Manchen Migränepatienten helfen die stärksten Medikamente nicht. Das ändert sich vielleicht bald: US-Forscher haben einen Wirkstoff entwickelt, der den Schmerz anders bekämpft als bisherige Mittel - und mit weniger Nebenwirkungen. Noch ist der Wirkstoff allerdings nicht zugelassen, und es fehlen Langzeitstudien. Von Britta Hesener

Bei einer akuten Migräneattacke helfen nur Ruhe, Dunkelheit und Medikamente© Colourbox
Wenn sich die nächste Attacke ankündigt und das pulsierende Blut im Kopf wie ein Presslufthammer gegen die Schädeldecke donnert, helfen den Gepeinigten meist nur drei Dinge: Dunkelheit, absolute Ruhe und Medikamente. Vor allem die sogenannten Triptane haben sich in den vergangenen 18 Jahren als zuverlässige Präparate bei schweren Migräneanfällen bewährt. Selbst wenn andere Schmerzmittel versagen, können sie vielen Patienten helfen - aber längst nicht allen. Manche Menschen vertragen sie nicht, andere sprechen nicht auf sie an. Und Betroffene, die an Durchblutungsstörungen und nicht einstellbarem Bluthochdruck leiden, sollten Triptane wegen ihrer gefäßverengenden Wirkung gar nicht erst einnehmen.
All diese Patienten dürfen nun auf eine Alternative hoffen: US-Forscher Dr. Tony Ho und seine Kollegen von den Merck Research Laboratories in Philadelphia glauben, mit der Substanz MK-0974 (Telcagepant) eine Alternative gefunden zu haben. Im Gegensatz zu den Triptanen setzt Telcagepant an einer anderen Stelle der Migräne-Entstehung an - und eröffnet so neue Wege für die Therapie. Das Medikament ist allerdings noch nicht zugelassen.
Nach heutigem Kenntnisstand ist die Ursache der Migräne eine Entzündung der Blutgefäße im Hirn, die zu einer Überempfindlichkeit der Schmerzrezeptoren in der Hirnhaut führt. Das Pulsieren der Blutgefäße wird so zum hämmernden Kopfschmerz. Ho und seine Kollegen gehen davon aus, dass ein Eiweißstoff diese Entzündung auslöst: das CGRP (Calcitonin gene-related peptide). Keine neue Theorie: Bereits 1988 wurden erhöhte CGRP-Werte im Blut von Patienten, die unter einer akuten Migräneattacke litten, nachgewiesen, sagen Dr. Axel Heinze und Dr. Katja Heinze-Kuhn von der Schmerzklinik Kiel. Waren die Schmerzen abgeklungen, normalisierte sich auch der CGRP-Spiegel der Betroffenen wieder. Mediziner gehen daher davon aus, dass Triptane so gut wirken, weil sie das CGRP blockieren. Das neue Mittel Telcagepant soll ebenfalls die Ausschüttung des Eiweißstoffes hemmen - mit einem entscheidenden Unterschied: Sie blockieren ihn direkt, im Gegensatz zu Triptanen, die das CGRP indirekt über Serotonin-Rezeptoren hemmen.
Serotonin ist ein Botenstoff, das sich im Körper an Rezeptoren bindet, um seine "Botschaft" zu übermitteln. Jeder dieser Rezeptoren hat eine eigene Aufgabe: Hängt sich das Serotonin an den Rezeptor 5-HT1B, bedeutet das: "Blutgefäße verengen", bindet es sich an den Rezeptor 5-HT1D, blockiert das die Ausschüttung des entzündungsfördernden CGRP.
Fehlt es dem Körper an Serotonin, so dass seine Botschaften nicht übermittelt werden, können Triptane diese Rolle übernehmen. Sie sind chemisch mit dem Serotonin verwandt und binden sich sowohl an den Rezeptor 5-HT1B als auch an 5-HT1D. Auf diese Weise blockieren Triptane zwar das Migräne auslösende CGRP - sie bewirken aber auch, dass sich die Blutgefäße verengen. Deswegen sollten Migränepatienten mit Durchblutungsstörungen oder Bluthochdruck auf das ansonsten so wirksame Mittel verzichten. Telcagepant könnte für sie in Zukunft eine Alternative sein: Laut Ho blockiert Telcagepant nur den für das CGRP zuständigen Rezeptor. Die Gefäßverengung bleibt aus.
In einer Studie haben die Forscher das neue Mittel an 1380 Patienten auf seine Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet. Die Probanden wurden in vier Gruppen aufgeteilt: Zwei Gruppen erhielten Telcagepant als Kapsel in unterschiedlich hoher Dosierung: einmal mit 150 Milligramm und einmal mit 300 Milligramm Wirkstoff. Die anderen beiden Gruppen bekamen Tabletten verabreicht. Einige Teilnehmer nahmen fünf Milligramm des oft verschriebenen Zolmitriptans ein, die anderen schluckten ein Placebo. Auf diese Weise hatten die Forscher den direkten Vergleich. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Ho und seine Kollegen im renommierten Fachblatt "The Lancet".
Demnach konnten 300 Milligramm Telcagepant eine Migräneattacke genauso effektiv abwehren wie die oft verordneten fünf Milligramm Zolmitriptan. 20,2 Prozent der Telcagepant-Probanden waren auch noch 24 Stunden nach Einnahme schmerzfrei - verglichen mit 18,2 Prozent bei Zolmitriptan.
Patienten, die bei einem akuten Anfall Telcagepant genommen hatten, klagten zudem über weniger Nebenwirkungen als jene, die Zolmitriptan eingenommen hatten. Es könnte also zur Alternative für diejenigen werden, die Triptane nicht vertragen. Nebenwirkungen treten bei diesem Mittel häufig auf, vor allem Schwindel, Schwächegefühl, Kribbeln, Wärme- oder Hitzegefühl und Übelkeit - das hat diese Studie erneut bestätigt.
Eines konnten die Forscher in der aktuellen Studie hingegen nicht wie erhofft nachweisen: Telecagepant wirkte nicht deutlich länger als Zolmitriptan. Außerdem ließen sie eine entscheidende Frage offen: Ist Telcagepant tatsächlich für Migränepatienten mit Durchblutungsstörungen und Bluthochdruck geeignet? Patienten, die darunter litten, waren bewusst ausgeschlossen worden, um sie nicht durch die Einnahme von Zolmitriptan zu gefährden. Laut Professor Hartmut Göbel, Neurologe und Direktor der Schmerzklinik Kiel und Experte des stern.de-Ratgebers "Kopfschmerzen", sei diese Frage allerdings bereits im Vorfeld geklärt worden: An gesunden Patienten sei nachgewiesen worden, dass Telcagepant keine gefäßverengende Wirkung habe. Weitere Untersuchungen müssten noch belegen, dass dies auch bei Migränepatienten der Fall sei. Auch zu den sogenannten Non-Respondern liegen noch keine Zahlen vor. Ob also jenen geholfen werden kann, die auf Triptane nicht ansprechen, wird zurzeit noch untersucht. Professor Göbel ist jedoch zuversichtlich - er war an der Entwicklung von Telcagepant beteiligt. Im Rahmen der Studie hatten auch Patienten in der von ihm geleiteten Schmerzklinik Kiel das Mittel ausprobiert. Er ist davon überzeugt, dass Telcagepant "die Neuentwicklung in unserem Jahrhundert" sei. In zwei Jahren werde es auf den Markt kommen, ist Göbel sich sicher.