
Nach der Diagnose AD(H)S werden neben therapeutischen Maßnahmen meist Medikamente verschrieben© Colourbox
Doch nicht jedes verträumte Kind hat ADS. Nicht jeder Zappelphilipp ist hyperaktiv. Je nach Quelle leiden zwei bis fünf Prozent darunter. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie mahnt darum zur Vorsicht bei der Diagnose. Einzelne Symptome könnten Zeichen von häuslicher Gewalt, Vernachlässigung, organischer oder psychischer Störungen sein. Konzentrations- und Lernschwierigkeiten seien beispielsweise auch typisch bei einer Rechen-, Lese- und Rechtschreibschwäche.
Wird AD(H)S diagnostiziert, empfehlen Experten je nach Ausprägung der Symptome pädagogische oder psychotherapeutische Maßnahmen sowie eine medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat oder Atomoxetin. Methylphenidat ist vor allem unter den Namen Ritalin und Medikinet bekannt. Der Wirkstoff fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und gerät entsprechend oft in die Kritik: Vor allem in Amerika soll es von Erwachsenen als "Kinder-Koks" missbraucht werden. 2001 warnte der Neurobiologe Gerald Hüther davor, dass Ritalin Parkinson auslösen könnte. Immer wieder behaupten ADS-Kritiker, dass Ärzte Medikamente grundlos und vorschnell verschreiben, so dass gesunde Kinder zu Ritalin-Junkies werden.
Die AG ADHS gibt auf ihrer Internetseite Entwarnung: Die medikamentöse Therapie sei sehr wirksam und ungefährlich. "Studien haben bewiesen, dass Methylphenidat suchtpräventiv wirkt", sagt auch Professor Michael Schulte-Markwort, Direktor der Hamburger Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik. "Ich bin sehr vorsichtig mit Medikamenten, aber ich bin heilfroh, dass wir dieses haben." Es sei eines der bestuntersuchten seines Fachgebiets. Schwerleidende AD(H)S-Kinder könnten dank Methylphenidat wieder zuhören und aufpassen. Ähnlich schätzt dies Dr. Christian Bachmann ein, Oberarzt an der Berliner Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters. Er empfiehlt allerdings Medikamente nur zu verschreiben, wenn "eine saubere Diagnose eines Kinder- und Jugendpsychiaters" vorliege. Dann aber könnten sie die Weichen für einen positiveren Lebensverlauf stellen. Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Kopf- und Bauchschmerz seien in Relation zur Wirkung vertretbar.
Ein Alternativmedikament ist das antriebssteigernde Antidepressivum Atomoxetin. Unter dem Namen Strattera geriet es in die Kritik, weil es suizidales Verhalten auslösen könne. "Das ist falsch", sagt Schulte-Markwort. Wenn jemand keine suizidalen Impulse habe, könnte Atomoxetin diese auch nicht hervorrufen. Völlig ungefährlich ist Atomoxetin dennoch nicht. Seien die Impulse schon vorhanden, könne das Medikament sie jedoch verstärken. Patienten sollten es darum nur unter Aufsicht einnehmen.
Auch der Sohn von Ina K. leidet an ADS. Sie wollte dem Jungen anfangs trotz eindeutiger Diagnose auf keinen Fall Medikamente geben. "Doch wenn es ihm hilft, ist es das, was zählt", sagt sie heute. Nico habe immer gerne gemalt. Sei er aber mit einem Bild fertig gewesen, habe das ausgesehen wie "geistig Erbrochenes". Seitdem der Zehnjährige Ritalin nehme, könne er sich wieder aufs Zeichnen konzentrieren und male am liebsten Comics.
Das Ritalin half zwar gegen die ADS-Symptome, Probleme hatte Nico dennoch, vor allem in der Schule. Er konnte sich kaum an die strenge Vorgaben dort halten. Als er acht Jahre alt war, fanden die Ärzte heraus, woran es lag. Sie stellten bei ihm das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus, fest. Ein Zusammenhang mit ADS besteht nicht.
Nico braucht eine spezielle Betreuung, einen Schulbegleiter. Die Genehmigung dafür zu bekommen, gleicht einer Odyssee. Ina K. muss von Arzt zu Arzt, von Amt zu Amt. Dabei sind Eltern auf schnelle Hilfe angewiesen. Nicht selten kommt es bei ihnen zum Burn-out.
Wie gut sich Kinder wie Nico mit entsprechender Betreuung entfalten, hat Ina K. die Ferienfreizeit der Hamburger Selbsthilfegruppe "Tokol" gezeigt. Um die 40 Kinder mit AD(H)S nehmen jährlich an Tokolive teil. Auf dem Programm stehen verschiedene AGs - vom Computer- bis zum Fotoworkshop. Alles ist freiwillig. Regeln gibt es trotzdem. Wollen die Kinder etwa nicht pünktlich ins Bett gehen, werden sie nur einmal ermahnt, beim zweiten Mal folgt die Sanktion. "Sie müssen dann mit der Matratze auf dem Flur schlafen", erklärt der Tokol-Vorsitzende Jochen Bantz. "Es wirkt Wunder. Alles läuft wie am Schnürchen", sagt er.
Auch Nico war in dem Feriencamp. Als er wieder kam, sei er wie ausgewechselt gewesen, ausgeglichen und fröhlich, sagt seine Mutter. Als er wieder in die Schule musste, habe er zehn Tage später laut über Selbstmord nachgedacht und seine Mutter gefragt, ob sie nicht lieber ein anderes Kind wolle. Natürlich will sie das nicht. Wenn sie von Nico spricht, tut sie das mit Stolz. So wie Sabiene M.: "Ich finde meine Töchter toll, meinetwegen müssen sie sich nicht ändern. Das Problem ist, dass andere es wollen."