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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Das Spiel ist aus

Den Stürmer René Schnitzler trieb die Spielsucht in die Hände der Wettmafia: Er nahm Geld und sollte Partien des FC St. Pauli manipulieren. Erstmals packt ein deutscher Profiüber die Schattenwelt des Fußballs aus - er will aber niemanden betrogen haben.

Von W. Löer, R. Schäfer, N. Plonka, O. Schröm und A. Mönnich

  Die Spielsucht trieb Ex-Profi-Fußballer René Schnitzler in die Fänge der Wettmafia

Die Spielsucht trieb Ex-Profi-Fußballer René Schnitzler in die Fänge der Wettmafia

Der Pate hat geladen, nach Noordwijk an die Nordsee.

Er hat schmale Schultern und eine Glatze, trägt einen dunklen Anzug und feine Lederschuhe, spricht vornehm leise, aber bestimmt und empfängt im Huister Duin, einem Luxushotel mit Sternerestaurant und Hubschrauberlandeplatz.

René Schnitzler und Thomas Jacobs* fahren an diesem 15. Mai 2008 in einem Mercedes-Geländewagen vor. Schnitzler ist Stürmer beim FC St. Pauli, zweite Liga. Jacobs betreibt Wettbüros am Niederrhein. Dem Glücksspiel verfallen sind sie beide.

Der Pate, den sie nur als "Paul" kennen, wartet in der Lobby und will mit ihnen ins Geschäft kommen.

Schnitzler soll Spiele seines Vereins verschieben, Paul will darauf wetten. Thomas Jacobs hat den Kontakt gemacht, er verkehrt seit vielen Jahren mit Paul und steht in seiner Schuld. Schnitzler weiß das, außerdem kennt er Jacobs schon lange. Er will ihm einen Gefallen tun. Vor allem braucht er Geld. So viel Geld, dass er bereit ist, seine Karriere als Profifußballer zu riskieren.

Ein Wettskandal, der den Fußball erschüttert

In gutem Deutsch schildert Paul seinen Plan: St. Pauli soll verlieren, am nächsten Sonntag in Mainz, je höher, desto besser.

Paul fragt, ob Schnitzler im Kader stehe. Schnitzler nickt.

Am Bochumer Landgericht wird in diesen Wochen der Wettskandal verhandelt, der Fußballligen in ganz Europa erschüttert.

In den Anklagen geht es derzeit um 32 Spiele, 17 davon in Deutschland, und um Gewinne von 1,6 Millionen Euro. Interne Ermittlungsakten, die dem stern vorliegen, zeigen aber, dass die Staatsanwaltschaft von Hunderten verschobener Spiele ausgeht. Und dass viel gigantischere Summen gewonnen und verloren wurden.

Bislang haben die Ermittler nur sechs mutmaßliche Spieleverschieber in Haft genommen. Der Berliner Kroate Ante Sapina gilt als dicker Fisch, auch gegen seinen Landsmann Marijo Cvrtak wird ermittelt. Aber am liebsten würde die Staatsanwaltschaft mit Paul reden. Cvrtak und Sapina sind emsig futternde Karpfen im trüben Tümpel der Wettbetrüger.

Rooij ist ein Boss und Lenker

Paul wäre der Hecht. In den letzten Wochen sind mehrere Angeklagte intensiv zu Paul befragt worden, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Niederländer und hat ein Dossier angelegt - "Täterakte 16".

Der Mann ist 51 Jahre alt und heißt mit vollem Namen Paulus Alexander Martinus Rooij, Spitznamen: Paul, Glatze, Adler. Rooij soll für viele der in Bochum Beschuldigten bis zu 100.000 Euro pro Spiel in Asien gesetzt haben, auch die Gewinne sollen über sein Rotterdamer Konto abgewickelt worden sein. Doch Rooij ist wohl auch ein Boss und Lenker, über den nicht nur hohe Wetten liefen. In den Unterlagen taucht Rooijs Name in Zusammenhang mit manipulierten Spielen in ganz Europa auf. Dafür habe er systematisch Spieler bestochen. Der Mann soll in Rotterdam und Monaco wohnen - und ist für die Ermittler nicht zu greifen. Der stern erreichte Rooij vor wenigen Tagen unter einer Mobilfunknummer.

Er bestritt jegliche Verwicklung in den Wettskandal.

Die Bochumer Akten sagen etwas anderes: Danach hat sich der deutsche Fußballprofi René Schnitzler mit einem ganz Großen der Wettmafia eingelassen.

Schnitzler ist entschlossen

Ein Schneetag im Dezember 2010, René Schnitzler sitzt an einem Edelholztisch in der Kanzlei seines Anwalts Rainer Pohlen.

Schnitzler hat lange gezögert, mit dem stern zu reden und zum Termin seine Mutter mitgebracht, die Angst um ihren Ältesten hat - wegen Paul. Doch Schnitzler ist entschlossen. "Ich habe Geld genommen, das ja", sagt er, "aber ich habe nicht manipuliert, ich habe nicht mal dran gedacht." Der heute 25-Jährige ist ein Hasardeur, den die Spielsucht in die Randzonen der Kriminalität getrieben hat. Er ist der erste Spieler, der Einblick gewährt in die Schattenwelt des Profifußballs.

Seine Geschichte beginnt hier in Mönchengladbach, wo er das Fußballspielen lernt. Auf dem Platz kann er schon als Kind mehr als andere, irgendwann wächst er auch noch, ein kräftiger Techniker, 1,87 Meter groß, kopfballstark, ein Strafraumstürmer.

Schnitzler spielt in der A-Jugend der Borussia, gemeinsam mit Marcell Jansen, Marvin Compper, Tobias Levels, Eugen Polanski - heute alle etablierte Bundesligaprofis. Auch Schnitzler setzt sich durch. Er schafft es in die Jugendnationalmannschaften U19 und U20, und seine Selbsteinschätzung, sagt er heute, gelte weiterhin: "In den Beinen Weltklasse. Im Kopf Kreisklasse." Im April 2003, ein paar Tage nach seinem 18. Geburtstag, fährt René Schnitzler mit einem Freund ins Kasino nach Aachen. Seitdem, sagt er, habe es nicht mehr viele Tage in seinem Leben gegeben, an denen er nicht gezockt hat.

Niemals aufgeben

Im Elitefußball bekommt man eingetrichtert, aufzustehen, niemals aufzugeben, weiterzukämpfen.

Beim Glücksspiel ist das ähnlich:

Schnell gerät man in einen Wirbelsturm aus Siegen, Niederlagen und dauerhafter Adrenalinausschüttung, in dem man in kurzer Zeit großes Geld gewinnen kann. Oder verlieren. Schnitzler stellt sich gern in den Wind. Er kann ihn sogar genießen.

Mit 20 Jahren wechselt der Torjäger der Reservemann schaft von Borussia Mönchengladbach nach Leverkusen. Bayer ist eine Spitzenmannschaft voller Nationalspieler, und Schnitzler lernt bald, dass auch Topfußballer Zocker sind: "Viele Profis haben gewettet wie Wahnsinnige. 70 oder 80 Prozent der Spieler einer Mannschaft setzen auf irgendwelche Partien in irgendwelchen Ligen. In der Kabine zeigt man sich die Tippscheine, da gibt es keine Scheu."

Als Bayer Leverkusen zu einem Freundschaftsspiel gegen Legia Warschau fliegt und am Gepäckband wartet, hält ein Nationalspieler den Kollegen einen Hut hin: Jeder Profi solle einzahlen, 500 Euro. "Da segelten die Scheine, mehr als 5000 Euro lagen drin", erinnert sich Schnitzler.

"Und die hat der kassiert, dessen Koffer zuerst aufs Gepäckband fiel."

Roulette und Black Jack

Fußballer, das erlebte Schnitzler, haben eine besondere Beziehung zu Geld.

Tatsächlich gibt es kaum einen Beruf, in dem man so früh so viel davon verdient und sich dabei unter seinesgleichen bewegt. Die Wahrnehmung verschiebt sich, Geld geht schneller über den Tisch als anderswo. Außerdem wechseln die Spieler regelmäßig die Vereine und ihr ganzes Umfeld - in der Zocker-Szene kann man dann schnell wieder Anschluss finden.

Schnitzler selbst fährt nach dem Training meistens ins Kasino, mal nach Aachen, mal nach Dortmund-Hohensyburg, in die größte Spielbank Deutschlands, er spielt Roulette und Black Jack.

Sein Bargeld bewahrt er in einem Tresor im Hause seiner Eltern auf, und so bemerkt seine Mutter immer wieder, dass ihr Junge mit hohen Summen hantiert. Manchmal hört sie ihn, wie er nachts nach Hause kommt, um neue Scheine zu holen. "Warst du schon wieder los?", fragt sie am nächsten Tag.

Als Leverkusen in der Tabelle abrutscht, kommt ein neuer Trainer.

Der will Schnitzler nicht mehr, der Stürmer wechselt zurück zur zweiten Mannschaft von Mönchengladbach. Ein Rückschritt, für die vierte Liga spielt er viel zu gut.

Im Sommer 2007 hat er 50.000 Euro Schulden

In der Welt der Zocker aber steigt er auf. Er sitzt nun regelmäßig in Hinterzimmern oder in Ladenlokalen, die von innen zugeklebt sind. Allein in Mönchengladbach kennt er fünf solcher illegaler Spielhöllen. "Du klingelst, es wird aufgedrückt, du musst durch eine Schleuse, meistens sind ziemlich viele Chinesen drin. Und dann geht es los."

In der Saison 2006/2007 schießt Schnitzler die meisten Tore für die Gladbach-Reserve, sein Talent hält ihn locker über dem Niveau der anderen Spieler.

So fällt er anderen Vereinen auf.

Im Sommer 2007 zieht er nach Hamburg, mit einem Zweitligavertrag beim FC St. Pauli und 50.000 Euro Schulden. "Inklusive Prämien konnte ich bei St. Pauli monatlich zwischen 10.000 und 13.000 Euro netto verdienen. Ich dachte mir, was sind da schon 50.000 Euro Schulden?" Seine Freundin Jenny* kommt mit nach Hamburg und studiert Betriebswirtschaft. Sie weiß, dass René spielt, aber nicht, dass er süchtig ist. Die beiden ziehen in ein Komfort-Apartment im Stadtteil Ottensen, 150 Quadratmeter, 2300 Euro Miete. Als Schnitzler bei der Bank um die Ecke ein Konto eröffnen will, wird er zur VIP-Kundenbetreuung in eine Filiale an der Elbe geschickt. Dort erhält er zwei goldene Kreditkarten, deren Limit setzt die Bank ungefragt auf 20.000 Euro. Schnitzler ist da 22 Jahre alt.

"Mein Gott, so einfach ist das"

In seiner ersten Saison für St. Pauli macht er 21 Saisonspiele und sechs Tore, nicht schlecht für einen, der vorher zwei Klassen tiefer spielte. Nicht schlecht auch für einen, der den Profifußball inzwischen nebenbei erledigt. Genau wie die Beziehung: "Wenn Jenny schlief, saß ich am Laptop und habe gesetzt, bis die Kreditkarten glühten. Tagsüber habe ich dann geschlafen bis zum Training. Jenny habe ich kaum gesehen."

Nach dem ersten Gespräch mit Paul Rooij im Mai 2008 wartet Schnitzler im Auto von Thomas Jacobs und überlegt. Das letzte Saisonspiel, Mainz lauert hinter den Aufstiegsplätzen und wird sich anstrengen. Für St. Pauli, den Tabellen-Achten, geht es um nichts mehr. Der Spielausgang ist so gut wie sicher - warum soll man da manipulieren? Und wie überhaupt? Schnitzler ist krankgeschrieben, wird die Partie auf dem Sofa sehen. Als sein Freund Thomas in den Mercedes einsteigt, zeigt er ein Bündel druckfrischer 500-Euro-Scheine, und noch im Losrollen wird ein Honorar geteilt, für das beide angeblich keine Leistung erbracht haben:

30.000 Euro.

Fünf Tage später, am 18. Mai 2008, geht St. Pauli erwartet klar mit 1 : 5 in Mainz unter.

Paul spendiere einen Bonus, meldet Jacobs. "Ich dachte, mein Gott, so einfach ist das", sagt Schnitzler.

Rooij hat die Kontakte

Am Dienstag nach dem Spiel treffen sie Rooij, wieder im Huis ter Duin, Rooij trinkt Kaffee und behandelt sie jetzt wie Komplizen.

Der Niederländer lässt sie wissen, dass er in Asien Millionen setzt, für sich und auch für andere.

In Asien kann man auf so ziemlich jedes Fußballspiel wetten, bis tief hinunter in die Amateur- und Jugendligen. Die Höhe des Einsatzes ist nahezu unbegrenzt, das ist der Unterschied zu Deutschland:

Kein Wettbüro hält hier eine Wette mit mittlerem sechsstelligem Einsatz. Doch für die großen Geschäfte braucht es in Asien erstens hervorragende Kontakte und zweitens die Bereitschaft, das Geld persönlich und in bar zu zahlen. Rooij hat die Kontakte, und er fliegt regelmäßig nach Fernost.

Und dann ist da noch seine Spielerliste, auf der längst nicht nur René Schnitzler steht. "Er erzählte von Spielern in der englischen Premier League, die er unter Kontrolle hatte", erinnert sich Schnitzler, dasselbe in Belgien und in Kroatien. In der Schweiz, sagte Rooij, gehöre ihm eine halbe Mannschaft, der FC Gossau. Sicher ist, dass Wettbetrüger den Zweitligisten aus der Ostschweiz unterwandert hatten. Nach einer Reihe manipulierter Spiele wurden im Mai 2010 drei Spieler gesperrt.

Rooij schafft Abhängigkeiten

Rooij kündigt seinen Gästen an, dass er weitermachen wolle in Deutschland, nächste Saison.

Schnitzler sagt zu, jetzt ist ja erst mal Sommerpause. Rooij besteht darauf, das Geld gleich auszuzahlen, 10.000 als Bonus und 30.000 für die nächste Partie. So schafft er Abhängigkeiten. Man einigt sich auf das Auswärtsspiel in Rostock.

Und das verliert St. Pauli dann mit 0 : 3 - laut Schnitzler, der 90 Minuten auf dem Platz stand, ohne sein Zutun. Der Pate ist sehr zufrieden. Und will mehr.

Auch beim FC St. Pauli ist Schnitzler nicht der einzige Zocker. Ein Kollege besucht eine kleine "Happybet"- Filiale hinterm Bahnhof Altona - Schnitzler geht mit. Und verschuldet sich weiter. Rechnungen wirft er nun ungeöffnet weg. Bei der Bank bittet er um mehr Kredit.

Der Mitarbeiter sagt, er sei St.-Pauli-Fan und bekomme das gedeichselt. Schnitzlers Dispo-Kredit wird auf 50.000 Euro hochgeschraubt.

Der Stürmer verzockt auch das Geld von Rooij, kann seine Miete nicht mehr bezahlen, muss Autos und Uhren zu Geld machen. Sein Mercedes CLS 500, für den er 105.000 Euro bezahlt hatte, geht für 30.000 Euro an einen Bordellbetreiber - ohne Fahrzeugbrief. Der liegt noch auf der Bank, die den Wagen mitfinanziert hatte.

Ein 36 Stunden langer Zockerrausch

Mit anderen St.-Pauli-Spielern trifft er sich sonntagabends, auf Pokerstars.de spielen sie die großen Turniere. Zweitligaspieler sitzen da konzentriert vor ihren Laptops, wenn einer massiv verloren hat, schickt der andere ihm online Geld rüber.

Beim Training versucht Schnitzler, sein Doppelleben geheim zu halten. Einmal zockt er bis morgens um 8.50 Uhr, erscheint aber pünktlich um 9.15 Uhr in der Umkleidekabine.

Dass seine Klamotten nach Rauch riechen, merkt keiner. Ein anderes Mal gerät er in einen Zockerrausch, der ihn 36 Stunden lang nicht mehr loslässt.

Nach der ersten von zwei durchgemachten Nächten meldet er sich beim Verein krank. Seine Prioritäten sind inzwischen klar gesetzt.

Drei Wochen nach der Niederlage in Rostock muss St. Pauli nach Augsburg, und als Schnitzler und Thomas Jacobs ein paar Tage vorher in einem Strandcafé in Scheveningen Rooij gegenübersitzen, wollen sie mehr Geld herausschlagen.

St. Pauli verliert, Paul jubiliert

Die Stimmung ist gut an diesem Herbsttag 2008, Rooij freut sich auf die Partie in Augsburg. Da fordern Schnitzler und Jacobs 10.000 Euro mehr. Diesmal müssten sie für eine Niederlage auch St. Paulis Torwart bezahlen, zur Sicherheit, erklären sie. Rooij ist einverstanden, und bald darauf fahren sie mit 40.000 Euro zurück ins Rheinland. "Was dann passierte", sagt René Schnitzler, "kann ich bis heute kaum glauben." Zweimal geht am 19. Oktober 2008 St. Pauli in Augsburg in Führung, erst elf Minuten vor Abpfiff fällt der Ausgleich.

Schnitzler sitzt auf der Auswechselbank.

In der Nachspielzeit bekommt Augsburg einen Freistoß.

Es sind 26 Meter bis zum Tor, und Mittelstürmer Michael Thurk gelingt kein wirklich gefährlicher Schuss. Der Ball segelt direkt auf St. Paulis Torwart Mathias Hain zu - und flutscht ihm durch die Hände. Ein Torwartfehler, "ein lucky punch durch Thurk", werden die Zeitungen später schreiben.

St. Pauli verliert. Paul jubiliert.

Schnitzler denkt, dass Mario ihn durchschaut

Dreimal sind Rooijs Spiele nun wie besprochen ausgegangen, und nach der Extrazahlung für die Torwartbestechung in Augsburg, die laut Schnitzler ja gar nicht stattgefunden hatte, hat der Torwart tatsächlich gepatzt: Paul, denkt sich Schnitzler, muss ihm jetzt zutiefst vertrauen. "Ich hatte Schulden auf dem Kiez, und deshalb habe ich Thomas angerufen und gesagt: Komm, das nächste Auswärtsspiel in Duisburg bieten wir ihm wieder an. Paul ahnte ja nicht, dass das alles nur Zufall war. Er bezahlte uns und setzte auf Sieg für Duisburg. Und was passiert? Wir gewinnen 2 : 1." Wenige Tage später landet Schnitzler auf dem Flughafen Amsterdam-Schiphol. Im Zockermilieu hat er gelernt, dass man keine Angst haben muss vor lauten Leuten, die aufbrausen und herumschreien. Eher vor den anderen.

Rooij spricht ruhig und unaufgeregt, als er Schnitzler in ein Café im Flughafen bittet.

Dort warten drei weitere Männer, einer mit dunklem Haar stellt sich als "Mario" und "Spielerberater aus Süddeutschland" vor. Was war mit Duisburg?, fragt Rooij. Ein kleines Risiko besteht immer, antwortet Schnitzler und denkt, dass Mario, der Spielerberater, ihn durchschaut, weil der die deutsche zweite Liga ja kennen muss. Er weiß nicht, dass es sich bei "Mario" um Marijo Cvrtak handelt.

Der zählt neben Ante Sapina zu den mutmaßlichen Köpfen der Wettmafia in Deutschland, beide werden voraussichtlich im Frühjahr angeklagt. Am Flughafen ist Rooij skeptisch und will auch wissen, warum Schnitzler das Geld, was er bei ihm verdiene, nicht gleich wieder setze. "Er meinte, alle seine Spieler täten das, wär ja auch logisch, die Spieler wüssten schließlich am besten, wie die Spiele ausgingen, und er könne in Asien richtig viel für sie rausholen.

So leicht kommt Schnitzler nicht davon

Ich hab nur gesagt, dass ich erst noch ein paar Rechnungen bezahlen muss." Rooij wirkt wenig überzeugt, und Schnitzler hat plötzlich Angst, dass das Quartett ihn mitnimmt. Sie befinden sich mitten im Flughafen, aber was heißt das schon.

Er sagt, dass er jetzt los müsse.

Dann geht er zur Abflughalle. Am liebsten würde er rennen.

Doch so leicht kommt Schnitzler nicht davon. Über Jacobs macht Rooij ihm klar, dass er sich zügig wieder in Holland einzufinden habe. Und diesmal will Rooij auch die Mitspieler sehen, die Schnitzler angeblich ins Boot geholt hat.

Solche hätte es natürlich nicht gegeben, beteuert Schnitzler, und deshalb habe er zwei Kollegen aus der Mannschaft gebeten, ihn zu begleiten. Er erzählt nicht viel, verspricht ihnen jeweils 5000 Euro, wenn sie so tun, als seien sie eingeweiht. Weil die beiden anderen Kumpel sind und selber Zocker, steigen sie an einem Nachmittag im November 2008 zu dritt in Schnitzlers schwarzen Audi und fahren los. Die Namen der beiden St. Pauli-Spieler sind dem stern bekannt, einer hat Schnitzlers Schilderung bestätigt.

Das Trio erreicht Scheveningen am späten Abend.

"Sieh zu, dass du abhaust"

Rooij sitzt nicht allein im Strandcafé, auch Jacobs ist da, und ein Mann, der aussieht wie ein Bodyguard. Mit ihm müssen sich die beiden Kollegen an einen anderen Tisch setzen.

Rooij teilt Jacobs und Schnitzler mit, dass er sein Geld wiederhaben wolle und eine hohe Summe auf eine Niederlage beim nächsten Spiel in Mainz setzen werde. "Später hat sein Kumpel mir gedroht, dass sie mich sonst an einen Pfosten in der Elbe binden und warten, bis die Flut kommt. Ich habe dann zugesagt, dass wir das gegen Mainz machen. Danach durften wir gehen." Nach fünfstündiger Fahrt durch die Nacht kommen die drei um sechs Uhr früh in Hamburg an.

Vier Stunden später treffen sie sich wieder - zum Training.

St. Pauli spielt 2 : 2 in Mainz, die Wette ist verloren, und Jacobs gerät in höchste Aufregung. "Sieh zu, dass du abhaust, sagte er mir am Telefon. Paul würde seine Leute schicken, der sei stinksauer, weil er zwei Millionen verloren habe", erzählt Schnitzler. Über Jacobs erreichen Schnitzler noch zwei Drohanrufe.

400.000 Euro schulde Schnitzler ihm jetzt, warnt Rooij. Später verlangt der Wettpate, dass Schnitzler zum FC Gossau wechsle. Er könne da helfen, für die richtigen Ergebnisse zu sorgen. Schnitzler lehnt ab. Danach lässt Rooij ihn erstaunlicherweise in Ruhe.

Doch vorher, im Frühjahr 2009, verlässt René Schnitzler Hamburg.

St. Pauli lehnt Stellungnahme ab

In seinem zweiten Jahr bei St. Pauli hat er nur noch zwölf Spiele und ein einziges Tor gemacht - zu wenig für einen Offensivspieler in einem Verein auf dem Sprung in die Bundesliga.

Im Verein hatte er seine Probleme kaum mehr verbergen können, der FC St. Pauli löste seinen Vertrag schließlich kurz vor Saisonende auf - wegen mangelnder Einstellung. Der stern hat den Klub mit Schnitzlers Geschichte konfrontiert, St. Pauli lehnte eine Stellungnahme ab.

Schnitzler zieht mit Jenny zurück ins Rheinland, in die kleine Wohnung im Haus seiner Eltern, er will jetzt Poker-Profi werden.

Im April 2009 reist er für ein großes Turnier nach Monaco. Am Nebentisch spielt Boris Becker.

Als er am letzten Abend in einem monegassischen Kasino am Black-Jack-Tisch sitzt, sieht er plötzlich Rooij. Der Pate steht keine zwei Meter von ihm entfernt.

"Zum Glück hat er mich nicht erkannt"

Reflexartig zieht Schnitzler sein Käppi tief ins Gesicht. "Ich hab Jenny gesagt, sie soll mich küssen und umarmen. Dabei habe ich die Jetons vom Tisch geholt, das waren gerade ziemlich viele, ungefähr 60.000 Euro. Wir sind schnell zum Wechseln und dann raus. Paul sah die Sache ja so, dass ich 400.000 Schulden bei ihm hatte. Zum Glück hat er mich nicht erkannt."

Im Sommer 2009 unterschreibt René Schnitzler beim FC Wegberg- Beeck, sechste Liga, zehn Kilometer von Mönchengladbach entfernt. Bis Dezember 2010 schießt er in 39 Spielen 24 Tore.

Training ist immer abends um sieben, weil die Mannschaftskollegen vorher arbeiten müssen.

Schnitzler legt hinterher los, in den Spielhöllen der Umgebung.

Einmal verlässt er das Kasino Duisburg mit 180.000 Euro. Vier Tage später ist das Geld wieder weg. Seine Schulden steigen. Heute sind es über 120.000 Euro.

Schnitzler erzählt alles

Es ist ausgerechnet ein mutmaßlicher Wettbetrüger, der ihn aus dem Teufelskreis des Verlierens und Gewinnens holt. Marijo Cvrtak, der angebliche Spielerberater aus Süddeutschland, sagt in einer Vernehmung bei der Bochumer Staatsanwaltschaft aus, dass Rooij auch den früheren St.-Pauli-Spieler Schnitzler gekauft habe.

Am 8. Dezember klingeln Polizisten René Schnitzler in Mönchengladbach aus dem Bett. Sie bringen ihn nach Bochum zur Vernehmung, und er erzählt alles - von seinen Schulden, von Thomas Jacobs, von Paul und seinen Freunden, den Spielen, für die er Geld bekam. Schnitzler muss eine Nacht in der Zelle bleiben. Das Gefängnis macht ihm mehr Angst als der Revolver, den ihm ein Schuldeneintreiber mal an die Schläfe gehalten hat.

Wenn René Schnitzler heute über seine Zukunft spricht, ist er vor allem besorgt: Er fürchtet, dass man ihm nicht glaubt. Dass die Bochumer Richter und der Deutsche Fußball-Bund ihm nicht abnehmen, dass er bei Rooij nur kassiert hat, sich aber nicht kaufen ließ.

Nie mehr spielen, nur noch Fußball

Ob er die ganze Wahrheit erzählt hat? Laut einem Verweis in den Bochumer Akten gab es ein weiteres verdächtiges St.-Pauli-Spiel, das Pokalmatch gegen Wehen Wiesbaden im Oktober 2007.

Dabei klappte der Betrug nicht, Rooij soll eine halbe Million Euro verloren haben. Schnitzlers und Jacobs' Namen fallen in diesem Zusammenhang allerdings nicht.

Schnitzler jedenfalls ist bereit für den großen Schnitt, und er will eine Schneise für andere schlagen: "Mein Leben ist vielleicht krass gelaufen bisher, aber es gibt verdammt viele Profis, die all ihr Geld verspielen. Die haben auch kaum Kontakt zur Außenwelt, weil sie ja nur mit Zockern zusammen sind, genau wie ich." Sein Vertrag mit Wegberg-Beeck ist aufgelöst, Schnitzler hat eine Therapie abgeschlossen und die nächste angefangen. Er will nie mehr spielen, nur noch Fußball.

Er ist 25 Jahre alt und hält sich fit, bis zum 31. Januar kann er einen neuen Verein finden.

Theoretisch.

* Name von der Redaktion geändert

W. Löer, R. Schäfer, N. Plonka, O. Schröm und A. Mönnich/print

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