"Hör zu, hör zu", fällt ihm Zarqawi ins Wort. "Du sollst dich nicht darum kümmern, ob was teuer ist oder nicht." Zarqawi schärft Abdallah ein, dass Geld keine Rolle spiele. Aber der hat offensichtlich Schwierigkeiten, an die erforderlichen Waffen heranzukommen. "Wir haben ein paar Sachen erreicht, aber nicht das Stumme. Das haben wir noch nicht, wir benötigen das Stumme, verstehst du. Sie haben mir eins gebracht. Ich sagte, ich brauche es nicht, was soll ich damit. Das schafft Probleme, ich brauche das andere."
Zarqawi versteht. "Das Stumme" ist die Chiffre für eine Waffe mit Schalldämpfer. "Warum bleibst du nicht dabei und nimmst die schwarze Pille?", fragt er. "Das ist doch gut, was willst du mit dem anderen. Du kannst es, wenn du auf Reisen bist, im Auto hinstellen, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen."
"Wir haben daran gedacht, aber das Medikament, das damit benutzt wird, ich meine Honig, ist nicht vorhanden." Zarqawi drängt: "Es ist sehr einfach, sehr einfach, sehr einfach."
"Die schwarze Pille wird doch mit dem Honig gemischt, oder?", fragt Abdallah. "Ich habe verstanden", sagt Zarqawi. "Die schwarze Pille ist vorhanden, alles ist vorhanden, aber nicht der Honig. Honig ist hier kein Naturprodukt, es ist künstlich, ein Mischprodukt." Es geht um Sprengstoffe.
"Du kannst den fixieren, konzentrieren", empfiehlt Zarqawi. "Hör zu, hör zu, ihr müsst euch zusammenreißen, ehrlich. In diesen Zeiten, bei Allah."
"Wir bemühen uns, bei Allah, wir bemühen uns", versichert Abdallah.
Schließlich fragt Zarqawi, ob Abdallah die Sache nicht allein durchziehen will. "So Allah will, jetzt verstehe ich, mit Allahs Genehmigung." "Dies ist eine große Chance, eine große Chance", insistiert Zarqawi.
Ratlosigkeit und Sorge herrschen beim BKA. Die Codewörter sind noch nicht entschlüsselt, die Vehemenz, mit der Zarqawi offensichtlich die baldige Durchführung einer Aktion fordert, alarmiert die Beamten. Abgehörten Telefonaten zwischen Mitgliedern der deutschen Tawhid-Zelle glauben die BKA-Beamten entnehmen zu können, dass etwas für den 23. April 2002 geplant ist. An diesem Tag werden in einer konzertierten Aktion bundesweit sieben Personen festgenommen, allen voran Abdallah und Abu Ali.
Die Festgenommenen schweigen oder machen sich lustig über die Ermittler und Bundesanwälte. "Ich gehöre der Gruppe des Fladenbrots an, damit will ich sagen, dass ich hierher kam, um Asyl zu bekommen", sagt Abu Ali, als er gefragt wird, ob er Mitglied von Al Tawhid ist. Nach zwei Tagen jedoch bricht Abdallah sein Schweigen. Zur Überraschung der Beamten packt er aus, erzählt, wie er Zarqawi kennen lernte und dass Abu Ali die konkrete Anweisung erhalten habe, Anschläge in Deutschland vorzubereiten. Eine Diskothek in Düsseldorf und eine jüdische Einrichtung in Berlin seien die Ziele gewesen. Er verblüfft die Beamten mit dem Geständnis, dass er eine Zeit lang als Bodyguard für Osama bin Laden gearbeitet habe, bevor er sich dann doch lieber Zarqawi angeschlossen habe, zu dem er eine "sehr intensive Beziehung" gehabt habe.
Abdallah ist die Quelle, von der Ermittler träumen. Detailliert macht er Angaben zur Struktur von Al Tawhid und al Qaeda, zeichnet Lagepläne von den Ausbildungscamps in Afghanistan und dechiffriert die Codewörter. Viele seiner Angaben decken sich mit Informationen, die der BND von einem Nachrichtendienst erhalten hat. Abdallah kommt ins Zeugenschutzprogramm des BKA.
Die Verhaftung der Tawhid-Zelle in Deutschland ist ein schwerer Schlag für Zarqawi. Er muss fürchten, dass seine Aufenthaltsorte verraten sind. "Gewöhnlich pendelte er zwischen dem Iran, Syrien und dem Nordirak", sagen GID-Offiziere dem stern. Im Sommer 2002 reist Zarqawi dann angeblich nach Bagdad. "Wir hatten ihn auf dem Schirm. Er wollte dort Terrorzellen aufbauen." Jordanische Behörden verlangen von Saddam Hussein die Ausweisung des Jordaniers, hätten aber "keine Antwort" erhalten. Der BND hingegen ortet Zarqawi im Iran und im Nordirak, nicht in Bagdad.
Das Konterfei des Terroristen wird am 25. November 2002 großformatig auf eine Leinwand im Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin projiziert. "Das ist meiner Meinung nach derzeit einer der gefährlichsten Männer der Welt", sagt Hans-Josef Beth den anwesenden Anti-Terror-Experten. Beth ist Leiter der BND-Abteilung Internationaler Terrorismus, Organisierte Kriminalität und Gegenspionage.
"Wegen Verdachts der Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung" erlässt der Bundesgerichtshof unter dem Aktenzeichen AZ 2 BJs 9/03-3 am 5. Februar 2003 einen internationalen Haftbefehl gegen Zarqawi. Der macht an diesem Tag weltweit Schlagzeilen. Denn in New York erklärt US-Außenminister Colin Powell dem Weltsicherheitsrat, Zarqawi gehöre zum "finsteren Nexus" zwischen Irak und al Qaeda. Saddams Irak "beherbergt heute ein Terrornetzwerk, geführt von Abu Musab al-Zarqawi". Die deutschen Nachrichtendienste sind verdutzt. "US-Außenminister Powell hat in seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat Abu Musab al-Zarqawi als Bindeglied zwischen der al Qaeda und Saddam Husseins Regime in Bagdad bezeichnet. Diesbezügliche Hinweise konnten im vorliegenden Ermittlungsverfahren nicht festgestellt werden", schreibt ein BKA-Beamter am 17. Februar 2003 in die Ermittlungsakte. Laut Powell hatte Zarqawi sogar ein Bein verloren und habe sich deshalb in Bagdad behandeln lassen. "Das waren Fehlinformationen, Propaganda", sagt der GID zum stern.
Was vor dem Krieg Propaganda war, ist heute blutige Realität. Der Irak ist zum Ausbildungs-, Aufmarsch- und Schlachtfeld des internationalen Terrorismus geworden. Und es gibt keinen Zweifel, dass Abu Musab al-Zarqawi das "tödliche Terrornetzwerk", von dem Powell sprach, jetzt tatsächlich aufgebaut hat. Zwar morden und bomben im Irak nach einer Analyse des jordanischen Geheimdienstes auch Ex-Baathisten, ehemalige Geheimdienstler und Offiziere, irakische Fundamentalisten und ausländische "Freiwillige" gegen die Besatzung, aber Zarqawis Tawhid-Gruppe spielt im Kampf der Aufständischen die entscheidende Rolle. Denn im Unterschied zu den anderen Kombattanten hat seine Organisation feste Strukturen. Geführt von neun Emiren operieren angeblich Hunderte Mitglieder.
Allein in den vergangenen 30 Tagen zählten private Sicherheitsdienste 2368 Angriffe, nach Ansicht der Experten ein "ganz normaler Monat". Mehr als 100 Ausländer sind in den vergangenen Wochen im Irak entführt worden, mindestens 27 von ihnen wurden ermordet. Mindestens drei von ihnen enthauptete Abu Mussab al-Zarqawi hšchstpersönlich. In einem 17-seitigen Dokument, das kurdische Fahnder im Februar einem Boten abnahmen, bezeichnet Al Tawhid den Terror im Irak als "al Qaeda 2".
Verfasser des Strategiepapiers war Sheikh Abu Anas Al Shami, der geistige Kopf der Gruppe. Am 17. September trifft eine Rakete auf einem Feld im Osten Bagdads sein Auto. Drei Tage nach dem Tod des Sheikhs taucht im Internet das bestialische Video von der Enthauptung Eugene Armstrongs auf. Stunden später stirbt ein zweiter Amerikaner, die Bilder von diesem Mord sind genauso schockierend. Tagelang bangt die Welt um das Leben des dritten Entführten, des Briten Kenneth Bigley. Zarqawi lässt derweil eine neue Botschaft ins Internet stellen.
Unter Bezug auf den Tod seines Stellvertreters "Abu Anas" verkündet er: "Das Köpfen der Amerikaner war unser erstes Signal, dass wir weitermachen werden."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2004