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Ratgeber Kinderkrankheiten

21. Dezember 2008, 17:23 Uhr

"Das Schweigen war das Schlimmste!"

Das Schlimmste an den Depressionen ihrer Mutter war für Erdmute von Mosch, dass sie nicht redete. Ihr Verhältnis litt früher schwer darunter. Heute können die beiden reden - über Leiden, Scham und neue Lebenslust.

Depression, Mutter, Kindheit, Lebenslust, Schweigen

Ein Fall für zwei: Die Grafikdesignerin Erdmute von Mosch, 28, war zwölf Jahre alt, als ihre Mutter Eva, heute 58, ins Bodenlose fiel© Andreas Reeg

Wie machte sich die Depression in Ihrer Familie bemerkbar?

Eva von Mosch: Meine Krankheit brach aus, als wir nach dem Mauerfall von Teltow in Brandenburg in den Westen zogen. Die neue Umgebung war ein Schock: Ich kannte niemanden, fand keinen Job. Mein Mann pendelte zu seiner neuen Arbeitsstelle und kam nur am Wochenende nach Hause. Eines Tages war ich im Bus unterwegs und bekam Herzrasen, konnte nicht mehr atmen. Ich bin rausgestürzt und habe ein Taxi zum Arzt genommen. Bestimmt ein Herzfehler, dachte ich. Der Arzt konnte nichts feststellen. Von da an war ich oft wegen Panikattacken, Schwindel oder Magenschmerzen in der Notaufnahme.

Erdmute von Mosch: Oft kriegte sie auch zu Hause jähe Angstzustände. Dann kam der Krankenwagen, und meine kleine Schwester fragte mich: Stirbt Mama jetzt? Ich wusste darauf keine Antwort. Ich war zwölf, meine Schwester fünf Jahre alt, als wir spürten, dass sich unsere Mutter veränderte.
Eva von Mosch: Erst vier Jahre später hörte ich die Diagnose: Depression. Mir wurde gleich Amitriptylin verschrieben. Zu Hause schlich ich um die Pillen herum, habe sie aber nie genommen.

Haben Sie mit den Kindern über die Erkrankung gesprochen?

Eva von Mosch: Ich hatte ja selbst keine Worte für das, was mit mir passierte. Wie hätte ich das den Mädchen erklären sollen? Bei uns wurde kaum gesprochen. Mein Mann sagte nur zu mir: Dir geht's wohl zu gut. Psyche, so was hat man nicht. Ich fand mich selbst abscheulich: Da saß ich im reichen Westen in einer Vierzimmerwohnung mit Blick ins Grüne und jammerte.
Erdmute von Mosch: Das Schweigen war das Schlimmste für mich.

Konnte Ihr Vater für Sie da sein?

Erdmute von Mosch: Er war ja während der Woche nicht da. Und wenn er dann freitags kam, wollte er, dass alles hübsch und harmonisch ist. Wir haben zwar über dies und das gesprochen, aber nie über die emotionalen Probleme in der Familie. Ich habe früh aufgehört, in dieser Hinsicht etwas von meinem Vater zu erwarten.

Hatten Sie außerhalb Ihres Elternhauses Menschen, die Sie unterstützten?

Erdmute von Mosch: Zum Glück ja. Die meiste Zeit verbrachte ich mit der Familie einer Freundin. Dort war ich nach der Schule und durfte auch übernachten. Besonders ihre Mutter habe ich angehimmelt. Sie war selbstbewusst, ausgelassen und herzlich. Abends sagte sie uns Gute Nacht und küsste uns. Was habe ich gestaunt! Bei uns zu Hause ging es unterdessen weiter bergab. Mama verließ das Haus nicht mehr, lief in alten Klamotten rum, kämmte sich die Haare nicht.
Eva von Mosch: Noch bevor ich morgens die Augen aufschlug, dachte ich: Wieder ein Tag, an dem ich überleben muss. Ich grübelte über negative Ereignisse nach, drehte mich im Kreis. Lediglich der Gedanke an meine Kinder hat mich aus dem Bett getrieben. Doch sobald sie gefrühstückt hatten und zur Schule gingen, bin ich zusammengebrochen. Ich lag auf dem Sofa, heulte, starrte die Wände an.

Wie hat sich das auf die Erziehung der Kinder ausgewirkt?

Eva von Mosch: Ich bin oft ausgerastet und habe den Mädchen Vorwürfe gemacht, etwa wenn sie zu laut waren oder ihr Zimmer nicht aufräumten. Erdmute glaubte dann, sie sei für meinen Zustand verantwortlich und hat sich bei mir entschuldigt. Ich hatte nicht die Kraft, ihr die Schuldgefühle auszureden.
Erdmute von Mosch: Meine Mutter konnte mir keinen emotionalen Rückhalt geben. Ich wurde ein übertrieben schüchternes Kind, konnte abends nicht einschlafen, litt unter Übelkeit. Dieses Gefühl nannte ich "Bauchangst". Zugleich war ich wütend auf meine Mutter, weil sie nicht normal war. Sie kam nicht mit zu Handballturnieren, um mich anzufeuern. Ich hätte auch gern Reitunterricht genommen, aber niemand konnte mich da hinbringen.
Eva von Mosch: Du hast dich für mich geschämt.
Erdmute von Mosch: Einmal hattest du während einer Elternversammlung eine Panikattacke und bist aus dem Raum gestürzt. Am nächsten Tag sprach die ganze Klasse davon.

Wussten Freunde, Lehrer oder Nachbarn über die Krankheit Bescheid?

Erdmute von Mosch: Kaum. Meine Schwester und ich waren brav und angepasst. Anders als andere Kinder von psychisch Kranken wurden wir nicht auffällig - und bekamen deshalb auch keine Hilfe.
Eva von Mosch: Auch das Jugendamt ist nie auf uns aufmerksam geworden, denn bei den grundlegenden Dingen habe ich noch funktioniert: aufstehen, Essen machen, die Kinder zur Schule schicken. Nur das Einkaufen musste Erdmute erledigen, weil ich zu ängstlich war, um in den Supermarkt zu gehen. Außerdem war sie meine Zuhörerin. Ihr erzählte ich alles, was mich belastete.

Hatten Sie Angst, selbst zu erkranken?

Erdmute von Mosch: Ich habe mich davor gefürchtet, dass Mama irgendwie "ansteckend" sein könnte. Als ich 14 war, fingen dann tatsächlich auch bei mir die Depressionen an. Ich hielt alles für sinnlos, hatte keine Hobbys mehr. Ich saß nur da und wünschte, dass der Tag vorüberging - und das Leben auch. Jeden Morgen war mir schlecht. Ich habe mich in der Schule oft krankgemeldet. Meine Stimme war so leise, dass man mich kaum gehört hat. Ich hatte starke Selbstzweifel und wahnsinnige Prüfungsangst - das hat mich meine guten Noten gekostet und ich wechselte vom Gymnasium auf die Fachoberschule.
Eva von Mosch: Ich konnte sie nicht unterstützen. Und auch mein Mann nicht.
Erdmute von Mosch: Es war ja nicht neu für mich, dass von meinen Eltern keine Erklärungen kamen. So informierte ich mich selbst über meine Krankheit, sammelte Bücher und Zeitschriftenartikel. Einmal habe ich versucht, meinem Vater zu erklären, dass Depression eine Krankheit der "Losigkeit" ist: Man ist emotionslos, antriebslos, hoffnungslos, schlaflos. Er hat nichts verstanden - es war sinnlos.

Wie geht es Ihnen heute?

Eva von Mosch: Zurzeit recht gut, obwohl es immer wieder Rückschläge gibt. Ich gehe zu einer Therapeutin und habe eine Selbsthilfegruppe gefunden, die mich sehr unterstützt. Dort arbeite ich auch ehrenamtlich im Büro.
Erdmute von Mosch: Ich habe eine Psychotherapie gemacht und fühle mich heute gesund. In stressigen Situationen bin ich aber noch immer wehrlos. Vor Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen wird mir schlecht, und ich bekomme Durchfall. Ich habe bisher nicht viel gewagt, bin nicht gereist. Ich saß noch nie in einem Flugzeug! Aber gerade habe ich mich verliebt und war mit meinem Freund in London, wo das Leben wild und bunt ist. Und auch meine Mutter macht Fortschritte.
Eva von Mosch: Es gab da ein Erlebnis, als Erdmute gerade den Führerschein gemacht hatte. Sie fuhr den alten Corsa eines Nachbarn. Eines Tages ließ sie das Auto vor unserem Haus stehen und gab mir den Schlüssel. Ich rang mit mir. Seit acht Jahren war ich nicht mehr Auto gefahren! Doch dann stieg ich ein und fuhr los. Mit zitternden Knien drehte ich eine Runde durch die Stadt. Das war ein unglaubliches Glücksgefühl - ein Triumph.
Erdmute von Mosch: Da war ich stolz auf dich. Aber man kann dich immer noch zu leicht verunsichern, Mama. Ein ironischer Kommentar - und schon fühlst du dich schlecht. Du musst noch üben, das auszuhalten.
Eva von Mosch: Von dir lerne ich viel.
Erdmute von Mosch: Die Depression hat unsere Rollen vertauscht. Eigentlich bin ich deine Mutter.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 51/2008

Das Buch "Mamas Monster: Was ist nur mit Mama los?" heißt das Buch von Erdmute von Mosch. Verlag Balance Buch + Medien; 12,95 Euro

Interview: Helen Bömelburg
 
 
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