Kinderarzt Dr. Reinhard Berner steht Eltern im neuen "Ratgeber Kindergesundheit" von stern.de mit seinem Rat zur Seite. Im Interview spricht er über die häufigsten Krankheiten der Kleinen und die größten Wissenslücken bei den Eltern.

Prof. Reinhard Berner ist Leitender Oberarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. Er beantwortet die Fragen im neuen "Ratgeber Kindergesundheit"© Ulla Kimmig
Die wachsenden sozialen Unterschiede zeigen sich nicht nur im Bildungsstand oder beim Geld. Kinder, die sozial benachteiligt sind, zahlen dafür mit ihrer Gesundheit. Egal, ob es um Übergewicht, Rauchen oder Alkohol geht, ihr Risiko liegt meist um ein Vielfaches höher als das von Kindern aus gesicherten Verhältnissen.
Das stimmt. Söhne und Töchter aus sogenannten guten Elternhäusern haben Vorteile, aber auch unter ihnen gibt es Übergewicht, Depressionen, Sucht und gefährliche Kinderkrankheiten, die nicht sein müssten.
Die Gründe sind vielfältig und manchmal sehr familienspezifisch. Ein Problem taucht jedoch häufig auf, und daran möchte ich durch meine Mitarbeit beim Online- Ratgeber Kindergesundheit etwas ändern: Auch engagierte Eltern sind heute häufig verunsichert, wenn es um die Gesundheit ihrer Kinder geht. Sie fragen sich zum Beispiel: "Wie muss sich mein Kind ernähren? Reicht ein Teller Nudeln, oder sollte es nach einem stressigen Schultag etwas ganz anderes essen?" Oder: "Ist es in Ordnung, wenn mein Kind mit einem Jahr noch nicht spricht?" Und weil diese Fragen vermeintlich banal sind, glauben Eltern, sie selbst beantworten zu müssen. Die Hemmschwelle, einen Kinderarzt um Rat zu bitten, ist groß. Da kann das Internet eine gute Alternative sein. Ein Angebot wie der stern.de-Ratgeber bietet Eltern geprüfte und durch Studien gesicherte Informationen, verständlich aufbereitet.
Besonders beim Thema Impfschutz beobachten wir eine fatale Entwicklung. Viele junge Eltern haben keine eigenen Erfahrungen mit schweren Infektionen. Sie unterschätzen, welchem Risiko sie ihr Kind aussetzen, und vergessen deshalb leicht die Auffrischimpfung oder schieben sie auf. Auch beim Thema Zahnpflege sind viele unbedarft: Die Vorstellung, dass Milchzähne nicht weiter wichtig seien, ist weit verbreitet. Und so putzen sich viele Kinder höchstens einmal am Tag die Zähne und bekommen womöglich Karies - mit anhaltenden Folgen. Milchzähne übernehmen eine Platzhaltefunktion für die zweiten Zähne. Fallen sie zu früh aus oder müssen sie gezogen werden, kann das die ganze Zahnreihe durcheinanderbringen. Das muss dann später kieferorthopädisch behandelt werden.
Oft helfen schon ein paar kleine Tricks: Wenn die Eltern aus Brokkoli eine Blume auf den Teller legen oder das Tomatenbrot mit Salzstangen spicken, essen Kinder plötzlich auch ungeliebtes Gemüse. Außerdem sollte man schon früh versuchen, die Kleinen ins Kochen einzubeziehen. Wenn sie ihre Suppe mit zubereitet haben, schmeckt sie ihnen meist viel besser. Vor allem aber gilt: Es ist sinnlos, Kindern Brokkoli verkaufen zu wollen, wenn die Eltern selbst nur die Kartoffeln essen. Beim Thema gesunde Ernährung muss die ganze Familie mitziehen.
Ja. Wenn Vater und Mutter fernsehen, können sie nicht erwarten, dass das Kind sich freiwillig von der Couch bewegt. Sie sollten zusammen mit ihrem Nachwuchs an die Luft gehen, Fußball spielen, Fahrrad fahren, schwimmen - vorleben, was sie sich von ihren Kindern wünschen.
Kinder brauchen Anforderungen, Ziele und andere Menschen, an denen sie sich messen können. So lernen sie, sich selbst einzuschätzen, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein zu entwickeln. In der heutigen Zeit sind einige Kinder aber tatsächlich vollkommen überfordert. Die Eltern wollen, dass ihr Kind Abitur macht, damit es später bessere Chancen auf einen guten Job hat. Ein verständlicher Wunsch. Manchmal sehen Väter und Mütter dabei aber nicht, dass ihre Kinder im Gymnasium an die Grenze ihrer Belastbarkeit stoßen. Die Jungen und Mädchen selbst können die Situation noch nicht einschätzen. Sie halten sich für dumm und untalentiert, ihr Frust wird größer, ein Teufelskreis entsteht. Es ist dann Aufgabe der Eltern und Lehrer, diese Probleme zu erkennen und den Kindern unter die Arme zu greifen.
Die wichtigsten drei Regeln sind Hinschauen, Zuhören und Sprechen. Eltern müssen ernsthaft Interesse am Leben ihrer Kinder zeigen. Und das auch, wenn gerade Pubertierende genervt sind, weil man sie jeden Tag fragt, wie es in der Schule läuft. Erzählen die Kinder von Rückschlägen, der zweiten Fünf in Mathe oder Streit mit den Freunden, sollten Eltern verständnisvoll reagieren und gemeinsam mit ihren Kindern nach Lösungen suchen. So nehmen sie ihnen die Angst zu versagen, sie finden Möglichkeiten, mit dem Leistungsdruck besser umzugehen.
Haben Eltern den Eindruck, mit dem Kind stimmt etwas nicht, es verschließt sich, und sie kommen allein nicht weiter, sollten sie keine falsche Scham haben, sich Rat zu suchen - beim Kinderarzt, bei spezialisierten Beratungsstellen oder auch bei der individuellen Sprechstunde des stern.de- Ratgebers.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 39/2008