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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

"Wenn ich sauer bin, hole ich mir das Geld. Aber ich drohe nie"

Er ist Spieler, seit er 16 ist. Wegen Drogenhandels muss er später in den Knast. Nach der Entlassung befasst er sich mit Fußball. Und wettet. In großem Stil. Seit vergangener Woche ist Paul Rooij in Deutschland bekannt: Da enttarnte ihn der frühere St.-Pauli-Profi René Schnitzler im stern als Schlüsselfigur des Bundesliga-Wettskandals. Was sagt der Pate selbst dazu?

Interview: Oliver Schröm und Wigbert Löer

  In Europa sollen bereits in mindestens 24 Ländern Fußballspiele manipuliert worden sein. Um welche Ligen es sich handelt, wurde nicht bekannt

In Europa sollen bereits in mindestens 24 Ländern Fußballspiele manipuliert worden sein. Um welche Ligen es sich handelt, wurde nicht bekannt

Flughafen Amsterdam, das Sheraton, ein Restaurant mit hohen Decken, Paul Rooij spricht ausgezeichnetes Deutsch. "Ich hatte gute Lehrer", sagt er und spielt auf seine Zeit in deutschen Gefängnissen an. Vergangene Woche behauptete der frühere St.-Pauli-Fußballprofi René Schnitzler im stern, er habe von Rooij knapp 100.000 Euro bekommen, um Spiele zu manipulieren.

Nach Erkenntnissen deutscher Strafverfolger ist der Niederländer eine Schlüsselfigur im internationalen Wettskandal, der Mann, der von Holland aus mit Millionen jongliert. Rooij fühlt sich in seiner Heimat sicher. Denn Hollands Justiz zeigt bislang wenig Interesse am größten Wettbetrug im europäischen Fußball - zum Ärger der deutschen Ermittler.

Paul Rooij ist lang und dünn, die letzten Haare am Hinterkopf hat er abrasiert. An seinem linken Handgelenk trägt er eine teure Uhr von Breguet. "Jetzt können Sie schreiben, der Pate hat viel Geld", sagt er. "Ich hab überlegt, die Uhr abzunehmen. Aber wir sind nicht im Kindergarten." Das stimmt. Es geht um Betrug und die Käuflichkeit von Fußballstars.

Und darum, wie glaubwürdig der Fußball noch ist.

Herr Rooij, Samstagnachmittag 16.30 Uhr, welche Fußballwetten haben Sie gerade am Laufen?
Gar keine.

Warum gar keine?


Vor ein paar Monaten habe ich aufgehört damit. In der Wettszene ist zu viel Unruhe.

Seit einige mutmaßliche Wettbetrüger in Deutschland in Untersuchungshaft sitzen?


Es gibt zu viele Personen, die nicht zuverlässig sind. Und die zu hohe Schulden haben. In der Fußball-Wettszene steckt nicht mehr sehr viel Geld.

Über Sie ist bislang wenig bekannt. Man kennt Sie in Deutschland erst, seit der FußballprofiRené Schnitzler im stern schilderte, wie Sie ihm viel Geld gaben, um Zweitliga-Spiele zu manipulieren.


Und das glauben Sie ihm?

Warum sollte René Schnitzler sich mit einer falschen Aussage selbst belasten?


Mit dieser Frage muss ich mich wohl beschäftigen. Ich habe Schnitzler kein Geld gegeben. Ich habe niemals ein Spiel verschoben.

Er hat bei mir gewettet wie all die anderen. Schnitzler hat sogar 30.000 Euro Schulden bei mir. Das sind alles verzockte Hunde.

Andere erzählen ebenfalls, dass Sie Fußballspieler gekauft haben, auch Ihr alter Bekannter Marijo Cvrtak, einer der Hauptbeschuldigten im Fußball-Wettskandal.
Ich weiß, wie das funktioniert bei euch in Deutschland. Marijo und die anderen Zocker sitzen seit mehr als einem Jahr in U-Haft.

Die wollen jetzt ihren Arsch retten, haben Angst, dass sie zehn, zwölf Jahre bekommen und erzählen Märchen über mich.

Sie sagten alle sehr detailliert dasselbe aus: Sie sollen Schnitzler gekauft haben. Marijo Cvrtak behauptet gar, dass Sie neben Schnitzler noch vier weitere Spieler vom FC St. Pauli auf der Gehaltsliste hatten.


Marijo, Schnitzler und die anderen haben sich doch vor ihren Aussagen abgesprochen.

Das war schwer möglich. Anfang Dezember 2010 erzählte der seit einem Jahr inhaftierte Marijo Cvrtak den Vernehmungsbeamten erstmals die Geschichte mit Schnitzler. Gleich am nächsten Morgen wurde Schnitzler festgenommen, er gab alles zu.Schnitzler erzählte noch, dass sein Freund Thomas Jacobs* mit dabei war und ebenfalls Geld von Ihnen bekam.Und während Schnitzler noch in der Gefängniszelle saß, wurde Jacobs festgenommen, der dann dasselbe wie Schnitzler und Cvrtak gestand.


(lange Pause) Okay, stimmt. Sieht scheiße für mich aus.

Wollen Sie etwas zu den Anschuldigungen sagen?

Ich sehe schon, die Aussagen sind ein Problem für mich. Aber es ist nun mal so: Ich habe nie ein Spiel verschoben.

Aber was sagen Sie zu den Vorwürfen?


Nichts! Ich würde nie jemanden verraten. Niemals! Selbst wenn mir lebenslänglich Gefängnis droht. Ich will mich morgens im Spiegel anschauen können. Verstehen Sie?

Ihr früherer Wettkunde Nürettin "Nuri" Günay, einer der vier bereits Angeklagten im Wettskandal-Prozess in Bochum, sagte aus, Sie hätten bei einem Spiel von St. Pauli 500.000 Euro verloren, weil das nicht so ausging wie erwartet.


Ja, auch Nuri hat geredet. Deswegen haben sie ihn ja vor Weihnachten auch aus der U-Haft entlassen.

Nuri muss jetzt vorsichtig sein. Wegen seiner Aussage sind in der Türkei einige Leute verhaftet worden. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

Das klingt ja wie eine Drohung.


Wissen Sie, das hat mich an dem stern-Artikel vergangene Woche auch gestört, dass Schnitzler behauptet, ich hätte ihn bedroht.

Wenn ich sauer bin, weil ein Zocker nicht zahlt, dann hole ich mir das Geld. Aber ich drohe nie.

Schulden Ihnen viele Zocker Geld?


Ja. Schnitzler, Cvrtak, alle, die jetzt schlecht über mich reden.

Wie viel schulden die Ihnen?


Jeder so etwa 30.000 Euro. Mehr Geld habe ich für diese verzockten Hunde nie gesetzt, außer wenn sie das Geld vorher nach Holland brachten.

Sind Sie auch spielsüchtig?


War ich mal, ein paar Jahre, das ist sehr lange her. Dann habe ich mir gesagt: Schluss jetzt! Dann war Schluss. Ist eine Kopfsache.

Welche Rolle spielen Sie im Wettskandal?
Gar keine. Ich bin eine Art Zwischenmakler.

Ich habe Kunden, die bei mir hohe Summen setzen, und ich platziere deren Geld dann in Asien. Dort sind die Quoten höher, und den Chinesen gelte ich als seriöser Geschäftspartner.

Die wetten nicht mit jedem in der Höhe.

Noch einmal: Haben Sie an Spielmanipulationen teilgenommen oder davon profitiert?


Nein. Leute wie Marijo haben immer bei mir angerufen und gesagt:

Ich weiß, dass der Spieler und der Spieler gekauft ist. Aber ich bin nicht dumm. Die wollten nur, dass ich viel Geld auf die anderen Mannschaften setze und die Quote hochtreibe. Und sie wetten dann auf den Gegner.

Ermittler in Deutschland haben Telefonate zwischen Ihnen und Marijo Cvrtak abgehört. In einem Gespräch vom September 2009 ärgern Sie sich beide über den Ausgang des Champions-League-Spiels zwischen FC Liverpool und VSC Debrecen. Sie beide schimpfen über Steven Gerrard:Der hätte öfter auf das Tor der Ungarn schießen sollen, da schließlich der Torwart gekauft war. Der Torwart ist inzwischen gesperrt.


Wer ist Steven Gerrard?

Steven Gerrard ist englischer Nationalspieler, das Gesicht des FC Liverpool.


Ich kenne nur einen Fußballer persönlich, Schnitzler. Die Leute, die jetzt in Deutschland im Gefängnis sitzen, lachten immer über mich, weil ich keine Ahnung von Fußball hatte. Ich verfolgte nur die Quoten der Live-Wetten am Bildschirm. Das ist wie Börsenkurse lesen. Wie war denn die Quote bei dem Liverpool- Spiel?

Allein in Asien waren angeblich 20 Millionen Euro gesetzt.


Normal für die Champions League.

Wer waren Ihre Kunden?


Ich hatte vielleicht 50, aus ganz Europa. Manche setzten täglich neu, andere nur mal ab und zu.

Und Sie flogen dann mit dem Geldkoffer nach Malaysia oder Hongkong?


Diese Buchmacher haben auch Leute hier bei uns. Man trifft sich hier, zum Beispiel in diesem Hotel.

Werden Ihrer Meinung nach überhaupt keine Spiele manipuliert?


(schmunzelt) Doch, auf jeden Fall. Das sehe ich an den Wettquoten.

Aber man braucht mehr als zwei, drei gekaufte Spieler in einer Mannschaft, das können Sie mir glauben.

Welche Ligen sind betroffen?


Die Erste Bundesliga sicher nicht.

Weiter unten geht es besser, auch in anderen Ländern. In Ligen, wo die Gehälter nicht so pünktlich gezahlt werden.

Stimmt es, dass Sie in den 90er Jahren in Düsseldorf ein illegales Kasino betrieben haben?
Es war ein Klub nahe der Königsallee, zu dem nur Japaner Zugang hatten. In Düsseldorf leben ja 6000 Japaner. Ich selbst hatte zu der Zeit in ungefähr 80 Prozent aller Kasinos Hausverbot, weil ich zu viel gewann. Da habe ich mir ein neues Geschäft aufgebaut.

Und?


Ich habe es nur ein Jahr gemacht, es lief nicht so toll. Japaner sind keine Chinesen, die zocken nicht um hohe Summen.

In der deutschen Wettszene heißt es, Sie hätten in Deutschland mal im Gefängnis gesessen und dürften im Augenblick nicht einreisen.


Das stimmt, fünfeinhalb Jahre in Baden-Württemberg, zuerst in Karlsruhe, dann in Heimsheim.

Verurteilt war ich zu acht Jahren, nach zwei Dritteln wurde ich nach Holland ausgewiesen. Das war 2005. Es ging um Drogenhandel, Marihuana. Bei uns in Holland ist das nicht strafbar.

Und in Deutschland bekommt man acht Jahre?


Es waren mehrere Hundert Kilo.

Und ich habe den Staatsanwälten eben nicht irgendwelche Geschichten aufgetischt, um mein Strafmaß zu reduzieren. Ich habe gar nichts gesagt.

Haben Sie im Gefängnis auch gespielt?


Backgammon. Um Tabak und Kaffee.

Wann sind Sie in das Fußball-Wettgeschäft eingestiegen?


Nach meiner Knastzeit.

Warum Fußball, wenn Sie keine Ahnung von dem Spiel haben?


Nur da lässt sich Geld verdienen.

Vom gesamten Wettumsatz fallen etwa 85 Prozent auf den Fußball.

Fünf Prozent fallen auf Tennis, der Rest auf andere Sportarten.

Außerdem wollte ich nicht mehr so viel nachts arbeiten. Die hohen Einsätze werden bei den Live- Wetten gesetzt, und die sind ja tagsüber oder abends.

Was machen Sie heute?


Ich pokere. Früher bin ich als Profispieler durch die ganze Welt gereist, lange auch durch Deutschland. Ich war einer von vielleicht sechs Leuten in Europa, die beim 24er-Roulette den Lauf der Kugel berechnen konnten.

Aber dieses Spiel bieten inzwischen nur noch ein paar Hotels in Österreich an, mit geringen Einsätzen.

Wie oft verlieren Sie als Profi beim Pokern?


Keine Ahnung! Ich bin Zocker, ich bin Spieler. Wenn ich verliere, putze ich mir den Mund ab und fertig!

Mitarbeit: Nina Plonka/print

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