Startseite

Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Das Vermächtnis Bin Ladens

Bei der Tötung Osama bin Ladens beschlagnahmten US-Soldaten über hundert Datenträger. FBI-Agenten verraten vor einem deutschen Gericht bislang unbekannte Details über die Geheimoperation.

Von Johannes Gunst

  Terror-Pate Osama bin Laden (Archivbild von 2000) war offenbar über die Existenz Düsseldorfer Zelle informiert

Terror-Pate Osama bin Laden (Archivbild von 2000) war offenbar über die Existenz Düsseldorfer Zelle informiert

  • Johannes Gunst

Hastig und mit Plastikbeuteln bewaffnet stürmen die "Navy Seals" von Raum zu Raum. Pakistanische Kampfjets befinden sich bereits im Anflug auf Abbottabad, aber diese Chance ist einmalig: Die Elitesoldaten der US-Armee beschlagnahmen Computer-Hardware, DVDs, Festplatten und USB-Sticks aus dem Versteck Osama Bin Ladens. Dann hieven sie den Leichnam des Terrorchefs und die Beweismittel an Bord ihrer beiden Helikopter und entschweben in die pakistanische Nacht.

Millionen Kinozuschauer haben diese Szenen im "Oscar"-nominierten Meisterwerk "Zero Dark Thirty" verfolgt.

Wer wissen will, wie es weiter ging, findet die Antwort nicht auf der Leinwand, sondern im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. In der Hauptrolle: "Special Agent" Alexander H. Otte. Dunkler Maßanzug, durchtrainierter Körper, geschliffene Umgangsformen. Die Zeugenaussagen von ihm und zwei FBI-Kollegen geben seit Mittwoch einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise der mächtigen US-Bundespolizei und enthüllen bislang unbekannte Details aus dem Nachklang der Operation zur Tötung Osama Bin Ladens.

Die Beute auf Tischen verteilt

Seit dem Jahr 2000 ist der Ex-"Marine" Ott Mitarbeiter des "Federal Bureau of Investigation". Als "Field Officer" in Los Angeles lernte er sein Handwerk. 2006 wurde Otte FBI-Verbindungsbeamter beim US-Kongress, 2009 folgte die Berufung ins "Counter Terrorism Center". Sein Verantwortungsgebiet: Afghanistan und Pakistan.

Es war Alexander H. Otte, der die Kommandotruppe aus nach ihrer Rückkehr aus Abbottabad in Empfang nahm. Auf einem Stützpunkt der US-Air Force habe er die Soldaten am frühen Morgen des 2. Mai 2011 in einen Raum mit vielen Tischen geführt. Die Einsatzkräfte breiteten vor Otte ihre Beute aus dem Hause Bin Ladens aus. Mit einem Lageplan des Anwesens in der Hand und mithilfe der Erinnerung der Soldaten sortierte der FBI-Agent die Fundstücke. Jedem Tisch ordnete Otte ein Zimmer in Bin Ladens Versteck zu. Über 100 Datenträger hatten die Soldaten insgesamt eingesackt und mitgebracht.

Auf einem der Tische, er repräsentierte einen Fundort im ersten Stock des Haupthauses, landete auch ein unscheinbarer weiß-brauner USB-Stick. Marke "Kingston", Kapazität 16 Gigabyte. Neben dutzenden anderen Dateien befand sich darauf auch ein "Word"-Dokument mit dem Namen: "DieOperativenSchritte.docx" (aus d. arabischen). Letztes Änderungsdatum dieser Datei: "31.03.2010". Der Inhalt: explosiv. In einem rund 30 Seiten langen Brief an Osama Bin Laden beschreibt der damalige Außenminister der al Kaida, Scheich Younis al Mauretani, die Strategie der Terror-Organisation für Europa.

Ein Brief im Zentrum des Interesses

Der stern berichtete bereits im August 2011 exklusiv über die Existenz und Beschlagnahmung dieses Dokuments.

In der aktuellen Woche nun steht das Schreiben von Scheich Mauretani im Mittelpunkt des Prozesses gegen die vier Mitglieder der "Düsseldorfer Zelle". Die Generalbundesanwaltschaft wirft der Truppe um den Marokkaner Abdeladim E.-K. vor, einen "aufsehenerregenden Anschlag" in Deutschland geplant zu haben.

Über den exakten Bezug des geheimen Strategiepapiers des al Kaida Außenministers zum Hauptangeklagten Abdeladim E.-K. hüllen sich die Bundesanwälte gegenüber der Öffentlichkeit in Schweigen. Fakt ist nach stern-Informationen: Mauretani soll Bin Laden in dem Brief mitgeteilt haben, dass es "zu den wunderbaren Gaben, die uns Allah beschert hat" zähle, dass man einen "intelligenten und sehr vernünftigen" jungen Mann für al Kaida gewonnen habe. Einer, der zu allem bereit sei. Geboren sei der Kerl am "15.06.1981" - hierbei handelt es sich um das Geburtsdatum des Chefs der "Düsseldorfer Zelle".

Original oder Fälschung?

Der junge Mann, so heißt es in dem Brief weiter, stamme aus Marokko, halte sich derzeit aber in Europa auf. Er habe Gefolgsleute um sich geschart, von denen sich einer besonders gut mit dem Fälschen von Ausweispapieren auskenne. Der Marokkaner, so schwärmt der al Kaida-Außenminister weiter, habe sein Studium der "Elektrotechnik" fast beendet. Er befinde sich "im letzten Jahr", müsse nur noch ein "Praktikum" absolvieren. All dies passt, genau wie das Geburtsdatum, auf Abdeladim E.-K.

Für die Bundesanwaltschaft sind diese Passagen eine willkommene Bestätigung ihrer These, dass die "Düsseldorfer Zelle" im direkten Auftrag der al Kaida-Bosse morden sollte. Die Verteidigung hingegen ist skeptisch und wittert eine Verschwörung amerikanischer Geheimdienste. Bevor das Papier an die deutsche Justiz übersandt wurde, so munkelt man, könnte an den Formulierungen heimlich geschraubt worden sein. Eventuell sei sogar das ganze Dokument eine Fälschung. Einer der Anwälte sagte dem stern: "Es ist sehr ungewöhnlich, wie präzise das angebliche al Kaida-Mitglied in dem Brief beschrieben wird und wie gut die ganze Sache den Amerikanern in den Kram passt. Die waren schließlich von Beginn an die treibende Kraft hinter der Verfolgung des Hauptangeklagten und hätten ihn am liebsten bei sich in Gewahrsam." Von den Aussagen der FBI-Angehörigen Alexander H. Otte und zwei seiner Kollegen erhoffen sich die Düsseldorfer Richter Aufklärung, ob an den Vorwürfen der Verteidiger etwas dran sein könnte. Nur der "langjährigen fruchtbaren und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den amerikanischen Justizbehörden", so frohlockte Bundesanwältin Claudia Gorf, sei es zu verdanken, dass es überhaupt zu den Zeugenaussagen der hochrangigen FBI-Agenten komme.

USB-Stick "Q588"

"Special Agent" Alexander H. Otte hat den Empfang des USB-Sticks mit dem brisanten Brief am 2. Mai 2011 um "4. A.M.", also nur wenige Stunden nach der Tötung Bin Ladens, quittiert. Das Dokument mit der Unterschrift des "Special Agents" wird im Düsseldorfer Prozess-Saal an die Wand projiziert. Es handelt sich um den "Evidence Chain of Custody" für den "Kingston"-USB-Stick, der beim FBI den Identifizierungs-Code "Q588" besitzt - jeder, der das Beweisstück seit Otte in seiner Obhut hatte, ist mit seinem Klarnamen, seiner Unterschrift, den Empfangs- und Abgabezeitpunkten sowie dem Grund für die Übergabe des Beweismittels registriert. Kopien des geheimen Dokuments werden dem deutschen Gericht nicht gestattet. Allein die Inaugenscheinnahme einer derartigen Verschlusssache durch Dienstfremde ist äußerst ungewöhnlich.

Unmittelbar nachdem damals alle Beweismittel aus dem Versteck Bin Ladens in dem Raum mit den vielen Tischen sortiert und registriert waren, so erzählt es Otte vor Gericht, begann ein von ihm geführtes Team mit der Kopie sämtlicher Speichermedien. Außerdem wurden alle Daten schnellstmöglich auf elektronischem Wege von Afghanistan in die Vereinigten Staaten geschickt. Doppelt hält besser: "Das Flugzeug mit den Beweismitteln hätte auf dem Weg in die USA schließlich abstürzen können, das wollten wir nicht riskieren." Wohin genau wurden die Daten elektronisch übermittelt? "Zur CIA, die haben die besten technischen Möglichkeiten."

Vertrauen unter Agenten

Die "sieben bis neunköpfige" Truppe, die sich vor Ort in Afghanistan um die Kopie und den elektronischen Versandt der Daten kümmerte, beschreibt Otte in seiner Zeugenaussage als "Inter-Agency-Team". Im Klartext heißt das: Die verschiedensten US-Geheimdienste hatten Abgesandte in der Einheit, die als allererstes Zugriff hatte auf die Daten aus dem Innersten al Kaidas.

Ob "Special Agent" Otte denn die Arbeit der IT-Spezialisten die ganze Zeit überwacht habe, will einer der Verteidiger wissen. Nun ja, antwortet der 43-Jährige, er habe natürlich nicht die ganze Zeit daneben gestanden. Er könne jedoch für sich ausschließen, dass ihm ein "falsches Ei" ins Nest gelegt wurde oder heimlich irgendwelche Daten manipuliert wurden. Warum? Weil er den Mitarbeitern voll und ganz vertraue. Allerdings hat Otte, so muss er auf Nachfrage einräumen, die Männer erst am Tag vor der Operation zur Tötung Bin Ladens kennengelernt - und nach Beendigung des Einsatzes bis zum heutigen Tage nie wieder gesehen. Dies ist Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheorien der Verteidiger.

Am Abend des 2. Mai 2011, nicht einmal 20 Stunden waren seit der Erstürmung von Bin Ladens Anwesen vergangen, bestieg Otte eine Militärmaschine, die ihn zurückbringen sollte in die USA. Mit ihm an Board: sämtliche Beweismittel, uniformierte Militärs und "Regierungsangehörige", deren genaue Funktion Otte vor Gericht nicht benennen will. "Nur für kurze Zeit", so versichert der FBI-Mann vor Gericht, sei er während des Fluges eingenickt. Unmittelbar danach habe er sich vergewissert, dass die Siegel an den Beweismitteltransportkisten unversehrt geblieben waren.

Digitaler Fingerabdruck war unverändert

Nach der Landung auf der "Maryland Air Force Base" am nächsten Morgen hat Otte die Obhut über den brisanten USB-Stick im Labor des FBI-Hauptquartiers an einen "Kim Rosencrans" übergeben. Zweck dieser Übergabe laut schriftlichem Protokoll: "Imaging + Examination" - Sicherung und Analyse. Herr Rosencrans habe, so hat es ein FBI-Forensiker bereits am Mittwoch vor Gericht erläutert, einen "digitalen Fingerabdruck" für den USB-Stick generiert. Als der Forensiker dann selbst im Juni 2012, also mehr als ein Jahr nach der ursprünglichen Beschlagnahmung, mit einer Untersuchung des Datenträgers befasst war, sei dieser Fingerabdruck unverändert gewesen. Dies spreche für die Unverfälschtheit der Daten. Überprüfen lässt sich diese Aussage nicht, Herr Rosencrans, der den digitalen Fingerabdruck einst generiert hatte, ist als Zeuge nicht geladen.

Im Verlauf der letzten zwei Jahre, so illustrieren es die von den FBI-Mitarbeitern vor Gericht gezeigten Dokumente, ist der brisante USB-Stick insgesamt durch rund ein dutzend Hände gewandert. Mit dem Transport von Beweisstücken wie diesem beauftrage das FBI regelmäßig "FedEx", erzählt einer der Zeugen. Etwas ungläubig schüttelt die Vorsitzende Richterin mit dem Kopf. Er selbst habe den Stick mit der Geheimstrategie al Kaidas auf einer Straßenkreuzung mitten in Manhattan in Empfang genommen. "Die schwierige Parkplatzsituation bei uns, Sie verstehen?" Im Plenum des Gerichtssaals bricht Gelächter aus. Direkt hinter dem stern-Reporter sitzen die beiden FBI-Verbindungsbeamten der Berliner US-Botschaft. Sie blicken starr geradeaus.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools