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Ratgeber Kinderkrankheiten

1. Dezember 2008, 11:25 Uhr

"Mein Kind ist HIV-positiv"

Für HIV-positive Kinder in Deutschland ist nicht das Virus der größte Feind, sondern die Unwissenheit und Angst der anderen. Viele Familien schweigen, weil sie Ausgrenzung und Repressionen fürchten. Sabine Rockhoff geht dagegen ganz offen mit der Krankheit ihrer Pflegekinder um. Von Arnd Schweitzer

Welt-Aids-Tag, HIV, Aids

Sabine Rockhoff geht offen mit der HIV-Infektion ihrer zwei Pflegekinder um© Privat

An diesem Abend sitzen im Kindergarten nur Erwachsene. Sabine Rockhoff ist aufgeregt, ihr Herz geht schnell. Sie ist neu ins hessische Weilrod gezogen, eine beschauliche Gemeinde aus 13 Dörfern. Sie kennt hier noch niemanden. Gleich soll es um ihren vierjährigen Pflegesohn gehen. Dennis ist HIV-positiv, und die Betreuerinnen des Kindergartens haben darauf bestanden, dass alle zu diesem Treffen kommen. Der Bürgermeister ist da, die Pfarrerin, viele Eltern und der Arzt aus der Frankfurter Uniklinik. Er soll berichten, warum für die anderen Kinder keine Gefahr besteht.

Der Streit entbrennt, als ein Gymnasiallehrer um das Wort bittet: Man lebe schließlich in einer Demokratie, deshalb solle abgestimmt werden, ob Dennis im Kindergarten bleiben kann. Überhaupt sollten solche Kinder bis zur Schulzeit nicht in sozialen Einrichtungen sein. Der Bürgermeister kontert: "Wenn wir darüber abstimmen, sind wir bald wieder bei den Hexenverfolgungen." Immer wieder wettert der Lehrer. Sabine Rockhoff muss zwischendurch den Raum verlassen, weil ihr Tränen in die Augen treten. Um halb zwölf ist die Diskussion beendet. Dennis bleibt im Kindergarten.

Es ist viel Mut nötig, wenn Eltern die HIV-Infektion ihrer Kinder offen ansprechen. Mut, den viele nicht haben. Denn sie fürchten Repressalien oder Ausgrenzung. HIV-infizierte Kinder leben heimlich, oft wissen sie selbst nicht, dass sie das Virus in sich tragen. Auch wenn in Deutschland nur rund 500 Kinder betroffen sind - der Umgang mit ihnen wirft ein Licht darauf, wie sehr die Krankheit stigmatisiert, selbst 25 Jahre nach ihrer Entdeckung.

Die Gefahr einer Infektion ist gering

Klar ist: Das HIV-Virus kann nur durch Blut, Sperma oder Vaginalflüssigkeit übertragen werden. Dazu muss das Virus in den Körper gelangen - wie beim unwahrscheinlichen Fall, dass ein HIV-positives Kind an der Lippe blutet und dann ein anderes Kind beißt, bis dort ebenfalls Blut fließt. Die Gefahr einer Infektion ist gering: Nur bei jedem 100. riskanten Kontakt wird das Virus auch übertragen. Weil die erkrankten Kinder regelmäßig Medikamente gegen HIV erhalten, haben sie nur noch sehr geringe Mengen des Erregers im Blut - das Risiko einer Übertragung ist dadurch noch kleiner.

Monika Hildebrand (Name geändert) lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in Niedersachsen. Ihre Pflegetochter Liza ist jetzt neun. Mit einem halben Jahr kam das Kind aus dem Heim, die leibliche Mutter arbeitete wohl als Prostituierte. Liza war sehr viel krank, hatte dauernd Mittelohrentzündungen. Weil sie sich nur zögerlich entwickelte, musste sie Tag und Nacht Windeln tragen. Sie bekam einen heftigen Ausschlag, die Ärzte wussten keinen Rat. Sie machten Tests auf alle möglichen Krankheiten und wurden schließlich fündig. Lizas Blut enthielt Antikörper gegen HIV. Eine Woche vorher ahnt Monika Hildebrand bereits etwas. In einem Telefonat mit ihrer Mutter sagt sie: "Was tun wir, wenn es HIV ist?"

Als sie die Diagnose erfährt, ruft sie ihren Mann an, der gerade auf einer Konferenz einen Vortrag halten soll. Er kommt sofort nach Hause. "Wir haben lange geheult und uns dann überlegt, wie es weitergehen soll", sagt Monika Hildebrand. Beide beschließen, nur wenigen Menschen die Wahrheit zu sagen. Die Familie und einige Freunde wissen Bescheid. Eine sehr gute Freundin zieht zufällig ins Dorf. "Sie ist meine erste Ansprechpartnerin, wenn ich etwas besprechen möchte", sagt Monika Hildebrand.

Die Eltern weihen auch die Betreuerinnen des Förder-Kindergartens ein, in den Liza geht. Schließlich müssen die ja mittags die Medikamente geben: Das Pulver aus einer gelben Kapsel, das auf einem Löffel zwischen zwei Schichten Joghurt versteckt wird. Und zwei flüssige Medikamente, die mit einer Spritze ohne Nadel aufgezogen und dann in den Mund gespritzt werden. Es klappt sehr gut, die Betreuerinnen machen mit. "Das ist schließlich ein Kindergarten für alle Kinder", sagen sie.

"Lehrer geben hier keine Medikamente"

Das Problem beginnt, als Liza in die weiter entfernte Förderschule kommt: Die Erzieher und Lehrer weigern sich, ihr mittags die notwendigen Arzneien zu geben. Sie begründen das mit einer Grundsatzentscheidung: Lehrer geben hier keine Medikamente. Die Hildebrands sprechen mehrmals mit dem Kollegium und laden dazu auch einen Berater der Aidshilfe ein. Doch die Fronten bleiben hart. Durch Zufall erfährt Monika Hildebrand, dass die Lehrer auch einen Arzt vom Gesundheitsamt zum Gespräch bitten - ohne sie und ihren Mann einzuladen. Schließlich muss eine Gemeindeschwester der Caritas jeden Mittag kommen und Liza die Medikamente geben. Anfangs zog die Schwester dazu noch Plastikhandschuhe an.

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