Folteropfer haben es schwer in diesen Zeiten. Um die herzlose Entscheidung der Verantwortlichen nachträglich zu rechtfertigen, läuft seit Ende Januar eine herzlose Kampagne. Kühl und sehr kalkuliert stempeln Politiker und ihre Handlanger den jungen Mann aus Bremen, dem amerikanische Stellen nach jahrelangen Verhören und Ermittlungen nichts nachweisen konnten, erneut ab: zum Täter, zum Terrorverdächtigen, zur Gefahr.
Bundestagsabgeordnete flachsen in Sitzungspausen mit Journalisten über diesen langen Bart und freuen sich, dass das "Gezottel" bei so vielen Menschen Befremden auslöst. Politiker wählen aus Tausenden Akten und Vermerken gezielt nur jene Stellen aus, die Kurnaz irgendwie belasten könnten. Sie verschweigen jedes entlastende Indiz. Sie zitieren Zeugenaussagen, die von den Zeugen längst relativiert wurden. Sie stellen Gerede und Gerüchte als Tatsachen hin. So wird die Outdoor-Hose, die sich Murat Kurnaz vor seiner Reise nach Pakistan kaufte, zur Kampfhose, das Fernglas zum Nachtsichtgerät. Dicke Stiefel habe er sich gekauft - ja, was denn sonst für so ein unwegsames Land wie Pakistan?
Was wollte er da überhaupt, so kurz nach den Anschlägen vom 11. September? Den Koran besser kennenlernen - wer's glaubt, wird selig! Da meldet eine neue Quelle des Landesamtes für Verfassungsschutz in Bremen am 25. Januar 2002: Kurnaz habe angeblich am Telefon gesagt, nun bald an der Seite der Taliban in seinen Afghanistan-Einsatz zu gehen. Ein Gespräch über solche Telefonate hat die Quelle nach dem Freitagsgebet in einer Moschee aufgeschnappt. Die Telefonate selbst sollen drei Monate zuvor geführt worden sein, zwischen Kurnaz in Pakistan und dem Aushilfsprediger der Moschee. Der Prediger wurde damals von der Polizei abgehört. Auf den Abhörprotokollen ist kein Telefonat von Murat Kurnaz aus Pakistan verzeichnet.
Eine Quelle hört, dass jemand vor drei Monaten etwas gehört haben will - aufgrund dieser Information schreibt der Bremer Verfassungsschutz-Chef noch fast vier Jahre später, am 25. Dezember 2005, als es darum geht, eine potenzielle Wiedereinreise von Kurnaz zu erschweren: "Nach seiner Einreise in Pakistan unterstützte Murat Kurnaz aktiv den Kampf der Taliban/Al Qaida in Afghanistan." Bevor US-Militärs ihn aus Pakistan nach Afghanistan entführten, hatte Murat Kurnaz nie afghanischen Boden betreten.
Trotzdem verklären ihn die Verantwortlichen zur realen Gefahr. Außenminister Steinmeier sagt zum Fall Kurnaz: "Wir mussten mit Bluttaten auch bei uns rechnen und alles tun, um dies zu verhindern." Ex-Kanzler Gerhard Schröder, nach eigenen Angaben in seiner Amtszeit nie mit dem Fall befasst, behauptet: Offenbar "suchte Herr Kurnaz Kontakt zu Islamisten in Pakistan". Ex-Innenminister Otto Schily bezeichnet den jungen Bremer öffentlich als "unglaubwürdig" - "zumal glaubwürdige Zeugen berichteten, er habe sich auf den Weg nach Afghanistan gemacht. Stellen Sie sich vor, wir hätten ihn nach Deutschland gelassen, und er hätte einen Anschlag vorbereitet." Schily verbreitet, Kurnaz habe kein Rückflugticket gehabt, als er am 3. Oktober 2001 aus Deutschland nach Pakistan flog - tatsächlich hatte Kurnaz ein Rückflugticket, Gültigkeit 90 Tage. Und er hatte die Taschen voller Geschenke für seine Familie, als ihn pakistanische Polizisten am 1. Dezember 2001 festnahmen.
Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen. Der vollintegrierte junge Türke, geboren in Bremen, aufgewachsen in Bremen, Lebensmittelpunkt in Bremen, Zukunft wohl auch in Bremen, wird zum skeptisch beäugten Außenseiter - und ohne Zutun damit bereits zum Helden einer Szene, vor der deutsche Sicherheitsbehörden mit Recht warnen.
Das Folteropfer Murat Kurnaz antwortet mit diesem Buch. Es schildert ein Leben, das ganz anders war, als wir es bislang kannten. Es zeigt uns das Leben einer integrierten türkischen Familie in Deutschland und das Streben eines jungen Mannes nach etwas anderem. Vor allem aber beschreibt Murat Kurnaz aus eigener Anschauung das System Guantanamo, das darauf angelegt ist, Terrorverdächtige zu brechen, um Informationen aus ihnen herauszuholen, die viele der Insassen gar nicht haben können. Er schildert das Zusammenspiel von Medizinern mit Vernehmungsbeamten, denen man Methoden erlaubte, die zu grauenhaften Szenen führen. Er schildert, wie die Gefangenen reagierten, als im Juni letzten Jahres drei Insassen in ihren Zellen starben. Und er beschreibt, wie sie den Widerstand gegen die amerikanischen Peiniger organisieren.
Wer spürt nicht die Wunde, den Schmerz? Das Buch ist seine Geschichte. Eine Geschichte gegen die Peiniger und alle, die mitmachen.
Uli Rauss / Oliver Schröm im März 2007