Klassische Analyse oder doch lieber IPT? Die Psychotherapien, die gegen Depression zum Einsatz kommen, unterscheiden sich teils erheblich. Hier finden Sie einen Überblick über die wichtigsten Verfahren und ihre Wirksamkeit. Von Kathrin Wanke
Depressive Patienten sind ihrer
Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert.
Eine Vielzahl von
Therapiemöglichkeiten kann
sie im Kampf gegen die Schwermut
unterstützen. Psychotherapeutische
Verfahren allein können bereits leichte und
mittelschwere Depressionen deutlich lindern.
Erst bei schwer kranken Patienten
empfehlen Ärzte zusätzlich stimmungsaufhellende
Medikamente, weil die Tabletten
ihnen gut helfen und die Wirkung früher
eintritt als die der Psychotherapie.
Für welche Therapieform sich der Depressive
auch entscheidet - Voraussetzung
für den Erfolg ist immer ein vertrauensvolles
Verhältnis zwischen Therapeut und
Patient. Bei der Psychotherapie gewähren
die Krankenkassen darum zunächst fünf
Probesitzungen. Sie verfügen ebenso wie
der Psychotherapie-Informationsdienst
über Listen mit zugelassenen Psychotherapeuten,
falls der Hausarzt niemanden zu
empfehlen weiß. Bei Langzeittherapien
gilt: Sind nach 25 Sitzungen keine Teilerfolge
zu bemerken, wird das entsprechende
Verfahren dem Patienten kaum
noch helfen.
Vor der Wahl der Therapieform sollte
sich der Patient überlegen, welche Rolle
der Therapeut haben soll. Wünscht der
Depressive eine aktiv unterstützende Haltung,
kommt eher die Kognitive Verhaltenstherapie
oder die Interpersonelle Therapie
in Betracht. Sucht er dagegen jemanden,
der sich zurückhaltend neutral
verhält, wird er tendenziell bei den psychodynamischen
Verfahren sein Glück finden,
wie etwa bei der Psychoanalyse oder
der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie.
Allerdings werden heute zunehmend
Elemente verschiedener Therapieansätze
kombiniert. Zur Wahl stehen
unter anderen folgende Therapieformen:
Methode
Unter diesen Oberbegriff fallen
verschiedene Therapieformen, die davon
ausgehen, dass traumatische, unverarbeitete
Erlebnisse aus der Kindheit die Ursache
von Depressionen sind. Die Psychoanalyse
will diese aufspüren, während sich tiefenpsychologisch
fundierte Psychotherapie
und psychoanalytische Kurzzeittherapie
auf aktuelle Konflikte konzentrieren, in
denen sie "Reaktivierungen" der Kindheitstraumata
sehen.
Wie?
Bei der Psychoanalyse liegt der Patient
auf der Couch und assoziiert frei. Dabei
treten traumatische Erinnerungen hervor,
diese werden analysiert und dadurch überwunden.
Bei den anderen Methoden dominiert
das Gespräch mit dem Therapeuten.
Dauer
Kurzzeittherapie: bis zu 40 Stunden;
tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie:
rund 60 Stunden; Psychoanalyse:
oft Hunderte Sitzungen, die Kassen zahlen
bis zu 300 Stunden.
Erfolgsaussichten
Die Wirkung der
Langzeittherapie ist wissenschaftlich nicht
nachgewiesen; Erfolge durch tiefenpsychologisch
fundierte Therapie und Kurzzeitbehandlung
sind dagegen belegt.
Methode
"Alle Mühe bringt nichts, ich bin dem Schicksal ausgeliefert" - solche Ansichten
begreifen Verhaltenstherapeuten als Ursache einer Depression. In den Sitzungen soll der
Patient trainieren, pessimistische Gedanken abzulegen und sich angenehme Alltagsaktivitäten
zu erschließen.
Wie?
In Einzel- oder Gruppensitzungen mit verschiedenen Übungen lernt der Patient aktiver
zu werden, sein soziales Netz wieder aufzubauen, negative Grundannahmen zu überwinden,
mehr Verantwortung für sein Leben zu übernehmen - und auf Rückschläge vorbereitet zu sein.
Dauer
Im Durchschnitt 30 bis 40 Sitzungen, ein- bis zweimal pro Woche; im Einzelfall bis zu
80 Sitzungen
Erfolgsaussichten
Die Wirksamkeit wurde in verschiedenen Studien belegt.
Methode
Ähnlich wie bei der Gesprächstherapie wird dem Patienten zugetraut,
sich selbst aus der Depression zu befreien -
wenn er nur seine Bedürfnisse entdeckt und
diese zu artikulieren lernt.
Wie?
In Einzel- oder Gruppensitzungen werden
mithilfe von Rollenspielen Erlebnisse simuliert,
die als Auslöser der Depression gelten.
Dabei übt der Klient, Bedürfnisse zu äußern
und wieder so zu handeln,
dass ihn sein Verhalten
nicht erneut in eine
Depression führt.
Dauer
Die Anzahl der
Sitzungen ist variabel,
meistens aber größer
als bei Verhaltens- oder
Gesprächstherapie.
Erfolgsaussichten
Wie
effektiv die Gestalttherapie
wirkt, ist wissenschaftlich
noch nicht geklärt.
Methode
Der depressive Patient gilt als Symptomträger für Probleme der ganzen Familie.
Die Annahme: Nur wenn sich alle Familienmitglieder verändern, kann der Patient sein Verhalten
anpassen und die Depression in den Griff bekommen.
Wie?
In Gruppensitzungen besprechen alle gemeinsam die Gründe und Folgen einer Depression.
Zudem werden neue Formen der Kommunikation eingeübt, damit alle ihre Gefühle angemessen
äußern können und sich weder der Kranke noch die Angehörigen abgelehnt und wertlos fühlen.
Dauer
Etwa sechs bis zwölf Sitzungen
Erfolgsaussichten
Für die Behandlung von Depression ist die Wirksamkeit noch nicht gut belegt.
Methode
Die Probleme von Depressiven,
mit anderen Menschen umzugehen,
stehen im Zentrum - als Ursache oder Folge
einer Depression. In der Therapie sollen die
Patienten lernen, zwischenmenschliche
Konflikte zu lösen und so besser in und mit
ihrem sozialen Umfeld zurechtzukommen.
Wie?
In Einzel- oder Paarsitzungen
werden Trennungen, Konflikte mit dem
Partner oder Kollegen besprochen
und analysiert. Patienten sollen ihre
gelernten Rollen aufarbeiten und alternatives
Verhalten einüben.
Dauer
Zwölf bis 20 Sitzungen
Erfolgsaussichten
Die IPT gilt als wissenschaftlich
anerkannt, besonders
geeignet ist diese Therapieform für ältere
Menschen, die immer wieder an
Depressionen leiden.
Methode
Der Betroffene wird als aktiver Klient begriffen, dem sein Wissen um die eigenen
Bedürfnisse verloren gegangen ist - der Grund für die Depression.
Wie?
In Einzelgesprächen mit dem Therapeuten versucht der Klient, verschüttete Wünsche und
Neigungen wiederzufinden - so lernt er, seinen Alltag neu zu gestalten.
Dauer
Selten mehr als 30 Stunden
Erfolgsaussichten
Gesprächstherapien mit verhaltenstherapeutischen Elementen schnitten in
Studien besser ab als solche ohne.
Als Ergänzungen zur Psychotherapie können Licht-, Kreativ- und Ergotherapie die
Symptome einer Depression lindern. Außerdem raten Ärzte, Sport zu treiben (besonders
geeignet sind Laufen und Schwimmen) sowie Entspannungstechniken anzuwenden,
etwa Autogenes Training oder die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Bei
besonders schweren Fällen kann die Elektrokrampftherapie helfen: Unter Narkose wird
ein Krampfanfall ausgelöst, indem man bestimmte Hirnbereiche unter Strom setzt.
Vor allem jüngeren Patienten soll in Zukunft die repetitive transkranielle
Magnetstimulation helfen: Ein kleiner Teil des Gehirns wird mit Magnetwellen angeregt,
mehr Botenstoffe auszuschütten. Diese Therapie ist allerdings noch in Erprobung.