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Google sieht dich an

Der Internetkonzern hat uns alle im Blick. Sein neues Angebot Google Street View ist dabei nur die Spitze des Datenberges: Die Kameraautos sind der sichtbare Teil einer umfassenden Beobachtung, bei der täglich Millionen weitaus sensiblere Informationen gesammelt werden als die Außenansichten unserer Häuser.

Von Stefan Schmitz, Karsten Lemm und Dirk Liedtke

  Eine Google-Street-View-Kamera unterwegs in Brasilien

Eine Google-Street-View-Kamera unterwegs in Brasilien

Von:

Stefan Schmitz und Karsten Lemm

Google hat nicht geklingelt und auch nicht angerufen.

Was hätten sie auch sagen sollen? "Guten Tag, dürften wir Ihren Vorgarten fotografieren, damit ihn jedermann auf der Welt besichtigen kann?" Das hätte nicht geklappt.

Sie haben ihre schwarzen Wagen mit den Kameras auf dem Dach also einfach so losgeschickt.

Sie haben Häuser, Bäume, Autos, Menschen fotografiert. Sie ließen mit ihren Lasern die Fassaden abtasten, um daraus dreidimensionale Ansichten zu erzeugen. Aus knapp drei Meter Höhe spähten von jedem Wagen acht elektronische Augen über Hecken und Mauern, ein neuntes blickte nach oben in den Himmel.

Das Ergebnis ist "Street View".

Ganz so, als wäre man selbst da

Von November an sollen die Straßenansichten für 20 große deutsche Städte verfügbar sein. Dann kann der Chef rasch nachschauen, ob der Bewerber über einem Sexshop haust. Der Bankberater kann sich online ein Bild machen, ob die wahre Fassade des Kreditanwärters vertrauenswürdig wirkt. Und beim Flirt im Zug reicht die Visitenkarte des Gegenübers, um mit dem iPhone auf dem Klo zu checken, ob Schaukel und Sandkasten vor seinem Haus stehen.

Man muss nur das kleine orangefarbene Männchen auf der Internetseite von "Google Maps" dahin ziehen, wo man sich einen Überblick verschaffen will. Ein grüner Kreis erscheint, und nun kann man das Bild schwenken, zoomen, ein wenig vor- oder zurückgehen.

Ganz so, als wäre man selbst da.

Schöne, neue Welt. Wer da nicht mitmachen will, muss die Herren des Internets bitten, sein Heim unkenntlich zu machen. Ihnen reicht es nämlich als Zustimmung, wenn man sich nicht die Mühe macht, ausdrücklich zu protestieren. Und dass man hierzulande schon Widerspruch einlegen darf, bevor die Bilder online gehen, gilt als besonderes Zugeständnis an die merkwürdigen Deutschen. "Das gibt es weltweit sonst nirgends", sagt die deutsche Google-Sprecherin Lena Wagner. Erst schießen, dann fragen - das ist das Konzept im wilden Internet-Westen.

Nicht alle wollen ins Netz

Immer mehr Deutsche wollen sich das nicht gefallen lassen. Innerhalb weniger Tage hat sich eine ganz große und ziemlich aufgeregte Koalition zum Schutz des Privaten gebildet. Guido Westerwelle gehört dazu, der nicht nur sein Haus pixeln lassen will, sondern seine gebeutelte FDP auch gleich als "Anwalt" der Privatsphäre anpreist. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) verspricht äußerste Wachsamkeit.

Der Linke Bodo Ramelow will nicht mit seinen Balkonblumen ins Netz; auch der Sozialdemokrat Thomas Oppermann nicht und der Grüne Hans-Christian Ströbele erst recht nicht.

In Zeitungen erscheinen ganze Galerien mit Bildern von Menschen, die sich wehren: Normale Leute wie die 62-jährige Frührentnerin Brigitte Jürrens sind ebenso dabei wie Prominente, etwa der Schauspieler Sky du Mont. Bei einer Forsa-Umfrage für den stern sagte knapp die Hälfte der Befragten, sie würde es stören, wenn ihr Haus im Internet zu sehen wäre. Der Bürgermeister der Gemeinde Molfsee, Roman Hoppe, spricht für viele, wenn er sagt: "Nicht alles, was aus Amerika kommt, wollen wir auch bei uns haben. Wir wollen nicht im Internet sein." Dabei existieren im Netz schon jetzt von den meisten Internetnutzern weit intimere Dateien als die Straßenansichten ihrer Häuser.

Überwachung wird plötzlich offenkundig

Aber "Street View" ist etwas Besonderes: "Es kann sich unheimlich anfühlen, wenn Google durch die eigene Straße fährt", sagt Danny Sullivan, ein renommierter Suchmaschinenexperte.

Die sonst so diskrete, scheinbar abstrakte Überwachung in weit entfernten Rechenzentren ist auf einmal offenkundig - und genau das scheint den Blick auf die ganze Onlinewelt zu verändern.

Zumindest in Deutschland.

Denn da, wo "Street View" herkommt, hat es nicht annähernd so viel Aufregung ausgelöst. Der normale Ablauf scheint in den meisten Ländern zu sein, dass es erst ein leises Murren gibt, dann ein paar lustige Anekdoten - und das war es dann.

Debatte über Google und die Privatsphäre

So entdeckten die Eheleute Casey aus dem kalifornischen Oakland vor drei Jahren in dem frisch gestarteten Dienst ihre Katze Monty.

Sie hockte auf dem Fensterbrett vor ihrem Wohnzimmer und leckte sich die Pfoten. Mary Kalin-Casey war empört und löste eine Debatte über Google und die Privatsphäre aus - aber nur wenige andere forderten schließlich, dass ihre Häuser gepixelt werden.

Die Briten brachten die spärlichen Proteste gegen "Street View" eher zum Schmunzeln als zum Nachdenken. Etwa über das Dorf Broughton in Buckinghamshire, in dem der 43-jährige Paul Jacobs so etwas wie eine Bürgerwehr mobilisierte, die es anfangs tatsächlich schaffte, den Kamerawagen in die Flucht zu schlagen.

Oder über den Ehemann, der seinen auffälligen Range Rover vor dem Haus seiner Freundin geparkt hatte. Seine Frau sah den Beweis für seine Untreue im Netz und reichte die Scheidung ein.

Daten aus privaten WLAN-Netzen abgegriffen

Auch in Frankreich gab es, so die Pariser Google-Sprecherin, "sehr viel weniger Beschwerden als erwartet". Die Tourismusbranche sei ganz begeistert, gemeinnützige Organisationen nutzten den Service gern: "Wir haben Partnerschaften mit kulturellen Organisationen, mit Zeitschriften wie 'Telerama`, mit denen wir Paris- Rundgänge entwerfen, oder mit der Unesco, die dadurch endlich ihre Welterbe-Orte zeigen kann." Die Niederländer erregten sich kurzzeitig über ein angeblich nur spärlich bekleidetes Promipärchen auf den Bildern - aber sonst passierte wenig.

Wirklich ernsthaften Gegenwind bekam Google nur in diesem Frühjahr, als bekannt wurde, dass die Kamerawagen bei ihren Fahrten auch Daten aus privaten WLAN-Netzen abgegriffen hatten.

Das alarmierte in vielen Ländern die Staatsanwälte.

Die Internetnutzer allerdings lieben den Dienst, sie klicken wie verrückt auf die Ansichten. Und wenn sich Millionen Menschen die Bilder anschauen, dann lockt das Werbekunden an. Jeder, der am Wegesrand ein Geschäft betreibt, wird sich den Google- Nutzern präsentieren wollen. Das ist die Idee des ganzen Dienstes, der eigentlich bloß eine Funktion des altbekannten Landkartenangebots "Google Maps" ist.

Mission: Digitalisierung des Alltags

Aus Google-Sicht gibt es nur Gewinner: Die Leute finden, was sie suchen. Die Unternehmen bekommen Kunden, und Google verdient kräftig mit - denn die Angebote des Konzerns sind zwar für Privatkunden kostenlos, aber für werbende Unternehmen ganz und gar nicht.

Dabei sieht Google in der Digitalisierung unseres Alltags nicht nur ein lukratives Geschäft, sondern geradezu eine Mission. Das erklärte Ziel ist es, "die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen".

Um dem näherzukommen, startet das Unternehmen Internetdienst um Internetdienst.

In der Google-Welt kann man E-Mails verschicken, Dokumente erstellen, mit Freunden chatten, Routen planen und vieles mehr (mehr dazu ab Seite 10).

"Street View" ist schon heute äußerst populär

"Google ist wie das Wetter. Es ist immer da, man kann nicht ohne Google leben", sagt der Unternehmenschef Eric Schmidt. Das klingt reichlich aufgeblasen - aber es kommt der Wahrheit sehr nah.

Vieles von dem, was Google bietet, macht das Leben einfacher, bequemer, bunter und schöner.

Selbst bei den so skeptischen Deutschen ist "Street View" schon heute äußerst populär. Jede Woche schauen sich Hunderttausende mithilfe des Dienstes Urlaubsziele an, die bereits online sind. Auch die, die selbst nicht gefunden werden wollen, finden es offenkundig faszinierend, sich bei anderen umzuschauen.

Google zeigt uns die Welt. Es fotografiert die Fassaden von Häusern in den tollsten Städten, scannt das Internet nahezu in Echtzeit, digitalisiert Bücher aus ehrwürdigen Bibliotheken, sammelt wissenschaftliche Papiere und verweist auf zahllose Bilder und Youtube-Videos. Das Wissen der Welt - und der Klatsch dazu - soll jederzeit und überall abrufbereit sein.

Fast eine Milliarde Nutzer weltweit

Seit das digitale Zeitalter angebrochen ist, haben wir zahllose Eingriffe in unsere Privatsphäre hingenommen, die nicht wie "Street View" an der Haustür enden.

Die klugen Köpfe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieben, Google wisse über seine Nutzer Dinge, die "selbst Mielke blass werden ließen". Aber Google und all die anderen sind keine Stasi. Sie wollen nicht unterdrücken und Macht ausüben, sondern in aller Regel Geld verdienen, indem sie uns mit Angeboten locken, denen wir nicht widerstehen können.

So ist das Streben nach Information und Austausch Antreiber eines gigantischen Geschäfts geworden.

In einem guten Jahrzehnt sind aus sympathischen Start-ups wie Google mächtige Konzerne gewachsen. Allein im Juni nutzte fast eine Milliarde Menschen weltweit die Dienste der Firma. Im vergangenen Jahr machte der Gigant bei 24 Milliarden Dollar Umsatz acht Milliarden Gewinn.

"Tue nichts Böses"

Das Motto der von den einstigen Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin gegründeten Suchmaschine lautet noch immer:

"Tue nichts Böses." Aber irgendwo auf dem Weg zum börsennotierten Multi-Milliarden- Unternehmen ging der Charme des Rebellen gegen die Etablierten verloren. "Entspann dich, Bill Gates", schrieb die "New York Times" schon 2005. "Jetzt ist Google dran als Bösewicht." Nicht nur einzelne Geschäftspraktiken ziehen Kritik auf sich, sondern die ganze Idee der Company: Kritiker wie der Internetexperte Nicholas Carr halten Google eine "eindimensionale Sicht der Welt" vor: "Die Schattenseiten der Digitalisierung will Google oftmals nicht sehen." Es rege sich wachsender Protest, "weil der Eindruck entsteht, dass Google versucht, seine eigenen Vorstellungen von der Welt auch allen anderen aufzudrücken - und jeder, der gegenteiliger Meinung ist, versperrt den Weg ins Schlaraffenland".

In diesem vermeintlichen Schlaraffenland ist die Privatsphäre als "soziale Norm" abgeschafft, wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verkündet. Es ist eine Welt, in der Google-Boss Eric Schmidt sagt: "Wer nicht möchte, dass andere von etwas erfahren, der sollte es vielleicht am besten erst gar nicht tun." Auf der "Techonomy"- Konferenz, die eine "neue Philosophie des Fortschritts" sucht, beschrieb Schmidt vor wenigen Tagen den nächsten Schritt: "Anhand von 14 Bildern aus dem Netz können Computer mit künstlicher Intelligenz eine Person mit hoher Sicherheit identifizieren." Und das ist noch nicht alles: "Die gespeicherten Daten aus ortsbasierten Diensten können auch benutzt werden, um mit hoher Genauigkeit vorherzusagen, wohin eine Person sich als Nächstes bewegt." Schmidt räumte ein, dass die Gesellschaft auf so viel Fortschritt noch nicht vorbereitet sei.

Aber die Technik macht es möglich, also sollte man sich besser darauf einstellen.

Google ist nicht allein

Immer ist es neue Technik, die die Datenflut steigen lässt. Auch bei Google: 2007 kaufte der Konzern für 3,1 Milliarden Dollar die Firma Doubleclick, einen Spezialisten für die Auswertung von Nutzerdaten. Das Verfahren, das der Internetpionier entwickelt hat, macht es möglich, bei jedem Besucher einer Website zu sagen, welche anderen Seiten der vorher schon angeschaut hat - eine dramatische Verbesserung der ursprünglichen Methode, Surfer mithilfe von sogenannten Cookies im Auge zu behalten. Während Cookies hauptsächlich auf die Websites beschränkt sind, die sie installiert haben, erlauben es die neueren Technologien nicht nur, unsere Wege durch das Netz zu verfolgen, sondern auch Rückschlüsse darauf zu ziehen, wer vor dem Schirm sitzt: Mann oder Frau, Jung oder Alt, Arm oder Reich und vieles mehr.

Google ist dabei nicht allein.

Microsoft wurde mit seiner Suchmaschine Bing zum größten Google- Konkurrenten und wertet ebenfalls jeden Klick aus. In Amerika bietet der Konzern schon den gleichen Service wie Google: Die "Streetside"-Ansicht holt die Welt ins Haus, als stünde man mitten im Leben und liefe selbst durch die Straßen, die Microsoft besucht und fotografiert hat. Das Internetkaufhaus Amazon notiert penibel, wer was kauft oder auch nur neugierig ansieht - um dann Vorschläge zu machen, was wir sonst noch bestellen könnten. Das soziale Netzwerk Facebook schöpft ebenfalls aus dem Vollen: Jeder Klick unter Freunden lässt den aktuellen Superstar der Onlinewelt seine Nutzer besser kennenlernen.

Noch weit aggressiver gehen Spezialfirmen vor, die im Auftrag ihrer Kunden Surfer-Daten aus allen Ecken des Internets zusammensuchen, um Nutzerprofile zu erstellen. Das geht so weit, dass etwa eine Bank, die solche Dienstleistungen nutzt, schon beim ersten Klick eines neuen Besuchers auf ihre Seite ziemlich genau wissen kann, mit wem sie es da zu tun hat.

Google unter Zugzwang

Die Fülle der Informationen im Netz ist viel Geld wert. Denn vor allem Werbekunden wollen gezielt Kunden ansprechen und sind bereit, umso mehr zu zahlen, je präziser das funktioniert. Facebook muss sich nicht mal anstrengen, um herauszufinden, was seine Nutzer wollen - mehr als 500 Millionen Menschen in aller Welt verraten es freiwillig, immerzu, in einem unendlichen Strom an persönlichen Informationen, der durch diesen Garten Eden der Datensammler plätschert.

Google gerät dabei unter Zugzwang.

Gerade das nährt die Zweifel an der künftigen Geschäftspolitik und die Sorge um die Privatsphäre der Nutzer. Derzeit sammelt die Suchmaschine zwar fleißig Daten, verzichtet aber, so berichten Insider, auf viele Möglichkeiten, sie auszuwerten.

"Ein regelrechtes Wettrüsten"

Das heißt zum Beispiel: Google- Rechner lesen jede E-Mail mit, die beim hauseigenen Maildienst Gmail eingeht, um etwa Werbung für Aspirin zu zeigen, wenn in der Nachricht Kopfschmerzen erwähnt werden - es verbindet solche Informationen aber bisher nicht mit dem, was die Suchmaschine sonst noch über ihre Nutzer weiß. "Der Firma ist klar, dass sie durch das Wissen, das sie sammelt, eine enorme Macht hat - und dass damit einhergeht, diese Macht verantwortungsvoll nutzen zu müssen", sagt Alessandro Acquisti, ein Experte für Internetsicherheit an der Carnegie- Mellon-Universität in Pittsburgh.

Auch wirtschaftlich sei das sinnvoll, denn jeder Missbrauch "könnte Nutzer verschrecken".

Doch andere, die weniger zu verlieren haben, gehen schon heute deutlich robuster vor. "Wir sehen ein regelrechtes Wettrüsten, aus Nutzerdaten das meiste zu machen", erklärt Acquisti.

"Und ein Unternehmen, das nicht alle Daten auswertet, die ihm zur Verfügung stehen, kämpft im Grunde mit einem Arm auf dem Rücken." Wird Google ein solches Handicap auf Dauer hinnehmen? Tatsächlich sind Larry Page und Sergey Brin angetreten, die Welt zu verbessern und den Nutzen der Menschen zu mehren. In der Kantine ihres Unternehmens kommen nur Eier von glücklichen Hühnern auf die kompostierbaren Teller.

Gleichbehandlung aller Bits und Bytes

Doch es scheint, dass Google immer öfter bereit ist, bei seinen hehren Vorsätzen Kompromisse einzugehen. Gerade vergrätzt die Firma ihre Fans mit einem umstrittenen Pakt zur "Netzneutralität":

Galt bisher der Grundsatz, dass im Internet alle Informationen gleich schnell reisen dürfen, so überlegen Telekomanbieter nun, für bestimmte Dienste - teuer bezahlte Dienste - Überholspuren auf der Datenautobahn einzurichten. Google war lange ein eiserner Verfechter der Gleichbehandlung aller Bits und Bytes, machte aber jetzt Kehrtwende: Im Schulterschluss mit dem US-Telekomriesen Verizon schlugen die Kalifornier vorige Woche neue Regeln vor, die ein neutrales Netz nur mit Einschränkungen garantieren. Besonders bei Mobildiensten, die das stärkste Wachstum versprechen, behalten sich die Netzgiganten reichlich Spielraum vor, um ungeliebte Konkurrenz auszubremsen.

Das passt zu einem "Vision Statement", das dem "Wall Street Journal" in die Hände fiel: Das vertrauliche Thesenpapier, das im Google-Management die Runde machte, zeige, welche Kämpfe in der Führungsspitze der Firma um den künftigen Kurs tobten, berichtete die Wirtschaftszeitung. Letztlich geht es darum, ob man nicht doch ein wenig böse sein soll und die vorhandenen Daten kombiniert. Zu sehen wäre dann nicht das Haus von außen, sondern der Mensch von innen.

Aufgebrachte Nutzer liefen Sturm

Solche Ideen sind von der bisherigen Firmenpolitik weit entfernt. Trotzdem erschreckt manchmal die Sorglosigkeit im Umgang mit der Privatsphäre der Nutzer. Als etwa der Dienst "Google Buzz" startete, der das Mailprogramm Google Mail mit Facebook-ähnlichen Funktionen versieht, lag plötzlich für alle Welt zutage, wer mit wem besonders häufig E-Mails austauscht - denn als Voreinstellung wählte Google eine neue Offenheit, die Nutzer ausdrücklich unterbinden mussten.

Das wurde geändert, als aufgebrachte Nutzer Sturm liefen.

Doch es bleibt immer ein wenig unklar, ob Einsicht oder öffentlicher Druck der Grund für solche Korrekturen ist.

Der Google-Campus in Mountain View, Kalifornien, auf dem all die schönen, neuen Dienste ausgebrütet werden, ist eben nicht nur geografisch sehr weit von der Bundesrepublik entfernt.

Der Geist der 80er Jahre

Vor einem guten Vierteljahrhundert, als es weder Handys noch das World Wide Web gab und die wenigen Computer einzig ans Stromnetz angeschlossen waren, stellte das Verfassungsgericht in Karlsruhe dazu Grundsätzliches fest. Nämlich dass es nicht angehe, wenn die Bürger nicht mehr darüber informiert seien, "wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß".

In dem Urteil schwingt der Geist der 80er Jahre mit, als eine nach heutigen Maßstäben geradezu putzige Volkszählung heftige Proteste auslöste. Im Kern aber bleibt die damals erfundene "informationelle Selbstbestimmung" richtig: Wir müssen selbst entscheiden, was wir über uns preisgeben wollen. Das dürfen wir uns von Internetgiganten wie Google, Facebook und Microsoft nicht aus der Hand nehmen lassen.

Das vergleichsweise harmlose "Street View" könnte dabei ein Wendepunkt sein. Und zwar nicht wegen der konkreten Sorgen, die es auslöst: etwa dass ganz reale Einbrecher die Daten nutzen könnten. Das ist kaum zu befürchten.

Die Fragen werden lauter

Otmar Finkler von der Kölner Polizei, ein bundesweit anerkannter Experte, erklärt, dass der typische Einbrecher ganz andere Informationen brauche:

"Brennt Licht, sind Leute zu Hause, haben die einen Hund." All das verraten die viele Monate alten Bilder nicht.

Aber durch sie wird unsere Aufmerksamkeit auf die gigantische Maschine gelenkt, die sich hinter Handys und Rechnern verbirgt und jeden unserer Schritte überwacht.

Lange lief diese Maschine weitgehend unbemerkt und unbeobachtet.

Wer liest schon die endlosen Nutzungsbedingungen seiner Software? Wer schert sich darum, was auf irgendwelchen Servern weit weg über ihn gespeichert ist?

Jetzt werden die Fragen lauter.

Gerade hat der Bundesrat einen Gesetzentwurf für Geodatendienste vorgelegt. Doch der soll eigentlich nur verbindlich regeln, was Google ohnehin freiwillig zusichert:

Gesichter und Autokennzeichen sollen unkenntlich gemacht werden, und Betroffene sollen Bilder von sich selbst oder ihrer Wohnung entfernen lassen können.

Überforderung der Menschheit

Merkwürdig hilflos wirken die Politiker. Die Sommerloch- Wachen in Berlin kompensieren das durch markige Auftritte: "Die neue Technologie ist mit der alten Rechtslage nicht in Einklang zu bringen", schimpft der verbraucherpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Peter Bleser. Erik Schweickert, sein Kollege von der FDP, will, dass Google seine Fotografierrouten mit Datum und Uhrzeit im Internet veröffentlicht. "Ein Blind Date mit Google darf es nicht geben." Schade nur, dass die Digitalisierung der Republik weitgehend abgeschlossen ist. Schade vor allem, dass offenbar niemand weiß, wie der Herausforderung durch "Street View" und viele andere neue Dienste zu begegnen ist.

Diese Woche sollte sich das Bundeskabinett damit befassen. Auf dem Sprechzettel für den Regierungssprecher heißt es blumig, die Regierung prüfe den Handlungsbedarf.

Es reicht eben nicht, wenn Ilse Aigner, die oberste Verbraucherschützerin, sich mit viel Tamtam von Facebook abmeldet oder ihr Haus bei "Street View" pixeln lässt. Die Herausforderung durch die Allgegenwart des Internets ist größer. Der Soziologe Dirk Baecker vergleicht sie mit früheren "Überforderungen" der Menschheit: mit der Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Vielleicht ist das ein wenig hochgegriffen. Aber kaum etwas wird so sein wie zuvor, wenn alle Möglichkeiten der digitalen Welt ausgeschöpft werden.

Welche davon wollen wir nutzen?

Welche nicht? Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen?

"Street View" wäre ein nützlicher Dienst, wenn er uns veranlassen würde, darüber endlich Klarheit zu schaffen. Sergey Brin, der Google-Gründer, hat das schon 2003 im Gespräch mit dem stern verlangt: "Die Gesellschaft muss entscheiden, was sie hinnehmen will." Aus eigenem Antrieb werden Google & Co. nicht innehalten.

Mitarbeit: Helen Bömelburg, Albert Eikenaar, Gerd Elendt, Cornelia Fuchs, Giuseppe Di Grazia, Claus Lutterbeck, Sven Stillich, Axel Vornbäumen

Das Google-Puzzle

Vor zwölf Jahren hat Google als Internetsuchmaschine begonnen. Seitdem sind etliche Angebote dazugekommen, und alle dienen nur einem Ziel: immer mehr Daten zu sammeln - bis sich Google ein komplettes Bild von uns machen kann.

Websuche


Nutzen: Größte Zahl an durchsuchten Websites, gute Suchresultate.

Kosten: Jede Suchanfrage wird zusammen mit der Netzadresse des suchenden Computers gespeichert. Werbung wird passend zum Suchbegriff eingeblendet. Anonymere Nutzung nur mit speziellen Einstellungen möglich.

Google Mail


Nutzen: Leicht bedienbares Gratis-Mail-Programm mit guter Suchfunktion und großem Speichervolumen.

Kosten: Google durchsucht automatisch den Inhalt jeder E-Mail auf Schlüsselbegriffe und blendet dazu passende Werbung ein.

Wer sich bei "Google Mail" anmeldet, bekommt ein persönliches Google-Konto, über das er sich auch bei allen anderen Google-Diensten anmeldet und so für den Konzern erkennbar bleibt. Die Dienste tauschen sogar untereinander Daten aus.

Google Analytics


Nutzen: Dieser kostenlose Dienst verrät Betreibern von Internetangeboten vielfältige Informationen über die Besucher ihrer Webseiten.

Kosten: Websurfer werden transparenter, und das nicht nur für die Betreiber: Alle Daten landen auch bei Google - das dabei viel über die Nutzung der Seiten erfährt. Nach Kritik von Datenschützern können Surfer "Google Analytics" nun blockieren.

Technisch wäre Google unter bestimmten Umständen in der Lage, Daten zu verknüpfen und so ein komplettes Profil der Internetnutzung eines Surfers zu erstellen.

Doubleclick


Nutzen: Das von Google geschluckte Unternehmen schaltet weltweit Werbebanner auf Websites - und zwar abgestimmt auf die Interessen der Nutzer.

Kosten: Nutzer werden transparent, weil Doubleclick ihre Surfgewohnheiten protokolliert und sie dabei oft sogar von Website zu Website verfolgen kann.

Das gesammelte Wissen von Google und Doubleclick in einem Konzern birgt datenschutzrechtliche Risiken.

iGoogle


Nutzen: Personalisierte und mit Mini-Programmen erweiterbare Google-Startseite mit News, Wetterberichten, Spielen oder Chat.

Kosten: Auch hier wird ein Google-Konto benötigt, um alle Funktionen nutzen zu können.

Was der Nutzer auf "iGoogle" macht, erfährt in vielen Fällen nicht nur Google - auch Werbe- und Geschäftspartner des Konzerns erhalten Einblick in die Daten.

Buchsuche


Nutzen: Weltweit digitalisiert Google Bestände großer Bibliotheken und macht die Texte durchsuchbar.

Kosten: Wie bei den normalen Suchanfragen auch erfährt Google, welche Interessen die Nutzer haben.

Gesammelte Daten könnten dazu genutzt werden, elektronische Bücher zu verkaufen. Geplant ist bereits ein Laden für E-Books: "Google Editions"

Google Buzz


Nutzen: Soziales Netzwerk für Nutzer von "Google Mail".

Kosten: Google will wie "Facebook" wissen, wie die User untereinander vernetzt sind, was sie mögen und was nicht.

"Buzz" ist bislang ein Flop. Der Dienst könnte bald eingestellt werden.

Google Earth


Nutzen: Gratis-Weltatlas mit Satellitenbildern und zahlreichen Zusatzinformationen.

Kosten: Abgesehen davon, dass Suchanfragen mit Werbung kombiniert werden: Grundstücke von Firmen und Privatpersonen sind für jedermann von oben einsehbar - und oft kann sehr nah herangezoomt werden.

Auch bei Verwendung von "Google Earth" verrät der Nutzer Google seine Vorlieben.

Google Maps


Nutzen: Kostenloser Routenplaner mit ortsbezogenen Infos wie in den Gelben Seiten.

Kosten: Im "Street View"-Modus zeigt der Dienst die Straßen mancher Städte aus einer erhöhten Fußgängerperspektive - inklusive aller Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Aufnahme auf der Straße befunden haben. Deren Gesichter werden zwar automatisch von dem Programm gepixelt, dennoch bleiben sie meist erkennbar.

Google trägt dazu bei, dass sich Städter immer mehr beobachtet fühlen - und ihr Verhalten an die gefühlte ständige Videoüberwachung anpassen.

Google News


Nutzen: Nachrichten aus rund 700 Quellen im Web werden automatisch nach Themen sortiert, nach Interessen gefiltert oder per Mail zugesandt.

Kosten: Wer E-Mail-Benachrichtigungen zu bestimmten Stichwörtern abonniert, muss seine E-Mail-Adresse preisgeben.

Google lernt dabei, welche Themen den Nutzer interessieren - wichtig für das Anzeigengeschäft.

Google Chrome


Nutzen: Gut bedienbarer, schneller Webbrowser.

Kosten: Werden spezielle Funktionen von Google Chrome genutzt, speichert die Firma unter anderem sogar die Lesezeichen des Nutzers auf seinen Rechnern.

Nachdem der Konzern aufgrund von Protesten den Datenhunger seines Browsers gezügelt hat, spricht wenig gegen eine Verwendung - außer der Qualität der Konkurrenz.

Youtube


Nutzen: Größte Onlinevideo- Plattform der Welt.

Kosten: Nur für angemeldete Nutzer sind alle Funktionen zugänglich.

Google wertet ständig aus, wer welches Video wie lange anschaut. Das ist ein enormer Datenschatz.

Android


Nutzen: "Android" ist Googles Betriebssystem für leicht bedienbare Handys mit zahlreichen, oft kostenlosen Programmen ähnlich den Apps für Apples iPhone.

Immer mehr Handyhersteller setzen das System ein.

Kosten: Wer ein Telefon hat, das mit "Android" läuft, benutzt immer automatisch auch die mobilen Dienste von Google und liefert dem Konzern immer mehr Daten.

"Android"-Handys haben gerade das iPhone in den Verkaufszahlen überholt. Mit jedem Gerät wachsen die Möglichkeiten von Google, Erkenntnisse über Nutzer zu sammeln.

Google Mobile


Nutzen: Googles Dienste laufen heute auch auf Smartphones. Mit "Google Latitude" können Nutzer sogar sehen, wo ihre Freunde gerade sind.

Kosten: Ohne individuelles "Google-Konto" kein "Google Mobile". Für Google sind die Dienste also eine Möglichkeit, auch abseits des PCs personalisierte Werbung zu verkaufen - und in diesem Fall dank der GPS-Funktion sogar ortsbezogene.

Dank der mobilen Version von "Maps" weiß der Konzern auf Schritt und Tritt, wo sich seine Nutzer aufhalten, und dringt so in immer mehr Lebensbereiche ein.

Google SERVICES

Alerts
Empfang von Nachrichten und Suchergebnissen per E-Mail

Blogger.com


Googles eigene Gratis-Blogsoftware

Desktop


Suchfunktionen für den Inhalt des eigenen Rechners

Groups


Durchsuchen und Erstellen von Diskussionsgruppen Kalender Online-Terminplaner für Gruppen, z. B. Familien

Labs


Ausprobieren von neuen Google-Ideen (siehe unten)

Orkut


Soziales Netzwerk und Freundefinder

Picasa


Googles Gratis-Online- Fotoalbum

Produktsuche


Online-Warenangebote durchsuchen

Reader


Listet für den Nutzer interessante Webnews auf

Scholar


Nach wissenschaftlichen Dokumenten suchen

SketchUp


Schnelle Entwicklung von einfachen 3-D-Modellen

Talk


Online miteinander chatten - per Text oder Video

Text & Tabellen


Dokumente, Tabellen erstellen und bearbeiten

Toolbar


Dem Internetbrowser Google-Funktionen hinzufügen

In Entwicklung

Aardvark
Eine beliebige Frage stellen - Google sucht den passenden Experten

City Tours

Google-Maps-Rundgänge zu Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps

Image Swirl


Ergebnisse von Bildersuchen werden nach Ähnlichkeit sortiert

Follow Finder


Google sucht Menschen, die einen auf Twitter interessieren könnten

Goggles


Ein Foto mit dem Handy machen und sofort Infos zu dem Motiv erhalten

Stefan Schmitz, Karsten Lemm und Dirk Liedtke/print

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