Ölgemälde mit der Königsfamilie zieren die elegante Lobby in Jandawil. Eine runde Marmortreppe führt hinauf zu den Büros und Konferenzräumen der Anti-Terror-Spezialisten. Namen, Dienstgrade und Funktionen aller neun Gesprächspartner müssen geheim bleiben, als sich die Agenten mit den stern-Reportern treffen. "Weil Jordanien eine Hauptrolle in der internationalen Terrorbekämpfung spielt", sagt einer, der seit Jahren dabei ist, "sind wir heißes Gebiet, ein Top-Ziel in den Plänen von Zarqawi und al Qaeda."
Im Frühjahr vereitelte das GID in letzter Minute einen Großanschlag "auf dieses Gebäude hier, unser Hauptquartier". Mehrere präparierte MAN-Lkws, beladen mit fast 20 Tonnen Sprengstoff und Chemikalien, sollten von Selbstmordattentätern in die verschiedenen Häuser des Komplexes gesteuert werden. "Kein Stein wäre auf dem anderen geblieben, niemand hier und in der Umgebung hätte überlebt, zumal sie planten, nach den Explosionen des konventionellen Sprengstoffs bei weiteren Explosionen Gifte und Chemikalien freizusetzen." Das Kinderkrankenhaus nebenan, die Herzklinik, die US-Botschaft, das Büro des Premierministers wären zerstört worden, Tausende gestorben. Einer der Ermittler sagt: "Zarqawis Budget für diesen Anschlag betrug 250 000 US-Dollar. Er gab den Auftrag, er steuerte die Planung, kümmerte sich um die Kuriere und viele Details."
Das GID zeichnet ein seltsames Profil Zarqawis. Einerseits ist er ein strategisch vorgehender Top-Terrorist. Plane seine Operationen im Detail und über Jahre. Agiere "mittlerweile äußerst vorsichtig und äußerst clever". Man könne seine Aktionsweise "mit dem Stil eines Mafia-Paten" vergleichen. Das Chaos im Irak und dessen poröse Landesgrenzen verstehe er zu nutzen. Dort und im Nachbarland Iran genieße er eine Bewegungsfreiheit, wie sie Osama bin Laden längst nicht mehr habe.
Andererseits ist Zarqawi ein gemeiner Verbrecher: "Er kann seinen eigentlichen Typus nicht verleugnen. Er hat eine zutiefst kriminelle Vergangenheit. Und diese Denkweise, diesen inneren Teufel, hat er nie ablegen können. Die Enthauptungs- Videos sind dafür der perfekte Beweis. Zudem hat er ein völlig übersteigertes Ego: Zarqawi hält sich für einen Mister Big, erfolglos gejagt von der Weltmacht Amerika. Für uns ist er nichts als ein Gnom, allerdings extrem gefährlich." Ihm und seinen Helfern sämtliche Anschläge und Attentate im Irak und anderswo anzulasten, wie es US-Medien töten, helfe nichts. "Im Gegenteil, es verschafft ihm mehr Zulauf. Wir müssen seine Bedeutung sehr exakt analysieren, um mit ihm fertig zu werden."
Zarqawi ist das schwarze Schaf eines der großen Beduinenstämme Jordaniens, aus dem viele Soldaten und Offiziere hervorgingen. Als Ahmed Fadhil Nazzal Khalaliyah, so Zarqawis richtiger Name, am 30. Oktober 1966 in Zarqa geboren wird, haben die Eltern bereits vier Kinder, fünf weitere werden nach ihm zur Welt kommen. Die Familie bewohnt eine karge Bleibe in einem vierstöckigen Haus, im Erdgeschoss ist eine Autowerkstatt, gegenüber ein großer Friedhof. Der Vater, Fadhil Nazzal Khalaliyah, arbeitet als städtischer Angestellter. Er ist ein respektierter, besonnener Mann, Sprecher eines der sieben Flügel innerhalb der Khalaliyah-Sippe mit ihren mehreren tausend Mitgliedern. Die Mutter ist eine tief religiöse Frau.
Ahmed wächst auf in politisch unruhigen Zeiten. Zarqa, die alte Bergbaustadt, ist ein Ort der Vertriebenen. Nach dem israelisch-arabischen Krieg 1967 sind Zigtausende Palästinenser in die Stadt geströmt, wo bereits seit fast zwei Jahrzehnten ein riesiges Flüchtlingslager existiert. Palästinenser entführen Flugzeuge, versuchen Häftlinge freizupressen, einmal landen Hijacker in Zarqa. König Hussein geht 1970 im so genannten Schwarzen September mit aller Härte gegen die palästinensischen Revolutionäre in seinem Land vor. Zehntausende sterben.
Ahmed Khalaliyah interessiert sich nicht für Politik. Er ist ein mittelmäßiger Schüler, taucht ab in die brutale Szene der Teenager-Gangs, die abends die Straßen und Spelunken unsicher machen. Er lässt sich tätowieren mit den Insignien seiner Bande, drei grünen Punkten in der Daumenbeuge der linken Hand. Er zettelt Prügeleien und blutige Messerstechereien an. Dabei setzt er ein kleines Messer ein, ein Skalpell. Von Freunden lässt er sich nun "al-Zarqawi" nennen, der Zarqaer.
Sein Vater und ein Onkel mussten ihn damals fast täglich bei der Polizei abholen, wie ein Verwandter beschämt erzählt. In den 80er Jahren wird er zu Jugendstrafen und Rehabilitationskursen verurteilt, wieder und wieder wird er rückfällig. In der elften Klasse, nur ein Jahr vor dem Abschluss, bricht er die Schule ab. Die Familie entscheidet, den unberechenbaren Sohn zur Umerziehung zu schicken. Geistliche sollen ihn islamische Werte wie Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Vergebung lehren. Bald geht er jeden Tag in die Al-Hussein-Ibn-Ali-Moschee.
Die Moschee ist Tummelplatz frommer Koranstudenten. Einige sind zurückgekehrt aus Afghanistan. Sie schwärmen vom Krieg gegen die sowjetischen Besatzer. Ihre Heldengeschichten beeindrucken Zarqawi. Die Eltern freut es, dass er nun nicht mehr trinkt. 1988, im Alter von 22 Jahren, heiratet er eine entfernte Cousine.
Zarqawi denkt oft an Afghanistan. Einen Job als Hausmeister, den ihm der Vater verschafft hat, schmeißt er nach wenigen Wochen. Sein Versuch, einen kleinen Laden für fromme Videos zu betreiben, scheitert bald. Zarqawi entschließt sich, mit seiner Frau nach Afghanistan zu gehen. "Der Islam hat seine Moral perfektioniert", sagt Sheikh Jarah al-Qadah, ein radikaler Salafist, der damals junge Männer für Afghanistan rekrutierte. Tausende aus Jordanien lassen sich Ende der 80er Jahre zu einem solchen Trip verleiten.
An der Seite von Mudschaheddin, heiligen Kriegern, die Amerika gegen den kommunistischen Erzfeind mit Waffen und Dollar unterstützen, erlebt Zarqawi 1989 die Befreiung von Khost im Osten Afghanistans. Er freundet sich mit einem Verwundeten an, der ein Bein verloren hat, er sorgt dafür, dass eine seiner Schwestern aus Zarqa diesen Mann heiratet. Es gibt ein Video von der Hochzeitsfeier am 16. Januar 1991: Zarqawi als junger, schlanker Mann, zurückhaltend, lächelnd. In pakistanischen Koranschulen und Moscheen verbringt er die letzten zehn Tage des Fastenmonats Ramadan mit pausenlosem Beten. "In dieser Zeit Anfang der 90er Jahre hat er auch Osama bin Laden kennen gelernt", sagen jordanische Geheimdienstler. Da hat der saudische Millionär schon den Plan, die arabischen Mudschaheddin unter seinem Kommando zu vereinigen.
1993 kehrt Zarqawi zurück nach Zarqa, radikalisiert, entschlossen, seinen Beitrag zum Jihad zu leisten. Der palästinen- sische Kleriker Abu Maqdisi, Mentor radikaler Salafisten in Jordanien, leitet eine Gruppe, der sich Zarqawi in führender Funktion anschließt. Sie planen Anschläge auf die israelische Grenze, auf Kinos und auf Geschäfte, die Alkohol verkaufen. Die Zelle fliegt auf. In Zarqawis Wohnung finden Ermittler Sprengstoff und Sturmgewehre. Er und Maqdisi werden 1994 zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2004