Das Licht der Welt haben sie noch nicht erblickt, unter der verschmutzten Umwelt leiden sie jedoch schon im Mutterleib. Nach Erkenntnissen Schweizer Forscher schädigt ein zu hoher Feinstaubanteil in der Luft die Atemwege ungeborener Kinder. Wie genau es dazu kommt, ist den Wissenschaftlern aber noch unklar.

Feinstaubpartikel aus Auspuffrohren schädigt Kinder schon im Mutterleib© Alexander Rüsche/DPA
Zu viel Feinstaub in der Luft kann schon Föten im Mutterleib schädigen. Wenn Schwangere zu großer Luftverschmutzung ausgesetzt seien, könne bereits bei ungeborenen Kindern die Entwicklung der Lungen beeinträchtigt werden, heißt es in einer Schweizer Studie. Die Erkenntnisse wurden auf dem europäischen Lungenkongress in Berlin vorgestellt.
Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, dass Luftverschmutzung Kinderlungen erst im Schulalter zu schaffen macht. Für die Studie hat der Wissenschaftler Philipp Latzin von der Universität Bern den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Lungenleiden bei 241 Neugeborenen erforscht. Die Forscher maßen die Qualität der Luft, die Schwangere einatmen, sie analysierten die Ozon-, Stickstoffdioxid- und Feinstaubwerte und berücksichtigten auch die Nähe des Wohnorts der werdenden Mütter zu Hauptverkehrsstraßen. Zum Schluss wurden nach der Geburt die Atemfunktion der fünf Wochen alten Säuglinge gemessen, während sie schliefen.
Insbesondere bei einer starken Feinstaub-Belastung während der Schwangerschaft fanden die Wissenschaftler später Veränderungen in der Atemfrequenz der Neugeborenen. Im Vergleich zu Müttern, die fern einer Hauptstraße gelebt hatten, atmeten die Babys von Müttern an Verkehrsadern schneller; nämlich 48-mal statt 42-mal in der Minute. Das sei besonders für Säuglinge ein Problem, die nach der Geburt ohnehin Atemschwierigkeiten hätten, heißt es in der Studie. Bei Babys, deren Mütter besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel Luftverschmutzung ausgesetzt waren, fand sich bei den Kindern auch eine größere Neigung zu Entzündungen der Atemwege.
Vollkommen erklären können die Wissenschaftler ihre Entdeckung noch nicht. Latzin vermutet, dass Luftverschmutzung die Lungen der Mütter angreift und damit auch den Blutzufluss zur Plazenta reduziert. Dort werden Nährstoffe und Sauerstoff zwischen Mutter und Fötus ausgetauscht. Weniger Blutzufluss könnte bedeuten, dass ungeborene Kinder auch weniger Nährstoffe erhalten. Nach einer anderen Vermutung können sich verschmutzte Partikel auch in das Blut des Kindes mischen und seinen Atemrhythmus verändern, heißt es in der Untersuchung. Möglich sei auch ein veränderter Stoffwechsel bei der Mutter, der Wachstumsfaktoren hemme und zum Beispiel die Ausbildung der Lungenbläschen beim Kind erschwere.
Die Forscher sehen ihre Ergebnisse als Beweis dafür, dass die Grenzwerte für Luftverschmutzung weiter gesenkt werden müssen. „Wenn unsere Hypothese stimmt, führen frühe Einflüsse auf die Atemwege zu einem Anstieg der Lungenkrankheiten und zu einer kürzeren Lebenserwartung“, schreiben die Forscher in ihrem Bericht.