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Auch Klatschreporter sind Opfer

Dass nicht alle Geschichten in der "Bild" der Wahrheit entsprechen, ahnt jeder. Wie Lügen und Halbwahrheiten aber in der Praxis zustande kommen und manche Schlagzeile gezielt herbeigeführt wird, hat eine ehemalige Redakteurin des Blatts in ihrem Buch "Titten, Tiere, Tränen, Tote" niedergeschrieben.

Von Tobias Goltz

Moralisch verwerfliche und banale Themen, Intrigen, gnadenlose Chefs - nach zehn Jahren hatte Kerstin Dombrowski (35) genug und gab ihren Job als Boulevardjournalistin auf. Während ihrer Arbeit für die "Bild"-Zeitung und die TV-Magazine "Blitz" (Sat1) und "Explosiv" (RTL) hatten Sex-Umfragen im Supermarkt und Interviews mit Hinterbliebenen von Unglücksopfern zu ihrem Alltag gehört. In ihrem Buch "Titten, Tiere, Tränen, Tote - eine Boulevardjournalistin auf der Jagd" rechnet sie nun mit der Branche ab.

Kerstin Dombrowski war 22 Jahre alt und hatte gerade ihre Ausbildung zur Reiseverkehrsfrau abgeschlossen. Eine Festanstellung hatte sie abgelehnt - sie zog es vor, ein vierwöchiges Praktikum in der Berliner Lokalredaktion der "Bild"-Zeitung zu machen. Dort blieb sie schließlich ein Jahr lang und war für eine spannende Geschichte bald bereit, alles zu tun.

Im Rückblick urteilt sie scharf über sich selbst. Sie habe ihr Gehirn abgegeben, "wie ein Jünger einer Sekte". "Es ist eine Frage des Selbstwertgefühls. Ich war einfach nicht selbstbewusst genug, um auch mal nein zu sagen, wenn ich etwas nicht machen wollte. Ich hielt mich selbst für zu sensibel". Wer sich einmal im Hamsterrad des Boulevardjournalismus befinde, habe laut Dombrowski relativ schnell keinen objektiven Blick mehr auf das, was er tut. Befördert wurde dies bei der "Bild" von einer unglaublichen Gruppendynamik unter den Redakteuren. Die Kollegen pushten sich und nahmen einander moralische Bedenken.

"Wer kein Thema hatte, bekam richtig Ärger"

Auch wenn nicht alle Redakteure gleich skrupellos gewesen seien, hätten alle zusammengehalten, so Dombrowski. Nicht zuletzt auch gegenüber den Chefs, von denen sie sich permanent unter Druck gesetzt fühlte. "Zuckerbrot und Peitsche" nennt sie das dort praktizierte System. "Wenn ein Konkurrenzblatt mehr Informationen hatte, wurde man vor der ganzen Mannschaft rund gemacht. So dass man sich total schlecht gefühlt hat". Am nächsten Tag war man bemüht, es besser zu machen. Schließlich wollte man wieder zu denen gehören, die gelobt werden.

Sie erlebte, wie selbst Praktikanten rausgeschmissen wurden, wenn sie keine guten Vorschläge einbrachten. "Wer kein Thema hatte, bekam richtig Ärger", erinnert sie sich. Die Folge waren Auswirkungen selbst auf ihr Privatleben. "Es war der Wahnsinn. Ich habe an nichts anderes mehr gedacht. Es ging nur noch um die Frage: Was ist ein Thema? Was ist keins?". Da es nicht leicht war, Themen zu finden, mit denen man die Sensationsgelüste der Chefs befriedigen konnte, funktionierte die Themensuche oft nach dem Motto "Haste keins, erfinde eins". In der Not dachte man sich also ein Thema aus oder arbeitete mit Halbwahrheiten.

Die eigene Haut retten

Überraschend ist, was Kerstin Dombrowski über die Beschäftigung mit den Lesern in der "Bild"-Redaktion berichtet. Denn Gedanken darüber, was ein Artikel für eine Außenwirkung hat, macht sich dort laut Dombrowski niemand. "Es wurde nie darüber nachgedacht, wie ein Artikel bei den Lesern ankommt, ob man sie mit manchen Geschichten möglicherweise betrügt. Wir waren die meiste Zeit alle damit beschäftigt, unsere eigene Haut zu retten".

Offenbar sind Boulevardjournalisten in ihrem Beruf also nicht nur die Jäger. Es scheint, als seien sie nicht selten selbst die Gejagten. Genauso liest sich auch Dombrowskis Buch. Als ob jemand permanent auf der Flucht sei und nur ein Gedanke gelte, nämlich den Anforderungen der Vorgesetzten gerecht werden zu müssen und somit deren Ärger über eine schlechte Leistung zu entgehen. Wie ein mit dem Unterrichtsstoff überforderter Fünftklässler.

"Angst vor Sex-Attacke!"

Hin und wieder werden aus Journalisten darüber hinaus sogar zu Protagonisten der eigenen Geschichte - nämlich dann, wenn einem nichts anderes mehr einfällt. So schildert Dombrowski in ihrem Buch eine Situation, wo Prinz Charles zu Besuch in Potsdam war und die "Bild"-Zeitung unbedingt eine Geschichte dazu machen wollte. Es sollte etwas Besonderes sein, doch die zündende Idee fehlte. So wurde Dombrowski dazu auserkoren, sich Prinz Charles mit einem DIN-A3-großen Plakat mit der Aufschrift "Charles, please sign my shirt" an die Fersen zu heften, um so die Stimmung ein bisschen anzuheizen und für einen bunten Farbtupfer zu sorgen. Schon bald stand nicht mehr nur der Prinz im Mittelpunkt des Interesses der Kamerateams, sondern Kerstin Dombrowski mit ihrem recht peinlichen Versuch, ein Autogramm zu ergattern. Man wollte sie sogar interviewen.

Dombrowski war um Schadensbegrenzung bemüht und versuchte aufzuklären, dass sie nicht freiwillig gekommen war, sondern sich von ihrem Chef auf Charles-Jagd hatte schicken lassen. Trotzdem hatte auch die Polizei mittlerweile ein Auge auf sie geworfen. Als Dombrowski an den Ort kam, wo Prinz Charles seinen zweiten öffentlichen Auftritt haben sollte, wartete bereits eine ganze Polizeieinheit auf sie, weil man glaubte, dass sie sich vor dem Prinzen ausziehen wolle. Von den Polizisten wurde Dombrowski eingeschüchtert, fühlte sich wie ein Sexualstraftäter. Auch wenn sie den Ort des Geschehens peinlich berührt verließ, war die perfekte Schlagzeile für den nächsten Tag gefunden: "Prinz Charles - Angst vor Sex-Attacke".

Mit der Kenntnis derartiger Insiderberichte sieht man einzelne "Bild"-Geschichten plötzlich mit einem ganz anderen Auge. Der Verdacht liegt nahe, dass nicht wenige Schlagzeilen auf die fragwürdigen inszenatorischen Fähigkeiten der "Bild"-Macher zurückzuführen sind.

Einmal wurde sogar eine zehn Jahre alte "Bild"-Geschichte ausgekramt und man ließ eine Frau ihre Leidensgeschichte einfach noch einmal erzählen. Mit neuen Fotos war die gleiche Geschichte zehn Jahre später ein zweites Mal im Blatt.

"Es war oft so, dass man Themen anbot, die noch nicht recherchiert waren. Später musste man die Geschichte dem Themenvorschlag angleichen", so Dombrowski. Auch wenn man merkte, dass man keine entsprechenden Protagonisten fand und die Geschichte nicht so erzählen konnte, wie sie ursprünglich gedacht war. "Dann musste man es so hinbiegen, dass es irgendwie noch passte", sagt Dombrowski. Schließlich sei es egal gewesen, ob etwas nicht ganz stimmte - "Hauptsache es war nicht ganz falsch".

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