Michael war mit 106 Kilo in die Klinik gekommen, 23 Kilo nahm er dort ab, doch jetzt hat er fast wieder das alte Gewicht drauf. "Ich brauch jemand, der mir auf die Füße tritt." Seine Mutter ist Taxifahrerin und viel unterwegs. "Über Weihnachten hab ich zugenommen. Dann bekam ich ein schlechtes Gewissen, Frust, und aß noch mehr." Ihn verletzte, dass die Kumpels vom Fußballverein auch nach der Kur noch über ihn spotteten. "Zu fett zum Spielen", hieß es weiterhin über ihn. "Da hab ich keinen Sinn mehr gesehen und aufgehört", sagt Michael. Es sind nicht Verlockungen allein, die sensible Jugendliche scheitern lassen, sondern auch Gedankenlosigkeiten und Demütigungen. Die aber stehen in keiner Kalorientabelle.
Monique dagegen verblüffte ihre Familie durch eisenharte Disziplin. Monique sei ein Dickkopf, sagt ihre Mutter. Sie verfiel nicht in den Fehler, den die meisten anderen Schwergewichte machten. "Die denken, jetzt hab ich so viel abgenommen, jetzt kann ich so weiterleben wie früher."
Sie zwingt sich, langsam zu essen. Früher hatte sie ihre Mahlzeit verschlungen, war als Erste fertig und hatte "dann gegeiert, ob ich Nachschlag krieg oder einen Pudding". Sie bekommt auch heute noch Pudding, aber mit 0,1 Prozent Fett. Mutter Bianca Baars kauft für die Tochter fettarmen Käse und Joghurt, viel frisches Gemüse, Mineralwasser mit Zitronengeschmack. Manchmal auch eine Tafel Schokolade. Am Wochenende gibt es mal ein Glas Bier oder Limo. Sogar Chips, "davon nehme ich mir nur ein Schälchen, und dann ist Schluss".
Da steht immer noch eine Kiste mit Süßigkeiten, nichts wird versteckt. Plagt Monique jetzt der Frust, weiß sie etwas Besseres als Schokoriegel. "Ich mache mir einen Tee, das beruhigt, oder esse Obst, ich hör Musik, rufe einen Freund an zum Quatschen, wir gehen Schlittschuh laufen oder machen eine Party."
Bianca Baars kocht jeden Tag für ihre Zwillinge. Heute zum Beispiel gibt es Bratwurst und selbst gestampftes Kartoffelmus, "nicht das Zeug aus der Tüte". Anfangs hat sie für Monique extra gekocht, "das war aufwendig und teuer". Mittlerweile isst Monique mit den anderen mit. Die Mutter kocht fettärmer für alle, aber bodenständig. "Diese Diätessen schmecken doch wie Knüppel auf 'n Kopp. Mein Mann und mein Sohn brauchen eine anständige Mahlzeit", sagt sie. Monique wird ein kleines Stück Wurst essen und davor ganz viel Salat. Soßen rührt sie grundsätzlich nicht an.
Essen macht wieder mehr Spaß im Hause Baars. Am Wochenende schlafen alle aus, dann wird ausgiebig gefrühstückt. "Das Gemeinsame ist wichtig", sagt Mutter Baars. Das belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Mindestens so entscheidend wie die Qualität des Essens sind die Bedingungen, unter denen gegessen wird - ob das Kind hektisch "abgefüttert" wird, vielleicht gar allein essen muss, oder die Familie sich eine halbe Stunde in guter Atmosphäre dafür Zeit nimmt.
Eine Untersuchung der Universität Bielefeld und der Gütersloher Gesellschaft für angewandte Sozialforschung im Auftrag von AOK und stern zeigte vor zwei Jahren: Kinder bleiben gesünder, wenn sie einen strukturierten Tagesablauf haben, wenn die Familie gemeinsame Rituale pflegt, die Eltern auf Bewegung achten, sich mehr Zeit für die Kinder nehmen, selbst mitmachen und Vorbild sind - der Weg zu einem gesünderen Leben ist keine Geheimwissenschaft.
Zurück in ihrer alten Schule erntete Monique nach ihrer Kur anerkennende Blicke. "Als ich ins Klassenzimmer trat, fragten einige: ‚Wer ist das neue Mädchen?‘"
Erstmals wurde sie wahrgenommen, erstmals gefragt: "Willst du mit uns was machen?" "Das ist doch verrückt", sagt Monique, "nur weil ich dünner war, wurde ich akzeptiert." Während der Kur hatte Monique "massenhaft Briefe" an ihre Klassenkameraden geschrieben. Nur ein einziger habe geantwortet. Sie weiß jetzt, wer ihre Freunde sind. "Ich habe mich mit keinem angefreundet, von dem ich nicht schon vorher akzeptiert wurde. Die Leute sollen mich annehmen, auch wenn ich dick bin. Ich bin immer noch derselbe Mensch."
Wenn sie 70 Kilo wiegt, will die 17-jährige Monique mit dem Abnehmen aufhören. Und sich endlich den wichtigeren Dingen widmen: der Suche nach einer Lehrstelle. Ihren Freunden. Dem Leben.

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Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2009