Das Schlimmste an den Depressionen ihrer Mutter war für Erdmute von Mosch, dass sie nicht redete. Ihr Verhältnis litt früher schwer darunter. Heute können die beiden reden - über Leiden, Scham und neue Lebenslust.

Ein Fall für zwei: Die Grafikdesignerin Erdmute von Mosch, 28, war zwölf Jahre alt, als ihre Mutter Eva, heute 58, ins Bodenlose fiel© Andreas Reeg
Eva von Mosch: Meine
Krankheit brach aus, als wir
nach dem Mauerfall von Teltow in Brandenburg
in den Westen zogen. Die neue
Umgebung war ein Schock: Ich kannte niemanden,
fand keinen Job. Mein Mann
pendelte zu seiner neuen Arbeitsstelle und
kam nur am Wochenende nach Hause.
Eines Tages war ich im Bus unterwegs und
bekam Herzrasen, konnte nicht mehr
atmen. Ich bin rausgestürzt und habe ein
Taxi zum Arzt genommen. Bestimmt ein
Herzfehler, dachte ich. Der Arzt konnte
nichts feststellen. Von da an war ich oft
wegen Panikattacken, Schwindel oder Magenschmerzen
in der Notaufnahme.
Erdmute von Mosch: Oft kriegte sie
auch zu Hause jähe Angstzustände. Dann
kam der Krankenwagen, und meine kleine
Schwester fragte mich: Stirbt Mama jetzt?
Ich wusste darauf keine Antwort. Ich war
zwölf, meine Schwester fünf Jahre alt, als
wir spürten, dass sich unsere Mutter veränderte.
Eva von Mosch: Erst vier Jahre später
hörte ich die Diagnose: Depression. Mir
wurde gleich Amitriptylin verschrieben.
Zu Hause schlich ich um die Pillen herum,
habe sie aber nie genommen.
Eva von Mosch: Ich hatte ja selbst keine
Worte für das, was mit mir passierte. Wie
hätte ich das den Mädchen erklären sollen? Bei uns wurde kaum gesprochen. Mein
Mann sagte nur zu mir: Dir geht's wohl
zu gut. Psyche, so was hat man nicht.
Ich fand mich selbst abscheulich: Da saß
ich im reichen Westen in einer Vierzimmerwohnung
mit Blick ins Grüne und
jammerte.
Erdmute von Mosch: Das Schweigen
war das Schlimmste für mich.
Erdmute von Mosch: Er war ja während der Woche nicht da. Und wenn er dann freitags kam, wollte er, dass alles hübsch und harmonisch ist. Wir haben zwar über dies und das gesprochen, aber nie über die emotionalen Probleme in der Familie. Ich habe früh aufgehört, in dieser Hinsicht etwas von meinem Vater zu erwarten.
Erdmute von Mosch: Zum Glück ja.
Die meiste Zeit verbrachte ich mit der Familie
einer Freundin. Dort war ich nach
der Schule und durfte auch übernachten.
Besonders ihre Mutter habe ich angehimmelt.
Sie war selbstbewusst, ausgelassen
und herzlich. Abends sagte sie uns Gute
Nacht und küsste uns. Was habe ich gestaunt!
Bei uns zu Hause ging es unterdessen
weiter bergab. Mama verließ das Haus
nicht mehr, lief in alten Klamotten rum,
kämmte sich die Haare nicht.
Eva von Mosch: Noch bevor ich morgens
die Augen aufschlug, dachte ich: Wieder
ein Tag, an dem ich überleben muss.
Ich grübelte über negative Ereignisse nach,
drehte mich im Kreis. Lediglich der Gedanke
an meine Kinder hat mich aus dem
Bett getrieben. Doch sobald sie gefrühstückt
hatten und zur Schule gingen, bin
ich zusammengebrochen. Ich lag auf dem
Sofa, heulte, starrte die Wände an.
Eva von Mosch: Ich bin oft ausgerastet
und habe den Mädchen Vorwürfe gemacht,
etwa wenn sie zu laut waren oder
ihr Zimmer nicht aufräumten. Erdmute
glaubte dann, sie sei für meinen Zustand
verantwortlich und hat sich bei mir entschuldigt.
Ich hatte nicht die Kraft, ihr die
Schuldgefühle auszureden.
Erdmute von Mosch: Meine Mutter
konnte mir keinen emotionalen Rückhalt
geben. Ich wurde ein übertrieben schüchternes
Kind, konnte abends nicht einschlafen,
litt unter Übelkeit. Dieses Gefühl
nannte ich "Bauchangst". Zugleich war ich
wütend auf meine Mutter, weil sie nicht
normal war. Sie kam nicht mit zu Handballturnieren,
um mich anzufeuern. Ich
hätte auch gern Reitunterricht genommen,
aber niemand konnte mich da hinbringen.
Eva von Mosch: Du hast dich für mich
geschämt.
Erdmute von Mosch: Einmal hattest
du während einer Elternversammlung eine
Panikattacke und bist aus dem Raum gestürzt.
Am nächsten Tag sprach die ganze
Klasse davon.
Erdmute von Mosch: Kaum. Meine
Schwester und ich waren brav und angepasst.
Anders als andere Kinder von psychisch
Kranken wurden wir nicht auffällig
- und bekamen deshalb auch keine Hilfe.
Eva von Mosch: Auch das Jugendamt ist
nie auf uns aufmerksam geworden, denn
bei den grundlegenden Dingen habe ich
noch funktioniert: aufstehen, Essen machen,
die Kinder zur Schule schicken. Nur
das Einkaufen musste Erdmute erledigen,
weil ich zu ängstlich war, um in den Supermarkt
zu gehen. Außerdem war sie meine
Zuhörerin. Ihr erzählte ich alles, was mich
belastete.
Erdmute von Mosch: Ich habe mich
davor gefürchtet, dass Mama irgendwie
"ansteckend" sein könnte. Als ich 14 war,
fingen dann tatsächlich auch bei mir die
Depressionen an. Ich hielt alles für sinnlos,
hatte keine Hobbys mehr. Ich saß nur da
und wünschte, dass der Tag vorüberging - und das Leben auch. Jeden Morgen war
mir schlecht. Ich habe mich in der Schule
oft krankgemeldet. Meine Stimme war so
leise, dass man mich kaum gehört hat. Ich
hatte starke Selbstzweifel und wahnsinnige
Prüfungsangst - das hat mich meine guten
Noten gekostet und ich wechselte vom
Gymnasium auf die Fachoberschule.
Eva von Mosch: Ich konnte sie nicht unterstützen.
Und auch mein Mann nicht.
Erdmute von Mosch: Es war ja nicht
neu für mich, dass von meinen Eltern keine
Erklärungen kamen. So informierte ich
mich selbst über meine Krankheit, sammelte
Bücher und Zeitschriftenartikel.
Einmal habe ich versucht, meinem Vater
zu erklären, dass Depression eine Krankheit
der "Losigkeit" ist: Man ist emotionslos,
antriebslos, hoffnungslos, schlaflos. Er
hat nichts verstanden - es war sinnlos.
Eva von Mosch: Zurzeit recht gut, obwohl
es immer wieder Rückschläge gibt.
Ich gehe zu einer Therapeutin und habe
eine Selbsthilfegruppe gefunden, die mich
sehr unterstützt. Dort arbeite ich auch
ehrenamtlich im Büro.
Erdmute von Mosch: Ich habe eine
Psychotherapie gemacht und fühle mich
heute gesund. In stressigen Situationen
bin ich aber noch immer wehrlos. Vor
Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen
wird mir schlecht, und ich bekomme
Durchfall. Ich habe bisher nicht viel gewagt,
bin nicht gereist. Ich saß noch nie
in einem Flugzeug! Aber gerade habe ich
mich verliebt und war mit meinem Freund
in London, wo das Leben wild und bunt
ist. Und auch meine Mutter macht Fortschritte.
Eva von Mosch: Es gab da ein Erlebnis,
als Erdmute gerade den Führerschein gemacht
hatte. Sie fuhr den alten Corsa eines
Nachbarn. Eines Tages ließ sie das Auto
vor unserem Haus stehen und gab mir den
Schlüssel. Ich rang mit mir. Seit acht Jahren
war ich nicht mehr Auto gefahren!
Doch dann stieg ich ein und fuhr los. Mit
zitternden Knien drehte ich eine Runde
durch die Stadt. Das war ein unglaubliches
Glücksgefühl - ein Triumph.
Erdmute von Mosch: Da war ich stolz
auf dich. Aber man kann dich immer noch
zu leicht verunsichern, Mama. Ein ironischer
Kommentar - und schon fühlst du
dich schlecht. Du musst noch üben, das
auszuhalten.
Eva von Mosch: Von dir lerne ich viel.
Erdmute von Mosch: Die Depression
hat unsere Rollen vertauscht. Eigentlich
bin ich deine Mutter.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2008
Das Buch "Mamas Monster: Was ist nur mit Mama los?" heißt das Buch von Erdmute von Mosch. Verlag Balance Buch + Medien; 12,95 Euro