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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Deutschlands dubiose Goldmedaillen-Zucht

130 Millionen Euro lässt sich der Staat die Hoffnung auf viele Medaillen kosten. Er setzt die Verbände mit geheimen Zielvorgaben unter Druck. stern.de gibt Einblick in ein fragwürdiges System.

Von Daniel Drepper und Niklas Schenck

  Von diesen Medaillen träumen die Teilnehmer der Olympischen Spiele in London. Der Deutsche Olympische Sportbund plant bei den Leichtathleten mit insgesamt acht.

Von diesen Medaillen träumen die Teilnehmer der Olympischen Spiele in London. Der Deutsche Olympische Sportbund plant bei den Leichtathleten mit insgesamt acht.

Im Vierjahresplan des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht schon fest, wie Deutschland bei den Olympischen Spielen in London abschneidet. So müssen allein die deutschen Leichtathleten in London acht Medaillen holen, zwei davon in Gold. Das wurde 2008 beschlossen, das sollen die Athleten ausführen. Bei Nichterfüllung des Planes drohen Geldentzug und Trainerentlassungen. Die deutsche Spitzensportförderung arbeitet wie eine Planwirtschaft an der Produktion von Medaillen im Vierjahrestakt. Sie sollen das Ansehen Deutschlands steigern.

2008 in Frankfurt, die Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) verhandeln beim DOSB über ihre erste Zielvereinbarung. Man ist sich einig geworden über die Medaillenzahl und die dafür nötigen Maßnahmen: Trainerstellen, Lehrgänge, Projektmittel. An dem Tag, an dem alles in einer Zielvereinbarung festgeschrieben werden soll, wird plötzlich das Geld zusammengestrichen, die Medaillenziele aber nicht. Der damalige DLV-Vizepräsident Eike Emrich war fassungslos: Er musste nun die vereinbarte Medaillenzahl mit zwei Dritteln des Geldes erreichen. "Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um dort in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind." Er zögerte wochenlang mit der Unterschrift, hoffte auf einen Sponsor, der ihn aus der Abhängigkeit befreit. "Dann haben wir doch unterschrieben, sonst hätten wir viel zu lange auf das Geld gewartet oder es gar nicht bekommen", sagt Emrich.

So geht es vielen Verbänden: Leistung lässt sich beeinflussen, Medaillen nicht. Sie hängen ab von den Konkurrenten, von der Tagesform, von Manipulationen im Feld, sogar vom Wetter. Der Diskuswerfer Robert Harting ist seit 28 Wettkämpfen ungeschlagen, er soll eine der beiden Goldmedaillen holen. "Aber wenn er bei seinen Würfen Rückenwind hat, wird er vielleicht nur Dritter", sagt Emrichs Nachfolger Günther Lohre. "Ich frage mich, warum ich mich solchen Zielstellungen unterwerfen sollte?"

Parlamentarier bohren – der DOSB mauert

DOSB-Funktionäre und Beamte versuchen zu verhindern, dass die Details dieser Planwirtschaft, die sich vor allem an Prestigeerfolgen messen lässt, aufgeklärt werden. Sie halten Zahlen und Daten unter Verschluss, verweigern Auskünfte selbst vor Gericht. Recherchen der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", ausgewertet gemeinsam mit stern.de, offenbaren die Dimension des Medaillenwahns in der öffentlichen Sportförderung.

In Athen holten die deutschen Leichtathleten zweimal Silber, in Peking einmal Bronze. Die Vorgabe für London: Eine Medaille im Sprint, drei in den Mehrkämpfen und Sprungdisziplinen, davon eine Gold, vier in den Wurfdisziplinen, auch davon eine in Gold. Das steht in einer Zielvereinbarung zwischen dem DOSB und dem Deutschen Leichtathletik Verband (DLV), die der WAZ und stern.de vorliegen. Erfüllt der DLV sie nicht, kann das Ministerium Mittel abziehen, als Strafe. Oder es stockt auf, weil das Geld für die gesteckten Ziele nicht reichte. Die Entscheidung darüber fällt hinter verschlossenen Türen.

Mit den Zielvereinbarungen kontrolliert der DOSB de facto die Vergabe von Steuermitteln an Sportverbände durch das Bundesinnenministerium. Zwei freie Journalisten beantragten Akteneinsicht – und werden bis heute hingehalten. Manche Verbände hätten ihre Zielvereinbarungen gerne öffentlich gemacht – und wurden vom DOSB zurückgepfiffen.

Kaum ein Verband traut sich, öffentlich zu protestieren. "Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, Verhandlungen über die Zielvereinbarungen seien die pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik", sagt Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD und Präsident des nicht-olympischen Sportakrobatik-Verbandes. "Die Zielvereinbarungen sind ein Machtinstrument des DOSB." Gerster sitzt im Sportausschuss des Bundestages. Selbst Gerster und seine Parlamentskollegen kennen die Zielvereinbarungen nicht.

Die Doppelrolle des DOSB

Das Bundesinnenministerium fördert den deutschen Spitzensport derzeit mit knapp 133 Millionen Euro pro Jahr - Geld für Olympiastützpunkte, Forschungseinrichtungen und Sportverbände. Was genau Schwimmer, Leichtathleten oder Turner in Medaillennähe bringt, das soll der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bewerten, als "neutraler Fachgutachter", wie es heißt. Als Dachverband aller deutschen Sportverbände muss er aber zugleich deren Interessen gegenüber dem Ministerium vertreten. Damit ist der DOSB eine Institution mit zwei gegensätzlichen Aufträgen. Darin sehen viele das Grundproblem des deutschen Sports.

Der DOSB-Chef Michael Vesper bestreitet den Vorwurf, der DOSB betreibe Machtpolitik. "Der DOSB ist der Dachverband aller Verbände und da wird nicht willkürlich nach sachfremden Kriterien entschieden, sondern nach Kriterien, die wir gemeinsam in unseren Gremien vereinbart haben."

Wofür braucht Deutschland Medaillen?

Verbandsvertreter und Wissenschaftler sind sich sicher: Enthalten die Zielvereinbarungen unrealistisch hohe Medaillenzahlen, dann ist darin der Anreiz zur Manipulation, zum Doping bereits angelegt. Der Sportphilosoph Gunter Gebauer findet die Vorstellung absurd, dass Deutschland in der Welt daran gemessen werde, wie viele Goldmedaillen es gewinne. "Wir werden daran gemessen, was für ein Leben in Deutschland möglich ist, wie sich ein Individuum entfalten kann." Derzeit dränge sich ihm dagegen vielmehr "der peinliche Eindruck auf, dass das Sportsystem der DDR über das der Bundesrepublik gesiegt hat".

"Im DOSB, aber auch im Innenministerium ist offenbar noch nicht angekommen, dass der kalte Krieg vorbei ist", sagt der Frankfurter Sportpädagoge Robert Prohl. Wofür braucht Deutschland Medaillen? "Ich habe das nie verstanden", sagt Prohl. "Die Wirtschaftsmacht Deutschland, die aus einer demokratischen Gesellschaft erwächst, sollte selbstbewusst genug sein, sich vom Medaillenzählen zu lösen."

Die Recherchen für diesen Beitrag wurden durch ein Stipendium der Otto-Brenner-Stiftung gefördert und von der Journalisten-Vereinigung Netzwerk Recherche betreut.

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