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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Das Syndikat

Betrüger haben den internationalen Fußball im Griff. Mit verschobenen Spielen setzen sie pro Jahr mehrere Milliarden Euro um. Wer sind die Bosse der Wettmafia? Wie operieren sie? Erstmals packt ein Mitglied eines großen Kartells aus.

  Wilson Raj Perumal sits in the Lapland district court in Rovaniemi

Wilson Raj Perumal sits in the Lapland district court in Rovaniemi

Als Wilson Perumal in Untersuchungshaft saß, musste er oft an Dan Tan denken. Der große Boss, er würde sich rächen wollen.

"Wenn jemand die Gruppe verrät, bringt er damit sein eigenes Leben in Gefahr", sagte Perumal den Kommissaren.

Der Wettmafioso packte dennoch aus. Irgendjemand hatte ihn verraten, einer aus dem Syndikat.

Auch Perumal wollte Rache. Und er hoffte, dass sich seine Offenheit vor Gericht lohnen würde.

Vergangene Woche wurde Wilson Perumal, der jahrelang auf der Flucht gewesen war und zuletzt mit falschem Pass in London- Wembley gelebt hatte, in der nordfinnischen Stadt Rovaniemi zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Dass er ausgesagt hatte, milderte sein Strafmaß.

Immer neue Abgründe tun sich auf

Für die Ermittler, die vor allem kriminelle Strukturen zerschlagen wollen, ist Perumal eine Quelle von hohem Wert: Als erster Betrüger gewährt der Mann aus Singapur Einblick in Aufbau und Arbeitsweise eines der berüchtigten Wettsyndikate in Asien.

Immer neue Abgründe tun sich für die Fußballfans in diesem Sommer auf. Nationalspieler in Griechenland, Vereinsbosse in der Türkei und Schiedsrichter in Ungarn sitzen in Untersuchungshaft, weil sie an Manipulationen beteiligt gewesen sein sollen. Die Umsätze der illegalen Zocker sind kräftig gewachsen - und laut Fifa-Schätzungen mit jährlich 90 Milliarden Dollar inzwischen genauso hoch wie auf dem legalen Wettmarkt. Die Wettmafia droht den internationalen Fußball zu beherrschen.

In Deutschland dachte man lange, mit dem Berliner Wettbetrüger Ante Sapina und seinen Kumpanen dicke Fische im Netz zu haben. Sie wurden zu Haftstrafen von bis zu fünfeinhalb Jahren verurteilt. Vergangene Woche erst sperrte der DFB den ehemaligen Zweitliga-Spieler René Schnitzler, der von einem Wettpaten 100.000 Euro angenommen hatte, für zweieinhalb Jahre. Die Strafen sollen abschrecken. Doch inzwischen gehen deutsche Ermittler davon aus, dass die wirklich großen Geschäfte ganz woanders laufen. "Man muss sich nur anschauen, wo die hohen Beträge gesetzt werden: immer in Asien", sagt einer, der den Wettmafiosi seit Jahren auf den Fersen ist.

Der Fall Perumal alarmiert

Auch führende Fußballfunktionäre erkennen die Gefahr, die der Wettbetrug für ihren Sport darstellt. Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino spricht von einem "Krebsgeschwür", Fifa-Chef Sepp Blatter von der "Geiselhaft der Wettmafia", aus der sich der Fußball befreien müsse.

Doch jenseits solcher Verlautbarungen brachten die Verbände wenig zustande. Die Uefa wurde vergangenes Jahr selbst von einem Wettgauner unterwandert.

Nach seiner Enttarnung durch den stern (Nr. 38/2010) musste sie ihren obersten Betrugsbekämpfer absetzen. Die Fifa kämpft mit Korruptionsaffären im eigenen Haus und ist weitgehend mit sich selbst beschäftigt.

Doch der Fall Perumal hat sie alarmiert.

Der 45-Jährige schilderte in Vernehmungen und handschriftlichen Stellungnahmen nicht nur, wie sein Boss Dan Tan und seine Leute Finnlands erste Fußballliga manipulierten und dabei ganze Vereine kontrollierten. Das Dan-Tan-Kartell mit Sitz in Singapur macht seine Millionengewinne seit 2008 auf vier Kontinenten.

Dabei zerstört es die Glaubwürdigkeit des Fußballs genau dort, wo er die Menschen besonders bewegt: bei Länderspielen.

Das Dan-Tan-Kartell

Wilson Perumal verschob seit Jahren Partien, immer wieder auch Länderspiele. Im Dan-Tan-Kartell war er einer von fünf so genannten Shareholdern, ein Teilhaber, der sich um einen Geschäftsbereich zu kümmern hat. Die übrigen Shareholder kommen aus Kroatien, Bulgarien, Slowenien und Ungarn. Sie platzieren ihre Wetten meist in China.

Jeder Gewinn wird untereinander aufgeteilt, Verluste werden gemeinsam getragen. Die treten ein, wenn Bestechungsgelder gezahlt werden, die Spiele aber dennoch nicht wie bestellt enden.

Solche Verluste können happig ausfallen, Perumal zum Beispiel zahlte manchmal mehr als 10.000 Euro pro Spieler.

Auch die Arbeit teilen sich die Shareholder. "Mein Job war es, Spiele und Turniere zu arrangieren und neue Ideen für Spielmanipulationen einzubringen", sagte Perumal während der Vernehmung in Finnland. "Ich sollte Kontakte zu Fußballverbänden und anderen wichtigen Leuten halten, zu solchen, die einen Fifa-Status haben." Leute mit Fifa-Status, damit meint Perumal jene Agenten, die eine Lizenz des Weltverbands besitzen, Länderspiele zu organisieren.

Eine einzige Farce

Perumal schilderte, wie der Markt für Leute wie ihn funktioniert. "Die meisten Fußballverbände sind pleite. Wenn man sie besucht und ihnen einen Gegner anbietet, der die Kosten für das Freundschaftsspiel übernimmt, heißen sie einen mit offenen Armen willkommen. Sie erkennen nicht, was dahintersteckt. Sie wollen nur unbedingt ein Länderspiel."

Bahrein trat vergangenen September gutgläubig gegen Togo an.

Dass für den Gegner in Wirklichkeit gar keine Nationalspieler aufliefen, sondern passabel kickende Landsleute, erfuhr die Mannschaft erst später. Die ganze Veranstaltung war eine Farce. Das Spiel wurde von Fifa-Schiedsrichter Ibrahim Chaibou aus Niger gepfiffen, von dem Wilson Perumal sagt, dieser habe auf seiner Gehaltsliste gestanden.

Der Schiedsrichter leitete am 1. Juni 2011 auch eine Partie zweier Mannschaften mit klangvollem Namen: Vor 30.000 Zuschauern empfing Nigeria die Nationalelf Argentiniens. Ein Spiel zweier WM-Kontrahenten und großer Fußballnationen, das weltweit auf Interesse stieß und auf das Wettbüros hohe Einsätze annahmen. Besonders viel wurde in Asien gesetzt.

Der Einsatz lässt sich verzehnfachen

Schiedsrichter Chaibou war in seinem Element. Schon in der ersten Halbzeit pfiff er einen umstrittenen Elfmeter, die Nachspielzeit dehnte er aus und gab in der 98. Spielminute einen weiteren Strafstoß.

Bei diesem Spiel wurden in Asien besonders viele "Über 4,5 Tore"-Wetten abgeschlossen.

Um die zu gewinnen, müssen mindestens fünf Tore fallen. Chaibous Elfmeterpfiff tief in der Nachspielzeit brachte das fünfte Tor - und den Zockern hohe Gewinne.

Bei Wetten dieser Art lässt sich der Einsatz manchmal verzehnfachen.

Die Fifa hätte Chaibous Einsatz verhindern können. Einer ihrer Mitarbeiter war im Frühjahr dieses Jahres extra nach Finnland gereist, hatte Perumal verhört und Einsicht in die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft genommen.

Chaibou hatte schon 2010 in zwei Länderspielen durch Elfmeterpfiffe dazu beigetragen, dass fünf Tore fielen - auch dort wurden ungewöhnlich hohe Summen auf ein entsprechendes Ergebnis gesetzt. Der Verband muss gewusst haben, dass dieser Schiedsrichter bestechlich ist.

Ein Flächenbrand

Doch weil die Fifa ihn in Nigeria wieder gewähren ließ, konnte die Wettmafia auch dort ungestört betrügen und kassieren. Erst jetzt, da Chaibou untergetaucht ist, erklärt die Fifa, ihn zu suchen.

Recherchen werden nun ernst genommen. In einer langen, vertraulichen Mail an Generalsekretär Jérôme Valcke und seine drei Direktoren schlägt ein Fifa-Mann Alarm.

Der Report beschreibt einen Flächenbrand: Wegen mutmaßlich verschobener Spiele laufen in Südamerika in zwölf Ländern Untersuchungen, im Nahen Osten in acht und in Afrika in neun Staaten.

In Südkorea brachten sich zwei junge Fußballspieler um, "wegen Drucks, den sie durch die Nachforschungen verspürten". Es geht in dem Papier auch um Geldwäsche.

"Daran sind auch kolumbianische Kartelle beteiligt." Eine Agentur, die Länderspiele ausrichtet, werde mit Geld aus Russland finanziert. Für die Analyse wurde der Einfluss der Wettsyndikate auf Partien in aller Welt aus den vergangenen fünf Jahren ausgewertet.

Dan Tans Residenz in Singapur

Perumal ist nicht der einzige Shareholder aus Dan Tans Syndikat, der in Haft sitzt.

In Kroatien und Ungarn wurden bereits zwei seiner Kollegen festgenommen.

Beide entschieden sich jedoch zu schweigen - und werden laut Perumal deshalb auch weiterhin vom Oberboss bezahlt.

Der Mann, der auf Mitte 40 geschätzt wird, ist Bürger Singapurs und residiert in einem der besseren Viertel des Stadtstaates.

Seine großzügige Wohnung liegt im ersten Stock eines umzäunten und von Kameras überwachten Appartementhauses aus gelben Steinquadern. An der Schranke steht ein Aufseher, der Besucher kontrolliert, im Innenhof spuckt eine Delfinskulptur Wasser in den großen Pool. Der Boss ist nicht zu Hause, als der stern vergangenen Donnerstag klingelt und kurz hineingebeten wird. Im Wohnzimmer steht auf Steinfliesen ein Flügel, abgedeckt mit einem Staubschutz.

Das Sofa ist schneeweiß.

An den Wänden des Hausflurs sind Schuhkartons aufgetürmt.

Ein böser Verdacht

Dan Tan ist auch am nächsten Tag nicht zu sprechen. Dafür redet in einem Café in Singapur Dany, der mit richtigem Namen Ray Prakash Rajoo heißt. Dan Tan habe 50 Millionen Dollar auf dem Konto, sagt Dany, sei aber jetzt nicht mehr im Geschäft. Überzeugend ist das nicht. In seinem Syndikat hat Dan Tan unterhalb seiner fünf Shareholder sogenannte Runners angesiedelt.

Sie stehen auf der untersten Hierarchieebene. Ihre Aufgabe ist es, Schmiergelder an korrupte Spieler und Schiedsrichter zu übergeben.

Dany soll einer von ihnen gewesen sein. Wilson Perumal hat ihn in einem Brief an die singapurische Zeitung "The New Paper" genannt.

Für das Syndikat war er mit hohen Summen unterwegs. Das Dan-Tan-Kartell setzt solche Geldkuriere in Asien und Europa ein - und, wie jetzt bekannt wird, auch in Mittel- und Nordamerika.

Dort nämlich fällt ein böser Verdacht auf mehrere Spiele des Gold Cups, der im Juni in den USA ausgetragen wurde und das nord- und mittelamerikanische Pendant zur Europameisterschaft ist. Von Interesse ist zudem die Begegnung zwischen El Salvador und Costa Rica im vergangenen Oktober, eine der zahlreichen Partien in der Region, die Perumal organisierte. Unter amerikanischen Funktionären ist von bestochenen Spielern die Rede - doch die beiden Fußballverbände, die sich mit Perumal einließen, beteuern ihre Unschuld. Der Vertrag sei schließlich auch von einem offiziellen Fifa-Agenten unterzeichnet worden, sagt El Salvadors Fußballpräsident Carlos Méndez Florez.

Rasamanickam geht derzeit nicht ans Telefon

Dieser Agent ist nach stern- Recherchen Subramaniam Rasamanickam, ein früherer Lehrer, der seinen Beruf nach eigenen Angaben "aus Liebe zum Fußball" aufgab, Trainerausbilder und Funktionär wurde und 2003 auch mal einen Lehrgang des DFB an der Sportschule Hennef belegte.

Rasamanickam war bei Facebook mit Wilson Perumal befreundet.

In dessen Handy fand man die Telefonnummer des Fifa-Agenten.

Rasamanickam geht derzeit nicht ans Telefon.

Die Fußballfunktionäre in El Salvador sagen, die Fifa habe sie angewiesen, sich nicht weiter zu dem delikaten Fall zu äußern. Der Vertrag mit dem Wettbetrüger Perumal und der Unterschrift des Fifa-Agenten kann ihr nicht gefallen - sie aber auch nicht überraschen.

Denn der Report an den Generalsekretär befasst sich auch mit dem Wirken der Spiele-Agenten mit Fifa-Lizenz. Rasamanickam und mindestens zwei weitere Kollegen, so ist zu lesen, seien Komplizen des Wettsyndikats von Dan Tan.

Von Dirk Liedtke, Wigbert Löer, Andreas Mönnich, Nina Plonka, Oliver Schröm und Janis Vougioukas

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