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Der Mythos von der guten Castingshow

"The Voice of Germany" beschert ProSieben und Sat.1 Traumquoten - dabei herrscht im deutschen Fernsehen wahrlich kein Mangel an Castingshows. Worin liegt die Ursache für den Erfolg?

Von Carsten Heidböhmer

  Xavier Naidoo, Sascha "Hoss" Vollmer und Alec "Boss" Völkel von der Gruppe "The BossHoss", Nena und Rea Garvey sind die Juroren der Sendung

Xavier Naidoo, Sascha "Hoss" Vollmer und Alec "Boss" Völkel von der Gruppe "The BossHoss", Nena und Rea Garvey sind die Juroren der Sendung

DSDS", "Das Supertalent", "Star Search", "X Factor", "Unser Star für Oslo" - wenn es im deutschen Fernsehen an einem nicht mangelt, dann sind das Castingshows. Dementsprechend konnte man das Ansinnen, ein neues Format auf den Markt zu bringen, wahlweise als mutig oder einfach nur als verrückt abtun.

Doch wer glaubte, Deutschland brauche keinen weiteren Gesangswettbewerb, sah sich getäuscht. "The Voice of Germany" ist die Überraschung der Saison. Die neue Castingshow, die abwechselnd auf ProSieben und Sat.1 zu sehen ist, hat sich inzwischen bei 4,5 bis 5 Millionen Zuschauern pro Sendung eingependelt. In der für Privatsender so wichtigen werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erreicht die Show inzwischen Marktanteile von 30 Prozent. Das liegt um ein Vielfaches über dem Senderschnitt. Zum Vergleich: Im Oktober kam Sat.1 auf 10,0 Prozent Marktanteil, ProSieben lag mit 12,6 Prozent nur geringfügig drüber. Wie ist dieser Erfolg zu erklären?

"Die Zeit war reif für etwas Neues"

Andreas Bartl, Fernseh-Vorstand der ProSieben Sat.1 Media AG, müsste es wissen. Er hat schließlich "The Voice" ins deutsche Fernsehen gebracht. Er wurde auf das von dem Holländer John de Mol erfundene Format durch den großen Erfolg aufmerksam, den es in den Niederlanden hatte. Er habe sofort das Gefühl gehabt, dass de Mol "etwas Einzigartiges erfunden hatte", sagt Bartl stern.de. "'The Voice of Germany' ist auf völlig selbstverständliche Art und Weise originell, spannend und sehr unterhaltsam. Formate mit einer so innovativen Kraft kommen nur alle paar Jahre. Die Zeit war reif für etwas Neues."

In der Tat hat die Show einige Neuerungen aufzuweisen, die das Geschehen abwechslungsreicher und für die Zuschauer interessanter machen. Es beginnt damit, dass die Juroren Coaches sind. Das führt in der ersten Runde die Umkehrung des bislang bekannten Prinzips: Hier müssen sich nicht die Kandidaten bei den Juroren empfehlen, sondern umgekehrt bemühen sich Coaches um gute Sänger für ihr Team. Dass es sich bei dem Vorsingen um "Blind Auditions" handelt, die Coaches den Kandidaten also nicht sehen, macht den besonderen Reiz dieser Runde aus. Für Xavier Naidoo ist dementsprechend das Besondere der Show "der 'drehende' Stuhl, das Zusammenspiel der Coaches und natürlich das unglaubliche Können der Talente", wie er stern.de sagt.

Der alte Trick funktioniert nicht mehr

In der zweiten Runde kommt dann ein weiterer Thrill hinzu: In den "Battles" treten die Mitglieder der einzelnen Teams in Eins-zu-eins-Duellen gegeneinander an - der Coach entscheidet, wer sein Team verlassen muss. Erst in der finalen Phase nähert sich "The Voice of Germany" den altbekannten Sendungen an, wenn die Kandidaten in Liveshows gegeneinander antreten und die Zuschauer per Telefon abstimmen.

Der größte Unterschied zu den Castingformaten der Bohlen'schen Variante ist, dass die Juroren die Sänger mit Respekt behandeln und keiner bloßgestellt wird. "Voice"-Erfinder John de Mol sieht es so, dass der Trick, "Menschen vor die Kamera zu zerren, die dann musikalisch umgebracht werden, nicht mehr funktioniert", wie er der "Bild am Sonntag" sagte.

Doch warum ist das auf einmal so? Haben die Fernsehzuschauer plötzlich die Moral entdeckt? "'The Voice of Germany' hat eine Ernsthaftigkeit in das Genre Castingshow gebracht, die es zuvor nicht gab", sagt Trendforscher Peter Wippermann im Gespräch mit stern.de. Bei Bohlen stehe dagegen "der Fun-Aspekt stark im Vordergrund, zudem gibt es eine überzogene Inszenierung des sozialen Mitleids".

Sehnsucht nach etwas "Authentischem"

Dieses Element sei bei "DSDS" zunehmend stärker hervorgetreten. Während anfangs der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund stand, folgte die Show zunehmend einer von RTL inszenierten Dramaturgie. Aufgefallen sei das den Zuschauern aber erst in dem Moment, wo es eine Alternative gegeben habe. Für den Trendforscher präsentiert sich "The Voice of Germany" in vielerlei Hinsicht als Gegenteil von "DSDS": Das inszenierte Moment sei bei hier zurückgefahren worden. Denn die Zuschauer, so Wippermann, seien inzwischen für solche Inszenierungen sensibilisiert, weil sie vertrauen wollten. Es gebe die Sehnsucht nach etwas "Authentischem". Und genau das bediene die Show. "Bei "DSDS" fühlten sich die Zuschauer dagegen "in eine Freizeitpark-Welt versetzt - mit Bohlen als Animateur", so Wippermann.

Neben der von den Zuschauern als "ehrlich" empfundenen Inszenierung ist es vor allem der humane Umgangston, den die Zuschauer an dem Format schätzten: "Wir befinden uns in einer Situation, wo wir ein Interesse an positiver Harmonie haben", so Wippermann. "Es geht um Respekt."

Das ist allerdings nicht ganz neu: Schon "X Factor" hatte sich einen faireren Umgang mit den Kandidaten auf die Fahne geschrieben. Beim Publikum kam die Show jedoch bei weitem nicht so gut an. Warum das so ist, dafür hat Wippermann eine plausible Erklärung: Sarah Connor sei zu sehr leichtgewicht, "die Glaubwürdigkeit ist bei Nena und Xavier Naidoo weitaus größer." Beide verkörperten in weit höherem Maße Respekt.

Paul Potts und Susan Boyle waren auch keine Schönheiten

Vor allem profitiert "The Voice of Germany" von einem selbst geschaffenen Mythos: Nur hier hätten Sänger eine Chance, die dick und hässlich sind. Immer wieder hört man diesen Satz von Anhängern der Sendung. Dabei zeichnet genau dieser Punkt das Wesen von Castingshows generell aus. So hat "Britain's Got Talent", das Pendant zum "Supertalent", die beiden Sänger Paul Potts und Susan Boyle hervorgebracht - die mit vielem bestechen mögen, jedoch nicht mit ihrem guten Aussehen. Die Sendung profitiert also von ihrem guten Ruf, der in Teilen gar nicht berechtigt ist.

Und RTL? Am 7. Januar startet die neue Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". Wird der Konkurrenzsender nun reagieren und seine Shows dem neuen Trend anpassen? Unterhaltungschef Tom Sänger verweist im Gespräch mit stern.de auf die exzellenten Quoten der bisherigen Staffeln. "'DSDS' und 'Das Supertalent' sind absolute Erfolgsshows mit Spitzenwerten von bis zu 8 Millionen Zuschauer und 40 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen, und das über Jahre hinweg. Wie gewohnt werden wir auch in dieser Staffel die ganze Bandbreite der Kandidaten zeigen, gute und weniger gute Stimmen, eine ehrliche und unterhaltsame Jury, Emotionen, Spaß und 100 Prozent Unterhaltung." Dass derzeit so viel von "Voice of Germany" die Rede ist, dafür hat Sänger eine einfache Erklärung: "Vielleicht gab es einfach zu lange keine Showreihe bei den Kollegen von ProSieben und Sat1, die auch mal in diese hohen Marktanteilsregion gekommen ist."

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