"Ich schwöre es dir, Scheich. Ich schwöre, wenn du mir den Tod befehlen würdest, das töte ich", sagt Abu Ali. "Ich schwöre es, ich hätte keine Angst. Das Problem aber ist..." Ali bricht mitten im Satz ab, um nach einer kurzen Pause fortzufahren: "Es ist besser, wenn man etwas macht und man spürt es, als an einem Ort zu bleiben und dabei die ganze Energie zu verlieren. Und ich habe es dir gesagt, ich fürchte mich nicht vor ihnen."
"Nein, nein", sagt Zarqawi energisch. "Denn wenn wir dich jetzt verlören, verlören wir einen Verbündeten ..." "Der Tod ist unvermeidlich", sagt Abu Ali. "Das stimmt, das stimmt." "Das ist eben das, was ich meiner Familie, meiner Mutter und meinen Geschwistern sage. Ich sage ihnen: "Ich suche einen Weg zum Tod." Ich fühle es, dass ich sündig bin. Vorgestern oder vor ein paar Tagen habe ich meine Mutter angerufen und sie gebeten, für mich in ihren Gebeten den Märtyrertod zu erflehen. Ich habe ihr erklärt, was das bedeutet ..."
"So Gott will", fällt Zarqawi ihm ins Wort. "Gott möge dich beschützen." In Köln beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) herrscht nun helle Aufregung. Mitarbeiter des Amtes haben das Telefonat abgehört. Seit den Anschlögen in den USA werden einschlägig bekannte Islamisten strenger Überwacht, unter ihnen Abu Ali, der den deutschen Behörden als Yaser Hassan bekannt ist. Erstmals erhalten sie in dieser Deutlichkeit Kenntnis davon, dass nun auch in Deutschland Islamisten Selbstmordattentate begehen wollen. Der Terror scheint vor den Grenzen der Bundesrepublik nicht Halt zu machen. Ein neues Bedrohungsszenario für deutsche Behörden. Umgehend informiert das BfV den Generalbundesanwalt, der bereits am nächsten Tag Ermittlungsverfahren gegen Abu Ali und unbekannte Personen einleitet, Aktenzeichen AZ 2 BJs 83/01-3.
Eine Woche später, am 25. Oktober 2001, treffen sich unter der Federführung eines Vertreters der Bundesanwaltschaft Mitarbeiter des BfV, des BND und des Bundeskriminalamtes (BKA), das die Ermittlungen Übernommen hat. Der Vertreter des BND Überrascht die anderen Teilnehmer damit, dass der deutsche Auslandsnachrichtendienst Abu Ali bereits seit vier Jahren, seit 1997, auf dem Schirm hat. Der Iraker habe engen Kontakt zum Kopf eines Waffenhändlerringes wie auch zu Pass- und Kreditkartenfälschern in Düsseldorf. Zudem halte er Verbindung zu einem Berliner Islamisten, der derzeit versuche, Quecksilber für Sprengladungen zu kaufen. Die CIA glaube, Zarqawi, "der damit droht, terroristische Vergeltungsschläge gegen Deutschland und andere europäische Länder durchzuführen", sei "schon im Endstadium der Planung".
Der BND hält diese Einschätzung allerdings für überzogen. Dem Dienst ist das Treffen zwischen Abu Ali und Zarqawi im Iran bekannt. Aber dabei habe Abu Ali nur die Genehmigung erhalten, ein Zielobjekt auszusuchen und zu observieren. Der Anschlag selbst solle dann von Personen durchgeführt werden, die dafür aus dem Ausland anreisen wollen. BND-Experten haben verfolgt, wie Zarqawis Leute in Deutschland Kontakt zu ihrem Scheich halten. Sie rufen die Telefonnummer eines Gästehauses in Afghanistan an, von dort werde der Anruf vermutlich über eine Immarsat-Mobilstation weitergeleitet.
Der BND-Beamte weist die Runde ausdrücklich auf einen anderen Zarqawi- Anhänger aus Deutschland hin, der sich momentan noch zur Ausbildung in einem afghanischen Terrorcamp aufhalte. Der wolle noch in diesem Jahr nach Krefeld zurückkehren, wo er seit 1997 als Asylbewerber gemeldet ist.
Der aber ist längst zurück aus Afghanistan. Er sei als Pilger in Saudi-Arabien unterwegs gewesen, erklärt der Mann der Ausländerbehörde in Krefeld seine einjährige Abwesenheit. Das ist nicht seine einzige Lüge. Emad Abdelhadie, laut Asylantrag Iraker, heißt in Wirklichkeit Shadi Abdallah und kommt aus Jordanien. Während seiner "Pilgerreise" war der 1,91 Meter große Abdallah in Herat Zarqawi sofort aufgefallen. Als der Jordanier noch erfuhr, dass Abdallah ein Landsmann ist und seinen Statthalter in Deutschland, Abu Ali, persönlich kennt, setzt er alles daran, ihn für Al Tawhid zu gewinnen. Mit Erfolg. Abdallah gehört fortan zu den "schwarzen Blumen", wie sich die Anhänger Zarqawis nennen.
Zurück in Deutschland, meldet er sich wie befohlen bei Abu Ali - wodurch ihm das BKA wieder auf die Schliche kommt. Am 19. Dezember 2001 dann ruft Zarqawi morgens um 10.07 Uhr bei Abdallah an: "Friede sei mit euch." Als Abdallah die Stimme Zarqawis erkennt, stößt er vor lauter Freude einen spitzen Schrei aus.
"Hör zu, hör zu, hör zu", versucht Zarqawi ihn zu beruhigen, "wie geht es dir, ich muss schnell fertig werden, wie läuft es bei dir?"
"Gut, danke", sagt Abdallah und erkundigt sich nach einem Freund, den er bei Zarqawi wohnt. "Allah soll ihn segnen", sagt Zarqawi, "er ist fertig." Abdallah versteht, sein Freund ist tot, gefallen im Krieg um Afghanistan. "Allah ist sein Helfer", sagt Abdallah mit Trauer in der Stimme. Aber Zarqawi hat keine Zeit für Sentimentalitäten. "Ich werde später mit dir darüber reden."
Am 28. Dezember ruft Zarqawi wieder an. "Möge Allah euch beschützen. Gibt es was Neues bei euch?"
"So Allah will, haben wir eine Braut aus Marokko gekauft. Sie ist eine sehr gute Braut, ich habe sie selbst gesehen." Braut ist eine Chiffre für Reisepass. Zarqawi ist gut aufgelegt. "Aber du darfst sie doch nicht sehen", scherzt er. "Wie?" Abdallah ist verdutzt.
Zarqawi amüsiert sich, dass Abdallah seine Äußerung ernst nimmt. Lachend erklärt er: "Es ist doch nicht erlaubt, dass du sie siehst! Wieso machst du so etwas - meine Braut anschauen?" In der Welt strenggläubiger Muslime dürfen Frauen keinem Fremden ihr Antlitz zeigen. Zarqawi erzählt noch, dass zwei Kameraden gestorben sind. Er hoffe, sie mögen als Mörtyrer ins Paradies einziehen. "Ja, möge Allah sie annehmen", sagt Abdallah. "Möge Allah sie annehmen", wiederholt Zarqawi.
Zarqawi hält sich nun im Iran auf und meldet sich fast täglich bei Abdallah. Der soll 40 Pässe für Afghanistan-Kämpfer besorgen. Dafür bekommt er 48 900 Mark. In einer zweiten Lieferung soll er weitere 70 Papiere beschaffen. Das BKA fürchtet, dass Abdallah noch ganz andere verschlüsselte Anweisungen von Zarqawi erhalten hat. Mit Sorge registrieren die Beamten, dass er sich nach einem der Telefonate auf den Weg nach Berlin macht.
Auf Kosten der "Firma", wie sich Ab-dallah bei einem Telefonat ausdrückt, sei er in einem Hotel abgestiegen. Anhand der "Zellenkennung" seines Handys kann das BKA seinen Standort verfolgen. Immer wieder geht er in die Fasanenstraße; dort liegt das Jüdische Gemeindehaus. Beim BKA herrscht nun allerhöchste Alarmstufe.
Aber zunächst will Zarqawi woanders zuschlagen. Am 15. Februar 2002 nehmen türkische Beamte an der Grenze zum Iran zwei Palästinenser und einen Jordanier fest. Sie haben gefälschte Papiere und seltsame Diagramme bei sich. Sie sagen aus, sie seien auf dem Weg nach Tel Aviv. Dort wollten sie einen Anschlag ausführen. Ihr Auftraggeber sei Zarqawi.
Der lässt sich durch die Festnahmen nicht von seinen Mordplänen abbringen. Im März 2002 explodiert unter dem Wagen eines Geheimdienstlers in Amman eine Bombe; der Offizier überlebt, zwei Passanten sterben. Und am 28. Oktober töten zwei seiner Anhänger den 60-jŠhrigen Amerikaner Laurence Foley, als er in seinen Mercedes steigen will. Sie schießen mit einer schallgedämpften Pistole. Beide werden festgenommen. Koordiniert hat die Attentate Zarqawi, der nun zeitweise im Nordirak auftaucht, in Regionen außerhalb Saddam Husseins Kontrolle. Von dort aus lenkt er die Operationen seiner Zellen im Ausland.
Die ganze Zeit hält Zarqawi engen Kontakt nach Deutschland. Am 2. April 2002 ruft er Abdallah an. "So Allah will, alles ist gut", sagt der. Doch die Gruppe hat wohl Probleme: "Es läuft nicht so, wie manche möchten. Wir bestellen Sachen, Obst oder das Gleiche, aber sie verlangen hohe Preise oder halten mich hin."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2004