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Filzläuse in der Unterschichtswäsche

Es gibt gute Bücher über Sex. Und es gibt schlechte Bücher über Sex. Jetzt hat die Berliner Jungautorin Mia Ming ein schlechtes Buch über schlechten Sex geschrieben. Warum nur?

Von Wiebke Lorenz

Mia Ming ist schön. Sehr schön sogar. Wenn die 30-jährige Wahl-Berlinerin im Café sitzt, die blonden Haare zum tiefen Pferdeschwanz gebunden, die großen grünen Augen interessiert auf ihr Gegenüber gerichtet - doch, das hat schon was. Weniger schön ist allerdings das, worüber Mia Ming mit leiser Stimme spricht. Es geht um ihr erstes Buch, "Schlechter Sex" (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,90 Euro), für das die Autorin 33 Frauen - Mia Ming spricht konsequent von "Mädchen" - zu ihren peinlichsten und absurdesten Erlebnissen mit Männern ("Jungs") befragt hat. Schon einmal kurz vorweg genommen: Wer Frau Mings Buch über Sex gelesen hat - der will danach garantiert nie wieder welchen haben.

Mia Ming, ja, das ist natürlich ein Pseudonym. Ihren echten Namen will sie nicht verraten, das gehört wohl zur Marketingstrategie. Ebenso wie die Vita der Autorin, die sich auf der letzten Seite ihres Buches findet und sich liest wie: Krethi und Plethi überlegen sich was Wildes: "Mia Ming wurde 1977 im beschaulichen Rheinland geboren. Ihre Eltern wünschten sich eine erfolgreiche Anwältin und aufopfernde Ehefrau mit zwei Kindern und Reihenhaus in Bad Godesberg. Sie bekamen eine kettenrauchende Nachtschwärmerin von zweifelhafter Moral mit zwielichtigen Freunden, wechselnden Liebschaften und einem WG-Zimmer in Berlin-Prenzlauer Berg. Tagsüber schläft sie, nachts schreibt sie oder läuft auf der Suche nach neuen Abenteuern durch die Straßen Berlins. Viele Menschen finden sie seltsam, manche halten sie für gefährlich..." Charlotte Roche kann einpacken, das neue Luder heißt Mia Ming.

"Diese Vita soll natürlich polemisieren"

Nur hat dieses zierliche Persönchen, das da im schwarzen Sommerkleidchen sitzt und über sein Debüt redet, leider so gar nichts mit diesen bombastischen Worten zu tun. Auf die Frage, ob sie denn immer noch Kette qualme, erklingt ein kleinlautes "Na ja, ich rauche", woraufhin die ebenfalls anwesende Dame von der Presseabteilung resolut einwirft, Mia habe auf dem Weg zum Interview "immerhin drei Zigaretten geraucht."

Nächste Frage: Was bedeutet denn "zweifelhafte Moral"? Mia Ming: "Das ist natürlich immer die Sicht der anderen, das ist jetzt nichts, was ich über mich selbst schreiben würde." Was sie aber durchaus über sich in ihr eigenes Buch drucken lässt. Aber gut, dann soll sie halt verraten, wer sie denn eigentlich für "gefährlich" hält. Da bricht es ein, das strategische Kartenhaus. Schnell verweist die Autorin wieder an die Dame vom Verlag, die erklärt: "Diese Vita soll natürlich polemisieren. Und 'gefährlich' heißt, dass sie durch die Nächte streift, sich mit Leuten unterhält, von ihnen Geschichten erfährt und sie dann aufschreibt. Und das kann ja gefährlich werden." Klingt fast so, als hätte man sich bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo Mia Ming früher als Lektorin tätig war, in Ruhe nach der hübschesten Mitarbeiterin umgesehen, ihr ein geheimnisvolles Pseudonym verpasst und sie nun mit diesem Buch auf Pressetour geschickt.

Von Erektionsproblemen und Nachlässigkeit im Bett

Das Buch. Ja, darüber muss natürlich auch noch gesprochen werden. "'Schlechter Sex' nennt das Kind beim Namen: Die Männer sind schuld!", schreibt Mia Ming in ihrem Vorwort. Und weiter: "Sie überbieten sich gegenseitig an Inkompetenz und Unfähigkeit, besitzen weder Taktgefühl noch Einfühlungsvermögen, sind ignorant, tollpatschig, und ihre Eitelkeit kennt keine Grenzen." Mit solchen Missständen will die Autorin nun also aufräumen und lässt Frauen erzählen, welche Katastrophen sie schon im Bett erlebt haben. Laut Verlag bricht Mia Ming damit ein "Tabu", ihr sei gelungen, "was sonst niemand schafft." Die Tatsache, dass alle Geschichten anonymisiert wurden, schmälert diese Leistung nicht unwesentlich. Und als Tabubruch werden Berichte über schlechten Sex vermutlich wirklich nur noch in der rheinischen Provinz empfunden.

Genauer betrachtet sind Mia Mings Geschichten dann auch tatsächlich - kalter Kaffee. Da wird über "Todsünden des Sex" fabuliert, wenn ein Mann Erektionsprobleme hat, einen vorzeitigen Samenerguss erleidet oder nach der Hochzeit eine gewisse Nachlässigkeit entwickelt. "Verantwortungslosigkeit" lautet das harsche Urteil über Marek (43), dem es fast gelingt, bei seiner verheirateten Nachbarin Nina (40) zu landen, bis sie in letzter Minute die Notbremse zieht. Schnarch, gähn, viel Lärm um Nichts, zusammengerührte Espritlosigkeit. Was soll dieses Buch? Anturnen? Dann hätte die Autorin wohl besser daran getan, über guten Sex zu schreiben. Abturnen? Aber wer soll das dann kaufen wollen?

Filzläuse sind nichts für den sonntäglichen Kaffeeplausch

Nun, immerhin lehrreich ist Mia Mings Geschichtensammelsurium. So erfährt der Leser beispielsweise, dass billige Dessous unter dem Begriff "Unterschichtswäsche" firmieren oder dass Filzläuse keineswegs als Thema für den sonntäglichen Kaffeeplausch taugen. Das findet jedenfalls Eva (30), Grundschullehrerin aus Mainz, die sich bei einem Liebesabenteuer mit Mio (32) ein paar der possierlichen Tierchen eingefangen hat: "Auch habe ich bisher niemals jemandem erzählt, dass ich schon mal 'Sackratten' hatte. Ich habe auch noch nie jemanden kennen gelernt, der erwähnte, jemals welche gehabt zu haben. Ich glaube, so etwas gibt man normalerweise nicht zu." Ja, ja, trau, schau, wem!

Zuguterletzt wird noch auf die Gefahren von Fernreisen hingewiesen, wenn Stefanie (28) bei ihrer Ankunft in der Dominikanischen Republik einfältig feststellt: "Das Land ist doch etwas furchterregend, heiß und arm und ganz anders als Berlin" und "Ich spreche sehr schlecht Englisch und empfand es als Zumutung, ständig in dieser Sprache angesprochen zu werden. Warum lernen da eigentlich so wenige Leute Deutsch?"

Fellatio beim ersten Kino-Date

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Es sind gar nicht die Männer, die in Mia Mings Buch schlecht wegkommen. Es sind die Frauen. Naiv, blöde und ständig betrunken schleppen sie irgendwelche Kerle ab und beschweren sich hinterher über deren mangelnde Liebhaberqualitäten. Sie wundern sich, dass ein Mann, der beim ersten Date Fellatio erwartet, auch anschließend nicht gerade sensibel mit ihnen umgeht. Empören sich über Macho-Sprüche, wenn sie einem Wildfremden besoffen um den Hals fallen oder rätseln darüber, warum ein Animateur ihnen nach dem Sex nicht die große Liebe schwört, obwohl sie doch zuvor erfolglos am "Miss Punta Cana"-Bikini-Wettbewerb teilgenommen haben.

Das ist Fremdschämen auf höchstem Niveau, für Frauen dürfte Mia Mings Buch eher peinlich als amüsant sein. Aber, immerhin: Nach ihrem nächsten Projekt befragt, erzählt die Autorin, sie schreibe nun das "Jungsbuch", also das Pendant, in dem 33 Männer ihre peinlichsten Sexerlebnisse beichten. Vielleicht machen darin dann ja die Frauen eine gute Figur?

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