Fast zwei Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig. Das hat nicht nur gesundheitliche Folgen - die Jungen und Mädchen leiden unter Hänseleien, sind Außenseiter. Den Frust kompensieren sie oft durch Futtern. Ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Von Ingrid Eißele

Raphael Cavelius, 12 Jahre, Schüler. Er hält sein Gewicht von 60 Kilo seit zwei Jahren© Monika Höfler
Manchmal fühlte sie sich wie eine alte Frau. Beispielsweise, wenn sie im Bus nur mit Mühe von ihrem Sitzplatz hochkam. Wenn ihr auf dem Weg in den zweiten Stock der Schule die Puste ausging. Oder als sie Achterbahn fahren wollte und die Hilfe von vier Leuten brauchte, um den Sicherheitsgurt zu schließen. "Das war mir ja so peinlich." Wenn es ein Wort gibt, das Monique in jenen Jahren begleitete, dann war es dieses: peinlich.
Sie hätte schrecklich gern ein enges Oberteil angezogen oder eine coole Jeans. Aber wie hätte das ausgesehen, mit 114 Kilo? "Ich hatte ja überhaupt keine Taille mehr", sagt sie. Sie trug Pullover vom Vater und bestellte Klamotten für Frauen in Übergrößen aus dem Katalog. Sie misstraute jedem Stuhl: Die in der Schule waren so klein, "da passte ich nur mit einer Backe drauf ".
Mit zehn war Monique noch ein nettes Pummelchen, mit elf wurde sie rund, mit zwölf dick, mit 13 im medizinischen Sinne übergewichtig, mit 14 war sie adipös - fettleibig. Es ging immer schneller, "zuletzt zehn Kilo in sechs Monaten".
"Guck, da kommt das fette Schwein!", riefen andere ihr hinterher. Ihr hübsches Gesicht, ihre Intelligenz, ihre Hilfsbereitschaft interessierten keinen. Anfangs warb sie noch um die anderen, sie gab von ihren Süßigkeiten ab, verschenkte Geld und hoffte auf Freundschaft. In der Grundschule hatte sie noch Freundinnen gehabt. Jetzt war sie einsam. Monique vermisste "so 'ne richtige Freundin", eine, "mit der man auch über Jungs reden kann". Einen Freund zu haben, daran wagte sie nicht mal zu denken. Wer wollte schon eine, der man aus Spottlust Mandarinen hinterherwarf?
Wenn die Eltern bei der Arbeit waren - die Mutter im Altenheim, der Vater am Steuer seines Lastwagens -, plünderte sie Speisekammer und Kühlschrank. Sie aß, was immer sie fand. Schokolade, ein paar Stückchen, das macht doch nichts, sagte sie sich. Fleischsalat, die ganze Packung. "Manchmal merkte ich gar nicht mehr, was ich aß, es stand vor mir und war plötzlich einfach weg." Bei Sascha, ihrem Zwillingsbruder, war das anders, der konnte abends noch eine Riesenpizza verspeisen und blieb gertenschlank. Kurz vor Weihnachten 2006, ein paar Tage vor ihrem 15. Geburtstag, musste Monique wegen einer Impfung zu ihrer Kinderärztin. Da brach es aus ihr heraus. "So geht das nicht mehr weiter!", sagte sie.
Heute, zwei Jahre später, wiegt sie 73 Kilo - mehr als 40 Kilo weniger und bei einer Größe von 1,69 Metern fast Normalgewicht. "Sie hat eine richtig süße Figur gekriegt", sagt ihre Mutter stolz. Monique, die alle in der Familie Moni rufen, kann jetzt Stiefel tragen, die vorher nicht über die Waden passten. Die 17-Jährige sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer der Eltern, einen Ring im Nasenflügel, rote Strähnen im schwarzen Haar, sie hat Wangen statt Pausbacken, sie strahlt Selbstbewusstsein aus. "Ich habe fast das Gewicht eines ganzen Menschen abgenommen."
Wenn kleine Kinder Speckröllchen auf den Hüften tragen, gilt das noch als niedlich, Babyspeck, der sich ja meist "verwächst", sobald Klein Buddha anfängt, die Welt zu erobern. Im Kindergarten sind die meisten Kinder - neun von zehn - noch schlank. Doch das ändert sich spätestens dann, wenn sie in die Schule kommen. Je älter der Nachwuchs wird, desto stärker schwillt er an. Unter den Grundschülern steigt der Anteil der Übergewichtigen auf 15 Prozent, bei den 14- bis 17- Jährigen liegt er bei 17 Prozent. Fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, ein Teil davon ist sogar adipös. Das belegt die umfangreichste Untersuchung zur Kindergesundheit, die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS, die das Berliner Robert- Koch-Institut im Auftrag der Bundesregierung erstellte: Es gibt heute dreimal so viele adipöse Jugendliche wie in den 80er und 90er Jahren.
Raphael aus Denkendorf saß nachmittags vor der Glotze und schaute japanische Zeichentrickfilme und Werbespots - bis zu fünf Stunden lang. Klingelten Freunde an der Tür, schickte er sie weg. Mit zehn Jahren und einer Größe von 1,45 Metern wog er 60 Kilo, mehr als seine Mutter, die zwölf Treppenstufen zur Wohnung nahm Raphael nur noch mit Mühe.
Seine Mutter Sabine, alleinerziehend, hatte mit den kleinen Brüdern zu tun. Raphael aß mittags bei einer Tagesmutter, die kochte üppig, Linsen mit Speck etwa, und bestand darauf, dass aufgegessen wurde. Abends kochte die Mutter. In den Ferien verwöhnte die albanischstämmige Oma den Enkel mit Köstlichkeiten. Der Förderschüler genoss diese Art von Zuwendung. Im Sportunterricht wollte ihn allerdings keiner in seiner Mannschaft haben. "Die anderen sagten: Verpiss dich, du kannst doch nicht richtig werfen."
So kam er zu den "Powerkids", einem Ernährungsprogramm der AOK. Er lernte, wie viel Fett in der Wurst steckt und wie viel Zucker in einem Liter Cola und warum es gut ist, sich zu bewegen. Er trieb Sport mit anderen runden Kindern und fand Spaß daran. Doch nach einem halben Jahr Fortbildung machte er Ferien bei der Oma - und nahm gleich wieder drei Kilo zu.
Das Erlernte auf Dauer umzusetzen ist für Kinder noch schwerer als für Erwachsene. Welcher Zehnjährige hat schon Lust, sich mit ein paar Keksen zu bescheiden, wenn der Bruder Himbeertorte mit Sahne schlemmt? Selbst wer ein monatelanges intensives Training in einer Klinik absolviert hat, wie es etwa das Rehazentrum Insula in Berchtesgaden anbietet, ist nicht gegen die Verlockungen gefeit. Nur etwa die Hälfte der Insula-Kinder nimmt auch langfristig ab.
Inzwischen ist unter Ernährungswissenschaftlern ernüchterter Realismus eingekehrt. Natürlich wissen sie, dass nicht nur der "Wille" die Körpermasse steuert. "Übergewicht ist in erster Linie biologisch reguliert", sagt der Ulmer Ernährungsexperte Martin Wabitsch. Ob ein Kind dick wird oder nicht, hängt stark von seiner genetischen Ausstattung ab. Sind Vater und Mutter schwergewichtig, dann ist die Gefahr, dass das Kind auch adipös wird, siebenmal höher als bei Kindern, die schlanke Eltern haben. Aber gerade wenn schwierige Voraussetzungen vorhanden sind, kommt es auf das gute Vorbild der Eltern an.
Übernommen aus ...
Ausgabe 09/2009
Buchtipp Johannes Hebebrand/Claus Peter Simon
Irrtum Übergewicht
Zabert Sandmann; 2008; 256 Seiten; 19,95 Euro