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Tod im Krieg der Glaubensbrüder

Bilal Ü. ist das nächste deutsche Todesopfer in Syrien. Der Mann aus Bonn könnte Opfer eines Angriffs salafistischer Glaubensbrüder geworden sein.

Von Johannes Gunst und Andreas Mönnich

Bilal Ü.

Bilal Ü.

Es ist erst zwei Jahre her. Damals schien es, als habe Bilal Ü. die Kurve bekommen. Deutsche Terrorfahnder vermuteten, der Bonner Islamist sei "geläutert". Andreas M., der noch 2009 mit Bilal nach Pakistan gereist war, sich dort gemeinsam mit seinem Freund zum Gotteskrieger ausbilden lassen wollte, schrieb in einem Brief: Bilal sei nun verheiratet, gehe einem normalen Beruf nach und werde bald Papa. Doch aus dem Familienleben wurde nichts. Bilal ist tot, wie die "Süddeutsche Zeitung" am Donnerstag als erstes vermeldete.

Gestorben ist Bilal auf dem Schlachtfeld des syrischen Bürgerkriegs. Nach stern-Informationen ist der studierte Maschinenbauer schon seit mehr als drei Wochen nicht mehr am Leben. Über die genauen Umstände von Bilals Tod existieren keine gesicherten Informationen. Wie der stern erfuhr, hält man es in deutschen Sicherheitsbehörden jedoch für sehr wahrscheinlich, dass Bilal in Sarakib ums Leben gekommen ist. Die Kleinstadt befindet sich in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens und war Mitte Januar Schauplatz eines blutigen Gefechts. Dutzende Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) sind dabei gestorben, darunter wohl auch der junge Mann aus Bonn.

Die ISIS ist die radikalste aller syrischen Rebellengruppen. In den von ihr kontrollierten Gebieten errichtet die Gruppe eine grausame Scharia-Herrschaft. Die Gotteskrieger führen öffentliche Hinrichtungen durch und unterhalten Geheimgefängnisse, in denen sogar 8-jährige Kinder einsitzen. Ehemalige Gefangene berichten Amnesty International von grausamen Folterungen. Zuletzt ist die ISIS am Montag in die Schlagzeilen geraten, weil sich selbst al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri in einem öffentlichen Statement von den Aktionen der Terror-Gruppe distanziert hat.

Radikale gegen extrem radikale Islamisten

Der Salafist Bilal Ü. war offenbar Mitglied dieser selbst nach al-Qaida-Maßstäben radikalen Organisation. Er ist einer von etwa 270 Männern und Frauen aus Deutschland, die laut Zählung des Verfassungsschutzes seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs nach Syrien gereist sind. Viele von ihnen haben sich mittlerweile der ISIS angeschlossen. Die Gruppe steht nämlich nicht nur in dem Ruf extremer Brutalität, sondern kümmert sich offenbar auch besser als andere Rebellenfraktionen um ausländische Kämpfer im Land. Mit Vorliebe rekrutiert sie junge Männer wie Bilal, die ursprünglich nach Syrien gereist sind, um Schützenhilfe im Krieg gegen Bashar al-Assad zu leisten.

Doch hinter dem Angriff Mitte Januar steckten keine Soldaten Assads. Es waren Kämpfer der "Islamischen Front", die den Schlag gegen ISIS-Stellungen in Sarakib anführten. Die "Islamische Front" ist ein von Saudi-Arabien unterstützer Rebellen-Verbund salafistischer Prägung, der mit der ISIS aktuell um die Vorherrschaft als mächtigste Rebellengruppe in Syrien ringt. Ziel beider Organisationen: Die Errichtung eines islamischen Kalifats. Bilal Ü. starb also offensichtlich nicht als "Märtyrer" im "Kampf gegen die Ungläubigen", sondern, auch wenn das kaum sein Wunsch gewesen sein dürfte, im eitlen Bruder-Krieg zwischen radikalen und extrem radikalen Islamisten.

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Johannes Gunst und Andreas Mönnich