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So hängt das Attentat mit dem Houellebecq-Roman zusammen

Das aktuelle "Charlie Hebdo"-Cover zeigt eine Karikatur von Michel Houellebecq. Sein neuster Roman - eine Islam-Utopie - erschien heute. Ein Werk voller Ängste, Klischees und Frustration.

Von Stephan Maus

  Das aktuelle Cover von "Charlie Hebdo" zeigt Michel Houellebecq

Das aktuelle Cover von "Charlie Hebdo" zeigt Michel Houellebecq

Heute ist in Frankreich der neue Roman von Michel Houellebecq erschienen. "La Soumission" (auf Deutsch "Die Unterwerfung") spielt im Jahre 2022. Es ist das Jahr, in dem der Goncourt-Preisträger die Französische Republik sterben lässt. Liberté, Égalité, Fraternité: tot. Ein fiktiver muslimischer Charismatiker, Mohammed Ben Abbes, hat im zweiten Wahlgang die Präsidentschaft gewonnen. Unterstützt wurde er von Linken und Konservativen, die lieber eine gemäßigte Muslim-Bruderschaft an der Macht akzeptieren wollen als die Kandidatin des rechtsextremen "Front National", Marine Le Pen. Nach Tumulten und Gewaltszenen in den Städten kommt das Land schnell zur Ruhe und entwickelt sich zum Gottesstaat. Frauen müssen Schleier tragen, Polygamie ist erlaubt, Lehrer und Professoren müssen konvertieren, wenn sie weiterhin unterrichten möchten. Schon bald sinkt die Arbeitslosigkeit, weil alle Frauen wieder zurück an den Herd müssen. Allgemeine Zufriedenheit.

Seit Tagen tobt in den französischen Medien eine Debatte, ob Houellebecqs Roman islamfeindlich ist oder nicht. Gestern hatte Houellebecq einen zehnminütigen Live-Auftritt in den 20-Uhr-Nachrichten. Auf die Frage, ob ihm der Tumult nun eigentlich gefalle, antwortete er: "Ich kann nicht sagen, dass ich die Polemik liebe. Aber ich mache auch keine Anstrengungen, sie zu vermeiden. Ich werde ein Thema nicht nur deshalb meiden, weil ich weiß, dass es polemisch ist."

Cover mit Houellebecq-Karikatur

Heute, am Erscheinungstag selbst, haben zwei schwer bewaffnete Männer die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" gestürmt und zwölf Menschen erschossen. Die Attentäter sollen mehrfach "Allahu akbar" skandiert haben, "Allah ist groß." Die neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" lag gerade frisch am Kiosk. Titelzeile: "Die Vorhersagen des Magiers Houellebecq". Dazu ist auf dem Cover eine Houellebecq-Karikatur abgebildet. Aus seinem Mund kommen zwei Sprechblasen, darin steht: "2015 verliere ich meine Zähne" und "2022 mache ich Ramadan."

Cav, der Zeichner dieser Karikatur, macht sich hier lustig über Houellebecqs legendären ungesunden Lebenswandel und seine verzerrende Gesellschaftsvision von einem Frankreich, das von einem vermeintlich machthungrigen Islam in seiner demokratischen Existenz bedroht sein soll. Zeichner Cav hatte das Glück, am heutigen Mittwoch zu spät zur morgendlichen Redaktionskonferenz gekommen zu sein. Es hat ihm das Leben gerettet. Seine Zeichner-Kollegen Charb, Cabu, Wolinski und Tignous waren unter den Opfern.

Houellebecq glaubt nicht an Integration

Die Handlung seines neuen Romans suggeriert, dass sich unter den französischen Muslimen eine Mehrheit für eine politische Partei finden ließe, die dann so stark werden könnte, dass sie das Präsidentenamt erobern könnte. Ein absurder Plot, wenn man berücksichtigt, dass überhaupt nur 5 Prozent der französischen Wahlberechtigten Muslime sind. Folgt man nun Houellebecqs Roman, hätten diese Muslime nun nichts anderes im Sinne, als die französische Republik abzuschaffen. Liberté, Égalité, Fraternité: tot. Michel Houellebecq glaubt nicht an Integration.

  Provokant: der französische Autor Michel Houellebecq

Provokant: der französische Autor Michel Houellebecq

Das hanebüchene Handlungsgerüst hat den Vorsitzenden der französischen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus LICRA, Alain Jakubowicz, sagen lassen, Houellebecq habe mit seinem Roman der Rechtsextremen Marine Le Pen das schönste Weihnachtsgeschenk überhaupt gemacht. Man kann nur hoffen, dass der Anschlag auf "Charlie Hebdo" Frankreich nicht so sehr schockiert, dass man den Aberwitz in Houellebecqs Plot nicht mehr erkennt und ihn stattdessen für prophetisch hält.

Verzerrende, klischeehafte Islam-Karikatur

Sieht man von Houellebcqs verzerrender und klischeehafter Islam-Karikatur ab, birgt sein Roman eine beißende Satire auf den Konformismus der Medien, der Politiker und der geistigen Elite. Er zeichnet ein Land, das jederzeit wieder zur Kollaboration bereit wäre. Houellebecq beschreibt eine verunsicherte Gesellschaft, die ihre Freiheit ihren Ängsten opfert. Auch hier darf man hoffen, dass er irrt, dass die Franzosen bei allen Ängsten Besonnenheit wahren.

So unerbittlich Houellebecq gegen die französische Gesellschaft ist, so gnadenlos ist er auch gegen sich selbst: Indem er autobiografische Elemente wie den Tod seiner Eltern und seinen Alltag in einem Hochhaus im Pariser Chinatown verarbeitet, zeichnet er einen Anti-Helden, dessen Leere, dessen sexuelle Frustrationen und Komplexe ihn letztendlich das Glück in der totalen Unterwerfung suchen lassen.

Unter normalen Umständen hätte man an dieser Stelle nun in dem Roman auch noch sehr gelungene Passagen über die Einsamkeit in unseren Metropolen und die Trostlosigkeit eines Lebens zwischen Mikrowellen-Fraß und gekauftem Sex aufspüren können, um ihre melancholische Schönheit zu bewundern. Denn Schönheit kann er auch, Houellebecq.

Unter normalen Umständen hätte man an dieser Stelle nun auch noch Houellebecqs Begabung für humorvolle Porträts und sein Talent für groteske Szenen preisen können. Und man hätte auch noch die monochromen Schattierungen seiner seltsam grauen Sprache diskutieren können.

Denkbar schlechtester Erscheinungstermin

Ja, unter normalen Umständen hätte man an dieser Stelle sogar noch versuchen können, Houellebecqs radikale literarische Modernität zu fassen zu bekommen. Die Modernität eines Schriftstellers, der einem nicht mit imperialer Geste eine vollendete Schönheit vor die Füße wirft, damit man sich ihr staunend unterwerfe, sondern der dem Leser unbekümmert einen unsortierten Haufen voller Hässlichem und Zauberhaftem, voller Dummheit und Klugheit hinwirft, damit dieser Leser sich dann mündig erweise und sich im Kopf sein Kunstwerk selbst zusammensetze. Die Modernität eines Schriftstellers, der die Freiheit hasst, aber dessen Lektüre oft so befreiend sein kann.

Aber wer bitte hat jetzt noch den Kopf für solche dialektischen Übungen? In diesem Roman brodeln so viele unterschwellige Frustrationen, Komplexe und Ängste, so viel aufgesaugte Phrasen und Klischees, dass man ihn nur mit arktisch kühlem Kopfe wirklich fassen kann. Dieser Roman erscheint im denkbar schlechtesten Moment. Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch er seinen Teil Verantwortung.

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