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Stern Investigativ - Geheimdienste

Das Schattenreich

In Deutschland operiert ein Heer von Mietspionen in Zivil für US-Geheimdienste. Der stern hat das Netzwerk der Spähfirmen durchleuchtet.

Von K. Grass, D. Liedtke, N. Plonka, A. Rungg

Auf US-Militärbasen in Deutschland erledigen Dutzende von Firmen Aufträge für Geheimdienste, US Army und US Air Force. Die Schnüffler betreuen geheime Computernetzwerke, durchsuchen abgefangene E-Mails oder abgehörte Telefonate und sie bereiten Bombenangriffe vor. Unkontrolliert. Denn die deutsche Bundesregierung schaut aktiv weg.

Der stern hat Tausende von Stellenanzeigen und Verträge zwischen den Spähfirmen und US-Behörden ausgewertet. Entdecken Sie in unserer interaktiven Infografik, welche Aufgaben die Privatspione für die USA erledigen: Wer bereitet in Stuttgart Drohneneinsätze in Afrika vor? Was lernen angehende Agenten in Hohenfels? Und wer kümmert sich in Darmstadt um Cyberabwehr? Die Profile der Firmen und den dazugehörigen US-Einrichtungen zeichnen das Bild eines unterwanderten Landes.





Der Mann, der die flächendeckende Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA bekannt machte, war dort gar nicht angestellt: Edward Snowden stand in Diensten von Booz Allen Hamilton. Diese und Dutzende weiterer Spezialfirmen für Spionage und Computertechnik sind auch in Deutschland aktiv.

Ende Oktober enthüllte der stern, wie die privaten Handlanger der USA in Deutschland unbehelligt im Geheimen operieren können. Der Grünenabgeordnete Hans-Christian Ströbele stellte daraufhin eine Anfrage ans Bundesinnenministerium. Auch der stern schickte Minister Hans-Peter Friedrich einen Fragenkatalog.

Politische Naivität

Die Antworten zeugen von einer politischen Naivität: "Die USA haben zugesichert, dass sie auf deutschem Boden deutsches Recht einhalten." Dem Gießener Völkerrechtler Thilo Marauhn genügt dies nicht. Im Interview mit stern.de wünscht er sich von der Bundesregierung "Nachfragen bei den USA über genaue Tätigkeiten".

Ob diese Fragen gestellt werden? Der für den Schutz der Verfassung zuständige Innenminister Friedrich lässt mitteilen: "Eine anlasslose, verdachtsunabhängige Kontrolle findet nicht statt." Dabei liegen die Verdachtsmomente auf der Hand. Eine Internetsuche fördert die Informationen zu Tage.

"Sie haben eben Fotos gemacht ...?"

Die Alltagswelt der Mitspione sah sich stern-Mitarbeiterin Karen Grass am tristen "Dagger-Komplex" in Darmstadt an. In der Nähe eines kleinen Supermarktes auf dem Gelände lungern an dem Oktobertag Soldaten herum und starren unter den tief sitzenden Kappen ihrer grau melierten Uniform die Reporterin durch zusammengekniffene Augen an. Einige ihrer Kameraden und Arbeitskollegen in Zivil würdigen Besucher keines Blickes. Mit langen Schritten schieben sie sich dicht hintereinander mit ihren Einkäufen und großen Wasserkanistern durch eine Drehtür in ein Gebäude.

Als sich die Reporterin auf einer öffentlichen Straße dem Tor nähert, wird sie von privaten Sicherheitsleuten angesprochen: "Sie haben da weiter hinten eben auch Fotos gemacht, oder? Sie wissen schon, dass das verboten ist? Jemand hat sie auf dem Weg zur Arbeit gesehen und es berichtet." Nach der Versicherung, die Reporterin habe nicht geknipst, sagt er: "Okay, lassen Sie Ihre Geräte künftig besser drin." Mit welcher Begründung, außerhalb des Geländes sei das doch nicht verboten? "Ja, es passiert vielleicht nichts, aber es kann auch zu Problemen führen, wenn der Kommandant es mitbekommt", sagt der Wachmann etwas ausweichend. "Sie dürfen schauen, aber sonst nichts."

Kaum Antworten

Vom stern mit den recherchierten Details ihrer Arbeit für Militär und Geheimdienste konfrontiert, reagierten die meisten Firmen erst gar nicht. Eine Handvoll Pressesprecher verwies direkt an das US-Verteidigungsministerium oder die US Air Force.

Ein Pentagon-Vertreter "sah sich nicht in der Lage, zu bestätigen", dass die von uns angesprochen Firmen "in Deutschland arbeiten". Vor einem Monat erbat der stern auch von der Sprecherin des Europa-Kommandos der US Army in Stuttgart eine Stellungnahme zu den Spionagetätigkeiten in Deutschland. Ihre Reaktion: "Wir haben von offizieller Regierungsseite soeben ganz ähnliche Fragen erhalten und arbeiten daran, Antworten zu liefern." Auf das Statement wartet der stern bis heute.

Das stern-Team

William Arkin, Karen Grass, Dirk Liedtke, Martin Knobbe, Andreas Mönnich, Nina Plonka, Andrea Rungg, Oliver Schröm. Mit Recherchen von Katharina Blaß, Stephan Draf, Mareike Enghusen, Steffen Gassel, Ulrich Hauser, Sarah Levy, Wigbert Löer, Marcel Pauly, Christopher Piltz, Isabell Prophet, Andrea Ritter, Michael Streck. Realisierung: Philipp Möller, Marco Palzkill, Mirco Steger.

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