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Ratgeber Kinderkrankheiten

1. März 2009, 20:01 Uhr

"Dick sein? Voll peinlich"

"Zu fett zum Spielen"

Michael war mit 106 Kilo in die Klinik gekommen, 23 Kilo nahm er dort ab, doch jetzt hat er fast wieder das alte Gewicht drauf. "Ich brauch jemand, der mir auf die Füße tritt." Seine Mutter ist Taxifahrerin und viel unterwegs. "Über Weihnachten hab ich zugenommen. Dann bekam ich ein schlechtes Gewissen, Frust, und aß noch mehr." Ihn verletzte, dass die Kumpels vom Fußballverein auch nach der Kur noch über ihn spotteten. "Zu fett zum Spielen", hieß es weiterhin über ihn. "Da hab ich keinen Sinn mehr gesehen und aufgehört", sagt Michael. Es sind nicht Verlockungen allein, die sensible Jugendliche scheitern lassen, sondern auch Gedankenlosigkeiten und Demütigungen. Die aber stehen in keiner Kalorientabelle.

Monique dagegen verblüffte ihre Familie durch eisenharte Disziplin. Monique sei ein Dickkopf, sagt ihre Mutter. Sie verfiel nicht in den Fehler, den die meisten anderen Schwergewichte machten. "Die denken, jetzt hab ich so viel abgenommen, jetzt kann ich so weiterleben wie früher."

Sie zwingt sich, langsam zu essen. Früher hatte sie ihre Mahlzeit verschlungen, war als Erste fertig und hatte "dann gegeiert, ob ich Nachschlag krieg oder einen Pudding". Sie bekommt auch heute noch Pudding, aber mit 0,1 Prozent Fett. Mutter Bianca Baars kauft für die Tochter fettarmen Käse und Joghurt, viel frisches Gemüse, Mineralwasser mit Zitronengeschmack. Manchmal auch eine Tafel Schokolade. Am Wochenende gibt es mal ein Glas Bier oder Limo. Sogar Chips, "davon nehme ich mir nur ein Schälchen, und dann ist Schluss".

Essen macht wieder Spaß

Da steht immer noch eine Kiste mit Süßigkeiten, nichts wird versteckt. Plagt Monique jetzt der Frust, weiß sie etwas Besseres als Schokoriegel. "Ich mache mir einen Tee, das beruhigt, oder esse Obst, ich hör Musik, rufe einen Freund an zum Quatschen, wir gehen Schlittschuh laufen oder machen eine Party."

Bianca Baars kocht jeden Tag für ihre Zwillinge. Heute zum Beispiel gibt es Bratwurst und selbst gestampftes Kartoffelmus, "nicht das Zeug aus der Tüte". Anfangs hat sie für Monique extra gekocht, "das war aufwendig und teuer". Mittlerweile isst Monique mit den anderen mit. Die Mutter kocht fettärmer für alle, aber bodenständig. "Diese Diätessen schmecken doch wie Knüppel auf 'n Kopp. Mein Mann und mein Sohn brauchen eine anständige Mahlzeit", sagt sie. Monique wird ein kleines Stück Wurst essen und davor ganz viel Salat. Soßen rührt sie grundsätzlich nicht an.

Essen macht wieder mehr Spaß im Hause Baars. Am Wochenende schlafen alle aus, dann wird ausgiebig gefrühstückt. "Das Gemeinsame ist wichtig", sagt Mutter Baars. Das belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Mindestens so entscheidend wie die Qualität des Essens sind die Bedingungen, unter denen gegessen wird - ob das Kind hektisch "abgefüttert" wird, vielleicht gar allein essen muss, oder die Familie sich eine halbe Stunde in guter Atmosphäre dafür Zeit nimmt.

Struktur und Rituale

Eine Untersuchung der Universität Bielefeld und der Gütersloher Gesellschaft für angewandte Sozialforschung im Auftrag von AOK und stern zeigte vor zwei Jahren: Kinder bleiben gesünder, wenn sie einen strukturierten Tagesablauf haben, wenn die Familie gemeinsame Rituale pflegt, die Eltern auf Bewegung achten, sich mehr Zeit für die Kinder nehmen, selbst mitmachen und Vorbild sind - der Weg zu einem gesünderen Leben ist keine Geheimwissenschaft.

Zurück in ihrer alten Schule erntete Monique nach ihrer Kur anerkennende Blicke. "Als ich ins Klassenzimmer trat, fragten einige: ‚Wer ist das neue Mädchen?‘"

Erstmals wurde sie wahrgenommen, erstmals gefragt: "Willst du mit uns was machen?" "Das ist doch verrückt", sagt Monique, "nur weil ich dünner war, wurde ich akzeptiert." Während der Kur hatte Monique "massenhaft Briefe" an ihre Klassenkameraden geschrieben. Nur ein einziger habe geantwortet. Sie weiß jetzt, wer ihre Freunde sind. "Ich habe mich mit keinem angefreundet, von dem ich nicht schon vorher akzeptiert wurde. Die Leute sollen mich annehmen, auch wenn ich dick bin. Ich bin immer noch derselbe Mensch."

Wenn sie 70 Kilo wiegt, will die 17-jährige Monique mit dem Abnehmen aufhören. Und sich endlich den wichtigeren Dingen widmen: der Suche nach einer Lehrstelle. Ihren Freunden. Dem Leben.

Diät, Kinder, abnehmen, Gewicht halten, Übergewicht

© stern-Infografik

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2009

Von Ingrid Eißele
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KOMMENTARE (8 von 8)
 
Medley (03.03.2009, 21:11 Uhr)
Merkwürdig.
Vor ein paar Monaten hatte ich einen Film über die Stammeskulturen der Einwohner eines afrikanischen Landes(glaube Ghana) bei Arte gesehen. Die Menschen leben dort sehr einfach und natürlich fernab der üblichen Zivilisation. Beim vorgeführten Stammestanz bewegte man sich weitgehend unbekleidet, so dass man auch mit ungeübten Auge sehr leicht erkennen konnte, dass 90% aller der dort anwesenden Personen jedweden Alters(auch junge Leute)richtiggehend adipös waren. Nein nicht nur dick, sondern wirklich adipös im medizinischen Sinne. Konnte es kaum glauben.
paulali (02.03.2009, 11:48 Uhr)
Schulmilch
in der Grundschule hier gibt es Schulmilch .... nein keine biomilch. ok, muss vielleicht auch nicht aber sowas von übersüsst, da fällt mir nichts mehr zu ein. Hier an einem kleineren Ort bekommen die Kinder überall, beim Supermarkt, beim Bäcker, bei der Poststation Gummibärchen und dergleichen zugesteckt. gruselig. Von den armen Zähnen ganz zu schweigen.an Karneval und St. Martin werden die Kinder brutal überschüttet an billigen Süsskram, das man sich nicht wundern muss, dass die Geschmachsnerven völlig kaputt gehen und auch nicht, dass Kinder völlig masslos in den Ansprüchen werden. Sogar im förderunterricht erhalten sie eine süsse Belohnung, wenn sie ihre Sache gut gemacht haben. Und alles ja mal auch ok aber die summe ist Körperverletzung an den Kindern.
(ja viele Fehler im Test... musste nur auf die Schnelle meine Meinung loswerden...)
sportartmakler (02.03.2009, 11:36 Uhr)
@vita
dass die eltern grundsätzlich verantwortlich sind ist völlig richtig. es fängt beim einfachsten an. dem kind etwas ordentliches zu essen mitzugeben. dies ist nach mein ung einiger bekannter lehrer von mir heute oft nicht mehr der fall. statt dessen gibts geld. wo und wie das geld dann ausgegeben wird können sie sich sicherlich denken.
ich werde jeden tag auf arbeit dahingehend bestätigt. vor, während und natürlich nach der schule wird dort ein kiosk mehr oder weniger belagert. einen besseren standort für den inh gibts wohl kaum. fast so wie ich wie früher um bananen angestanden hab, nur die waren wenigstens gesund.
vita (02.03.2009, 10:03 Uhr)
Wie werde ich dick?
Kinder werden nicht in Kantinen oder am Imbissstand dick. Alles was sie verzehren, bekommen sie zu Hause und die Einkäufe werden von den Eltern erledigt, die Süßes und Fettes im Übermaß anhäufen.
Da muss angesetzt werden, denn gerade die hohe Rückfallquote nach konventionellen Abspeckkuren zeigt, dass ohne die Eltern nichts läuft.
Mit dem Futter, was häufig schon als Dauergekaue im Kinderwagen gereicht wird und dem Mangel an Bewegung wird es weiterhin für die betroffenen Kinder viel Leid und für uns alle sehr hohe Kosten mit sich bringen.
sportartmakler (02.03.2009, 09:58 Uhr)
dicke kinder gabs schon immer
wobei es wohl mehr extremfälle als früher gibt.
kenne sehr viele menschen die, wie ich selbst auch, pummelig zu schulzeiten waren. meist besiegte dann das wachstum und das interesse am anderen geschlecht die pfunde. was wohl auch eine rolle gespielt hat sind die freizeitbeschäftigungen. waren wir noch häufig unterwegs wird heute zu großen teilen fast ausschließlich gezockt. bin selber gamer, aber die komplette freitzeit darauf auszurichten, gerade im kindesalter, halte ich für die denkbar schlechteste entwicklung (sozialverhalten, auch bei onlinegamern) und trägt selbstverständlich zum ügewicht bei.
@maria: unfähige eltern (wobei ich jetzt mal die def. offen lasse) gibt es sicherlich, vielleicht auch mehr als früher. wenn keine werte und normen der gesellschaft vermittelt werden (oder werte einer parallelgesellschaft), wie soll da ne lehrstunde an benehmen fruchten? zumal solche eltern die selber nötig hätten plus ne lehrstunde lebensmittelkunde bzw. kochen mit frischen zutaten. ich sehe diese problem. was aber viel schlimmer ist, ist die tatsache, dass es keinen wirklichen "lösungsansatz" gibt, ohne dass wir zu stark in die persönlichkeitsrechte von fremden menschen eingreifen müßten. und unsere persönlichkeitsrechte werden derzeit, auch ohne diese problem, mehr und mehr abgebaut.
vincile (01.03.2009, 21:40 Uhr)
Ab wann ist man dick?
Den Wasserspringer auf dem Foto finde ich nun nicht unbedingt dick. Ein bißchen ein Wamperl und definitiv die Tendenz zum dicker werden, aber zumindest springt er ins Wasser und rührt sich. Ich finde das Foto unpassend zum Artikel und fühle mich als normalwüchsiger Mensch (männlich; 30 Jahre; 180cm; 73kg) so als müsste ich mich rechtfertigen. Möchte nicht wissen wie der Autor, bzw. die Kinder davon beinander sind.
Maria1000 (01.03.2009, 21:05 Uhr)
...
Weitaus wichtiger als "eine Lehrstunde in Ernährung" scheint mir eine Lehrstund ein BENEHMEN und Sozialverhaltenn zu sein! Anscheinend wird dies heute in der Erziehung von unfähigen Eltern nämlich nicht mehr vermittelt! Ich zitiere: "....Guck, da kommt das fette Schwein!", riefen andere ihr hinterher. Ihr hübsches Gesicht, ihre Intelligenz, ihre Hilfsbereitschaft interessierten keinen. Anfangs warb sie noch um die anderen, sie gab von ihren Süßigkeiten ab, verschenkte Geld und hoffte auf Freundschaft. In der Grundschule hatte sie noch Freundinnen gehabt. Jetzt war sie einsam. Monique vermisste "so 'ne richtige Freundin", eine, "mit der man auch über Jungs reden kann". Einen Freund zu haben, daran wagte sie nicht mal zu denken. Wer wollte schon eine, der man aus Spottlust Mandarinen hinterherwarf?
Mensch.Student (01.03.2009, 20:49 Uhr)
Vorschlag ...
Die Kinder sollten neben dem gewöhnlichen Sport-Unterricht auch eine Lehrstunde in Ernährung bekommen ...
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