Säuglinge haben eine eingebaute Alarmanlage: Mit drei Monaten sollen sie Furcht in dem Gesicht eines anderen Menschen erkennen und die Ursache ausfindig machen können. Bisher glaubte man, diese Fähigkeit entwickelt sich viel später.

Ein Säugling erkennt am Gesichtsausdruck, ob man Angst hat© Picture-Alliance
Furcht im Blick eines Erwachsenen lenkt bereits bei Kindern im Alter von drei Monaten die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, den ihr Gegenüber fixiert. Er löst im Gehirn der Kleinen eine viel stärkere Reaktion aus als ein Objekt, das zuvor mit einem neutralen Gesichtsausdruck angeschaut wurde, wie Forscher aus Leipzig und New York im Fachmagazin "Plos One"berichten.
Auf einem Monitor zeigten Stefanie Höhl vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ihre Kollegen 45 Säuglingen im Alter von drei Monaten ein Gesicht, dessen Blick auf einen ihnen unbekannten Gegenstand gerichtet war. Dabei maßen die Wissenschaftler die Hirnaktivitäten der Babys mittels EEG. In einem Teil der Tests trug das Gesicht dabei einen angstvollen Ausdruck, während es in anderen Versuchen eine neutrale Miene zeigte. Anschließend erschienen nur die zuvor gesehenen Gegenstände ohne das Gesicht auf dem Display.
Die Auswertungen der Hirnstrommessungen zeigten einen deutlichen Unterschied zwischen diesen beiden Situationen: Vor allem im Präfrontalen Cortex - einem Gehirnareal, das unter anderem die Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize lenkt - zeigte sich bei dem ängstlichen Blick die höchste Aktivität. Die Kinder richteten ihr Interesse also deutlich mehr auf den angstvoll betrachteten Gegenstand als auf den anderen. Aus Sicht der Evolution betrachtet sei es sinnvoll, dass diese Fähigkeit schon so früh angelegt ist - schließlich sei das Erkennen einer Bedrohung überlebenswichtig, so die Wissenschaftler.
Forscher gingen bisher davon aus, dass Säuglinge Gesichtsausdrücke zwar voneinander unterscheiden können, aber nicht unbedingt ihre Bedeutung verstehen. Zudem glaubten sie, dass Säuglinge soziale Hinweisreize, die sich auf etwas in der Umgebung beziehen - also nicht auf den Säugling selbst - erst mit einem Jahr verstehen können, sagte Höhl im Gespräch mit stern.de.
"Das ist bisher noch nicht entdeckt worden, weil normalerweise Forscher in Studien mit Babys nur das Verhalten der Kleinen auswerten", sagt Höhl. Aus diesem Grund entschieden sich die Wissenschaftler für einen anderen Ansatz: "Wir haben das neuronale Aufmerksamkeitssystem direkt untersucht und somit vermutlich eine sensitivere Methode verwendet." Die Wissenschaftler wollen nun testen, ob auch andere Emotionen als Angst solche Reaktionen bei den Kleinen hervorrufen.
Auch für die Autismusforschung könnten diese Ergebnisse relevant sein: "Autistische Kinder haben Schwierigkeiten sogenannte Hinweisreize – etwa die Blickrichtung des Gegenübers – zu nutzen, um etwas über ihre Umgebung zu lernen", sagt Höhl. Meist wird Autismus erst recht spät festgestellt. Die Methode, die Wissenschaftler nun verwendet haben, ist mit sehr jungen Kindern gut anwendbar und könnte daher möglicherweise in der Zukunft für die Diagnose der Entwicklungsstörung eingesetzt werden.