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8. Oktober 2004, 10:34 Uhr

Das Neue Gesicht des Terrors

Das Gefängnis von Swaqa liegt am Rand der Wüste. Wenn es Ärger mit den Wörtern gibt, agiert Zarqawi als Sprecher der Häftlinge. Um sich fit zu halten, läuft er morgens seine Runden in einem Innenhof. Er stemmt Gewichte, gebastelt aus Bettleisten und mit Salz gefüllten Olivendosen. Damit die anderen seine Tätowierung nicht sehen, versucht er, die drei grünen Punkte in der linken Daumenbeuge mit scharfen Gegenständen zu entfernen.

Die politischen Gefangenen leben in Sektion 6, getrennt von kriminellen Straftätern. Bald spalten sie sich in zwei Fraktionen. Ein Arabischlehrer ist Anführer der Gemäßigten, die allein den Kampf gegen Israel propagieren. Maqdisi, Zarqawi und drei weitere Gefangene gründen die Gruppe Al Takfir wa Al Hijra. Diesen Radikalen gelten alle Nichtmuslime, ja sogar schiitische Muslime als "Ungläubige" - und damit als Feinde.

Zarqawi macht die Haft scheinbar wenig aus. Er trägt afghanische Tracht, schwärmt von den Taliban, von einem islamischen Kalifat. Den Aufenthalt in Afghanistan hat er als Initiationsritus empfunden, der ihm den Nimbus eines Mudschahed verschaffte. Osama bin Laden erwähnt er nie, "bewusst vermeidet er dies", wie es beim GID heißt. Wie besessen arbeitet er an seinem "Projekt": alle 114 Suren mit 6219 Versen des Koran auswendig zu lernen.

Allmählich übernimmt Abu Musab al-Zarqawi die Rolle des geschwätzigen Maqdisi. Der ist ihm intellektuell zwar weit Überlegen, aber Zarqawi dominiert die Gruppe durch sein Auftreten und Charisma. 1997 wird er zum "Emir" der Takfir-Gruppe. Seine Anhänger, darunter Analphabeten, die vom Märtyrertod träumen, folgen ihm bedingungslos.

Im Februar 1999 ernennt der sterbende König Hussein seinen ältesten Sohn zu seinem Nachfolger. König Abdullah II. erlässt eine Generalamnestie für politische Häftlinge. Zarqawi kommt frei und wird mit dem jordanischen Pass Nummer Z264958 ausgestattet. "Vielleicht war die Freilassung ein Fehler", sagt König Abdullah rückblickend im Interview mit dem stern vor zwei Wochen. "Aber niemand konnte damals ahnen, was aus ihm noch werden würde."

Insgeheim schmiedet Zarqawi Operationspläne für seinen Wahn vom heiligen Kampf. Bald ist er in die Planung koordinierter Anschläge in Jordanien verwickelt. Bei den Feiern zur Jahrtausendwende wollen Terroristen Hunderte Touristen ermorden, vor allem Amerikaner und Israelis. Ziele sind das voll ausgebuchte Radisson-Hotel in Amman, zwei Touristenorte und zwei Grenzübergänge nach Israel. Im Oktober 1999 fliegt die Zelle auf. Jordanische Ermittler verhaften mehr als ein Dutzend Militante. Zarqawi entkommt. Er reist mit einem Sechs-Monats- Visum nach Pakistan, in die Islamisten-Hochburg Peshawar. Im "Haus des Koran", einer großen Koranschule, bezieht er Quartier. Seine Frau und seine vier Kinder lässt er aus Zarqa nachkommen. Doch er hat kaum Zeit für sie, er plant den Aufbau einer eigenen Terrororganisation.

Afghanistan hat sich seit seiner Ausreise vor sechs Jahren verändert. Die Taliban sind an der Macht. Osama bin Laden betreibt Ausbildungslager für Araber und konvertierte Ausländer, die Besten werden ausgewählt für Terroranschläge weltweit. Der reiche Saudi baut al Qaeda auf, sein tödliches Netzwerk. Führungsstab, Schläferzellen, Kontakte, Befehlsketten - alles beruht auf persönlichen Bindungen.

Zarqawi weiß, dass er seine eigenen Pläne nur mit bin Ladens Hilfe verwirklichen kann. Doch er hat auch etwas zu bieten. Al Qaeda verfügt über Zellen auf der arabischen Halbinsel und in westlichen Ländern, Zarqawi hat Gefolgsleute im Iran, in Syrien, Jordanien, Israel und Europa. "Er hat damals direkt den Kontakt mit bin Laden gesucht. Er traf ihn und leistete den Bayat, den Treueeid. Beide verabschiedeten eine Übereinkunft: Zarqawi werde al Qaeda unterstützen - unter Aufsicht und mit finanzieller Hilfe von bin Laden. Insofern ist er einer von bin Ladens Assistenten und gehört zu al Qaeda", sagen GID-Experten. Zarqawi koordiniere seine Aktivitäten mit hochrangigen Al-Qaeda-Führern.

Als sein Visum für Pakistan im Oktober 1999 ausläuft, bezieht er ein Haus im Zentrum Kabuls. Frau und Kinder schickt er zurück nach Zarqa. Der 33-JŠhrige baut nun sein eigenes Ausbildungscamp für jordanische Extremisten im Westen Afghanistans auf, bei Herat, nahe der iranischen Grenze. Hardliner der revolutionären Garden in Teheran gewähren den Schutz, den er braucht, unter ihren Augen kann er unbehelligt reisen, Hotelzimmer und Gästehäuser als Unterschlupf für Gefolgsleute anmieten. Seine Helfer kontrollieren die 300 Kilometer lange Straße von Meshed im Iran bis zu seinem Lager - eine entlegene Gegend mit Lehmhütten, Ziegenhirten, Drogenschmugglern.

In Herat, über der Einfahrt zum Camp, hängt ein Schild mit dem Namen seiner Organisation: "Al Tawhid wa Al Jihad", Einheit und Heiliger Krieg. Die eingeschleusten Freiwilligen schwären Zarqawi, ihrem "Emir", absoluten Gehorsam. Sie bewundern den Mann, der sich ohne Bodyguards im Lager und im Land bewegt. Ein palästinensischer Gefolgsmann aus Jordanien schenkt ihm seine Tochter als Zweitfrau: Im April 2001 heiratet Zarqawi in Kabul die 14-JŠhrige.

Im Osten Afghanistans, in einem Lager bei Jalalabad, experimentiert al Qaeda mit Chemikalien. Zarqawi überredet den Lagerleiter, auch seine Kämpfer aus Herat auszubilden. Insgeheim wirbt er al Qaeda einen genialen Chemiker ab. Der wird drei Jahre später als Chef jener Zarqawi-Zelle verhaftet, der es beinahe gelingt, das Hauptquartier des GID in Amman in die Luft zu jagen.

Anfang September 2001 hat Zarqawi im Iran zu tun. Er trifft sich dort mit Abu Ali. Der damals 35-jŠhrige Iraker lebt seit 1997 im münsterländischen Beckum. Sie haben einiges zu bereden. Es geht um Pläne für einen Anschlag in Deutschland.

Abu Ali ist ein Bär von einem Mann, 1,92 Meter groß, mit Oberarmen wie Baumstämme. Zarqawi nennt er ehrfurchtsvoll "Scheich" oder, in vertrauten Momenten, "Habibi", mein Lieber. Der Iraker ist einer der wichtigsten Knoten im europäischen Terrornetz von Zarqawi. Er hält Kontakt zu Gefolgsleuten in Großbritannien, Dänemark und Tschechien. Abu Ali unterhält einen regelrechten Fälscherring, der Zarqawis Anhänger in Afghanistan, Jordanien und im Iran mit Kreditkarten und Papieren ausstattet, damit sie problemlos nach Europa einreisen können.

Zudem ist der Bär ein berüchtigter Spendeneintreiber. Zunächst geht die Hälfte des Geldes an al Qaeda, den Rest muss sich Zarqawi mit den Taliban teilen. Aber bald befiehlt der seinen Anhängern in Europa, das ganze Geld gefälligst an die Kriegskasse von Al Tawhid zu überweisen.

Während sich Abu Ali mit Zarqawi im Iran trifft, verändert sich die Welt. Am 11. September 2001 entführen Terroristen in Amerika vier Passagierflugzeuge, steuern sie ins World Trade Center, aufs Pentagon, eine Maschine stürzt bei Shanksville im US-Bundesstaat Pennsylvania ab.

Am Tag darauf reist Abu Ali zurück. Er hat von Zarqawi den Auftrag, sich in Deutschland nach geeigneten Anschlagszielen umzuschauen. Gemeinsam mit seinen Leuten soll er alles vorbereiten: ein Objekt auskundschaften und den Sprengstoff besorgen. Der Anschlag soll aber erst erfolgen, wenn Zarqawi den Zeitpunkt für geeignet erachtet.

Zarqawi bereitet unterdessen seine Gruppe in Afghanistan auf den drohenden Gegenschlag der USA vor. Zahedan- Meshed, die Einfallsroute für seine Freiwilligen durch den Iran, wird nun als Flucht-route präpariert. Am 7. Oktober 2001 fallen in Afghanistan die ersten US-Bomben. Elf Tage später, am 18. Oktober 2001, ruft Zarqawi in Deutschland an. Es ist 17.45 Uhr. "Friede sei mit euch", sagt Abu Ali, als er Zarqawis Stimme erkennt.

"Friede und Gottes Gnade. Wie geht es dir?", erkundigt sich Zarqawi.

"Wir sehnen uns nach dir, Scheich. Wir sind voller Sehnsucht", sagt Abu Ali. "Meine Nerven sind zu sehr strapaziert worden, und die Sünden lauern Überall. Denn es ist sehr schwierig in diesem Land." Der Iraker will zu seinem Führer nach Afghanistan, um dort gegen die Taliban-Gegner und die Amerikaner zu kämpfen. Aber Zarqawi hat andere Pläne mit Abu Ali. Er braucht ihn als Logistiker und Organisator in Deutschland, vorerst zumindest.

"Hör mal zu", sagt Zarqawi, "nur einen Zeitraum von zwei Monaten, und dann hole ich dich hierher. Gedulde dich nur, zwei Monate, mehr nicht."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 42/2004

 
 
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