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Ratgeber Kinderkrankheiten

5. Januar 2009, 11:57 Uhr

Weiblich, männlich oder beides?

Intersexualität ist klar abzugrenzen von anderen sexuellen Erscheinungsbildern. Hertha Richter-Appelt erklärt: "Intersexualität hat nichts mit Transsexualität oder Transvestie zu tun. Transsexuelle haben eindeutige Geschlechtsmerkmale und wollen ihr Geschlecht ändern. Transvestiten fühlen sich in der Kleidung des anderen Geschlechts wohl." Unter den Sammelbegriff "Intersexualität" - auch "Disorders of Sex Development", Störungen der Geschlechtsentwicklung genannt - fallen mehr als hundert Störungsbilder. Mal ist es ein zusätzliches X-Chromosom (Klinefelter-Syndrom) oder das Fehlen desselben (Turner-Syndrom). Mal ist ein ererbter Gendefekt die Ursache, der den Hormonhaushalt so durcheinander bringt, dass das äußere Erscheinungsbild (Phänotyp) vom genetischen Geschlecht (Genotyp) abweicht. Am häufigsten ist das Androgenitale Syndrom (AGS): wegen eines erblichen Defekts produziert die Nebenniere zu wenig Kortisol, ein lebenswichtiges Hormon. Um dieses Defizit auszugleichen, vergrößern sich die Nebennieren - was allerdings auch dazu führt, dass sie zu viele männliche Sexualhormone bilden. Oft passiert dies schon im Mutterleib, weshalb Betroffene zwar weibliche Geschlechtsorgane haben, diese aber eher wie ein Penis als wie eine Klitoris aussehen.

Das Rätselraten beginnt in den meisten Fällen im Kreißsaal: Hat das Neugeborene einen winzigen Penis oder eine übergroße Klitoris? Handelt es sich um winzige Hoden oder um vergrößerte Schamlippen? Um Intersexualität auszuschließen, sind eine ausführliche Chromosomenanalyse und eine molekularbiologische Untersuchung notwendig. Manchmal wird die untypische Geschlechtsentwicklung jedoch nicht sofort nach der Geburt, sondern erst im Laufe der Kindheit oder Pubertät erkannt. Etwa dann, wenn die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale ausbleibt oder untypische körperliche Veränderungen auftreten. Beispielsweise: der Penis von Jungen vergrößert sich nicht oder den Mädchen wächst keine weibliche Brust. Oder es treten Entwicklungen auf, die typisch sind für das andere Geschlecht. Dann bekommen Mädchen beispielsweise Bartwuchs und eine tiefe Stimme. Und Jungen menstruieren plötzlich durch den Penis. In einigen wenigen Fällen kamen Säuglinge mit Hoden zur Welt - deren Ultraschallbild wies Eierstöcke auf.

Früher wurde das Geschlecht "auf den Leib geschneidert"

Dass intersexuelle Kinder jahrzehntelang sehr früh operativen und hormonellen Behandlungen unterzogen wurden, lag an den Studien von John Money, amerikanischer Arzt und Psychiater. In den 50er Jahren kam er darin zu dem Schluss: 95 Prozent der mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen Geborenen wachsen in die Rolle hinein, die ihnen Chirurgen nach der Geburt quasi auf den Leib schneidern. John Money folgerte: Neugeborene mit intersexuellem Geschlecht sind neutrale Wesen. Erst die Erziehung verleihe ihnen eine Identität als Junge oder Mädchen. Er plädierte für genitalkorrigierende Operationen vor dem 24. Lebensmonat, da die Entwicklung der Geschlechtsidentität bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend abgeschlossen sei. Eine spätere Geschlechtszuweisung würde diese Entwicklung behindern. Die Empfehlung Moneys, das künftige Geschlecht des Kindes einfach nach Machbarkeit auszuwählen, setzte sich 40 Jahre lang als internationaler Standard durch. Und weil es, so der Chirurgenjargon, "einfacher ist, ein Loch zu graben als einen Mast zu bauen" - vor allem beim damaligen Stand der plastischen Chirurgie - wurden intersexuelle Babys bevorzugt zu Mädchen umoperiert.

Geschlechtliche Identität wird von vielen Faktoren beeinflusst

Spätestens seit Mitte der 90er Jahre wird John Moneys Theorie von renommierten Medizinern zunehmend in Frage gestellt. Allen voran der Biophysiker Milton Diamond, der bereits im Jahr 1965 aus Tierexperimenten Rückschlüsse auf die Biologie des Menschen zog. Sein Fazit: Neutralität bei Geburt? Von wegen. Heute gilt die Entwicklung der geschlechtlichen Identität und des sexuellen Verhaltens vielen Wissenschaftlern als Prozess, bei dem biologische Gegebenheiten, psychische Entwicklung und soziales Leben einander fortwährend beeinflussen. Dazu passen Erkenntnisse von Hirnforschern, denen zufolge die Strukturen des Gehirns flexibel sind und sich unter dem Einfluss äußerer Reize unablässig neu organisieren.

Von Sylvie-Sophie Schindler
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