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1. Juli 2008, 12:17 Uhr

Mit dem Expertenwissen kommt der Schmerz

Kopfschmerz-Experten und Neurologen leiden sehr viel häufiger an Migräne als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das fanden Wissenschaftler des Universitätsklinikums Münster heraus. Woran das liegt und warum die selbst betroffenen Ärzte ihre Patienten anders behandeln, sagt Professor Stefan Evers in unserem Interview.

Ärzte mit Migräne nehmen weniger Tabletten, als sie ihren eigenen Kopfschmerz-Patienten nahelegen© colourbox.com

Warum ist Migräne unter Kopfschmerz-Experten stärker verbreitet als in der Normalbevölkerung?
Dafür gibt es keine eindeutige Erklärung. Für die grundsätzliche Entscheidung zum Medizinstudium scheint die eigene Betroffenheit keine Rolle zu spielen. Wir haben in unserer Untersuchung aber Hinweise darauf gefunden, dass sie die Wahl der Spezialisierung in Richtung Neurologie oder Schmerztherapie beeinflusst. Bei einigen, etwa Ärzten mit Clusterkopfschmerz, war ihre Erkrankung sogar explizit der genannte Grund.

Kann die Häufung von Kopfschmerzen bei Ärzten dieser Fachrichtungen umgekehrt eine Folge des Berufs sein?
Ich halte es für ausgeschlossen, dass Ärzte infolge ihrer Arbeit mehr Kopfschmerzen als andere Berufsgruppen haben. Es ist allerdings denkbar, dass Ärzte und insbesondere Neurologen häufiger bei sich Migräne diagnostizieren, da sie mit den Kriterien vertrauter sind.

Wie gehen betroffene Experten mit ihrer Migräne um?
Sie scheinen ihre Kopfschmerzen in einem stärkeren Maß zu ignorieren, als sie es anderen nahelegen. Das heißt, sie nehmen weniger Triptane und weniger vorbeugende Medikamente, als sie ihren Patienten empfehlen, und sie wenden nicht-medikamentöse Maßnahmen ebenfalls seltener an.

Trauen die Ärzte ihren eigenen Rezepten nicht?
Das muss weiter untersucht werden, hier kann man nur spekulieren: Es ist möglich, dass die Ärzte Nebenwirkungen befürchten, dass sie ihre private Krankenversicherung nicht belasten wollen oder dass sie eigene Hausrezepte anwenden.

Unterscheidet sich die Kopfschmerzbehandlung betroffener Ärzte noch an anderer Stelle von der ihrer Kollegen?
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Migräne und psychiatrischen Erkrankungen wie der Depression und Angsterkrankungen. Außerdem neigen Migränepatienten etwas stärker zu Dysthymie, also chronischer depressiver Verstimmung. Selbst von Migräne betroffene Ärzte unterschätzen bei der Diagnose ihrer Patienten anscheinend diesen Zusammenhang, oder sie scheuen sich, ihn zu thematisieren.

Ist ein Patient dann bei einem Arzt, der selbst an Kopfschmerzen leidet, gut aufgehoben?
Ja, das ist er. Es gibt für die Behandlung von Kopfschmerzen inzwischen klare Standards, nach denen auch die selbst betroffenen Ärzte arbeiten. Die Abweichungen, die wir im Verschreibungsverhalten gefunden haben, bewegen sich noch innerhalb dieser Standards. Insofern muss kein Patient befürchten, von einem Arzt falsch behandelt zu werden, weil dieser auch an Kopfschmerz leidet.

Interview: Michael Kraske

 
 
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