhöhen den Druck und werden später sogar sein Haus durchsuchen lassen.

Betreff: hinundweg

Im September 2010 schickt ihn die IT-Firma, bei der er angestellt ist, zum Sitz der Bank Julius Bär nach Zürich. Er ist dort für interne Systeme zuständig, die Buchhaltung und Verwaltung der Bank steuern und hat so Zugriff auf die Kundendaten. Im Oktober 2011 beginnt er, sie sich per E-Mail nach Hause zu schicken. Als Fotos getarnt, hängt er in 15 E-Mails 70.000 bis 80.000 Datensätze an, viele mit dem Betreff "hinundweg". Lutz O. grinst, "es war kinderleicht". Er glaubt, dass die Bank E-Mails nur etwa drei Monate lang speichert und fühlt sich sicher. Im Sommer will er verschwinden, nach 30 Jahren in den IT-Abteilungen von Banken und Versicherungen hat er genug. Später wird er sagen, er habe nicht damit gerechnet, so schnell aufzufliegen.

Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits einen Plan ausgeheckt. Gemeinsam mit seinem Golffreund Edgar W. (Name von der Redaktion geändert) will er die Kundendaten deutscher Anleger, die mehr als 100.000 Euro bei der Bank bunkern, an die Finanzbehörden in NRW verkaufen. Edgar W. war 40 Jahre lang Finanzbeamter in Deutschland, 26 davon Steuerfahnder, inzwischen ist er im Ruhestand. Wie die beiden auf die Idee kamen, mit Bankdaten Geld zu verdienen, da hat jeder seine eigene Version. Auch wie viele brauchbare Daten sie verkauft haben und vor allem, wie viel Geld sie dafür bekamen, ist nicht klar. Bis zum Februar 2012 übergibt Edgar W. 2700 Datensätze an die Steuerfahndung Münster. Die Schweizer glauben, die Deutschen haben dafür 1,1 Million Euro bezahlt. Den größten Teil der Belohnung habe O. dazu verwendet, "eigene Steuerschulden in Deutschland zu begleichen". 220.000 Euro habe er Edgar W. überlassen. Der sagt, er habe kein Geld bekommen, sondern nur seine Pflicht als Steuerfahnder erfüllt. Die Schweizer ermitteln noch immer gegen W.

Ein Freund des Postgeheimnisses

Am 24. Juli 2012 nehmen Ermittler Lutz O. an seinem Arbeitsplatz bei der Bank in Zürich fest. Durch die Tiefgarage führen sie ihn ab und bringen ihn in ein Untersuchungsgefängnis. Am meisten habe er während der Haft seine Frau und das Golfen vermisst, sagt er nachdenklich und schaut aus dem Fenster. "Aber ich kann es nicht ändern." Auch dass sein Komplize in Deutschland in Freiheit lebt, beschäftigt ihn nicht. Er wartet viel mehr auf den Moment an dem er endlich öffentlich abrechnen kann. In der Schweiz will er nicht länger wohnen. "Eigentlich habe ich nur einen Hehler bestohlen, der Dieben geholfen hat, ihr Geld zu verstecken." Eine Sache habe er aber durchaus gelernt. Er wisse jetzt das Postgeheimnis viel mehr zu schätzen. Da könne man etwas auf ein Blatt Papier schreiben, verschicken und nach dem Lesen verbrennen. "Ich verschicke jedenfalls keine E-Mails mehr".

von: Nina Plonka

Fotos: dpa / stern

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools