Hat Hemingway damit auf ganzer Linie gesiegt? Der Schriftsteller Matthias Politycki sieht den Einfluss Hemingways auf die junge Autorengeneration durchaus kritisch, wie er im Gespräch mit stern.de sagt. Er selbst hat Hemingway zwar auch schon als 20-Jähriger gelesen, aber erst vor einigen Jahren für sich entdeckt: "'Der alte Mann und das Meer' hat mich dann regelrecht umgehauen; 'Wem die Stunde schlägt' erst Recht." Das Werk des Lyrikers, Essayisten und Romanciers ("Weiberroman", "Herr der Hörner") zeichnete sich lange Zeit durch sprachliche Experimentierfreude und komplexe Satzstrukturen aus. "Durch Hemingway habe ich die Freude am Einfachen entdeckt, den Schwung und die Kraft der Reduktion", sagt Politycki. Als Vorbild tauge Hemingway seiner Meinung nach aber nur, wenn man als Schriftsteller nicht ohnehin schon auf einfache Satzstrukturen und Kurzsatzstil gepolt sei.
Dass eine unreflektierte Übernahme des Hemingway'schen Stils schnell in die Selbstparodie abrutscht, sieht man in den USA: Dort gibt es seit vielen Jahren - sehr erfolgreich - die International Imitation Hemingway Competition, bei dem der beste Hemingway-Imitator gesucht wird.
Doch warum ist uns dann der Mensch so fremd? Es ist vor allem das Prahlerische an Hemingways Person, das ihn heute für viele so ungenießbar macht. Wenn es darum ging, sich zu inszenieren und über sein Leben zu erzählen, kannte Hemingway kein Maß. Zwar hat Hemingway vieles von dem, worüber er schrieb, selbst erlebt, bereiste die Kontinente, verletzte sich sogar im Ersten Weltkrieg, ließ sich zum Stierkämpfer ausbilden, ging fischen und boxte. Manchmal trug er jedoch bei den Erzählungen seiner Erlebnisse zu dick auf: Er habe in beiden Weltkriegen 122 deutsche Soldaten getötet, "122 Krauts", und einen Kriegsgefangenen mit mehreren Schüssen erledigt. Da hatte Hemingway den Bogen etwas überspannt: Er sah sich dem Verdacht ausgesetzt, Kriegsverbrechen begangen zu haben und musste sich einer Befragung durch eine Kommission stellen. Die entlastete ihn dann.
Dieses Prahlerische, das einen heute befremden mag, geht seiner Literatur komplett ab, wie ein Beispiel exemplarisch zeigt. Die grausame Vertreibung der Griechen aus Smyrna durch die Türken 1922 beschreibt Hemingway so:
"Als sie [die Griechen] evakuiert wurden, hatten sie noch all ihre Lasttiere, die sie nicht mitnehmen konnten, und so brachen sie ihnen einfach die Vorderbeine und schubsten sie in das flache Wasser."
Knapper und unaufgeregter kann man das Elend von Vertreibung auf den Punkt bringen. Wie anders dagegen die Flut von zweitklassigen Thriller-Autoren, die unsere Buchläden bevölkern: Dort spritzt das Blut hektoliter-weise, werden Körperteile amputiert, Knochen gebrochen. Dass das alles gar nicht nötig ist, zeigt Hemingway in seinen Büchern immer wieder aufs Neue.
Doch die von ihm selbst immer wieder inszenierte Legende vom großen Jäger, Trinker und Liebhaber - Hemingway war vier Mal verheiratet - droht heute sein Werk zu überlagern. Und auch die Themen, die ihn umtrieben, sind heute nicht mehr gefragt: Der einsame Mann, der in die Wildnis zieht um zu töten oder selbst getötet zu werden - das scheint in Zeiten von Vätermonaten, Frauenquote und political correctness nicht mehr gefragt.
Doch es ist nicht nur sein Stil, der heute noch beispielhaft ist. Dass dort ein Mann war, der für seine Geschichten rausging und keine Gefahren scheute - das zeichnet ihn noch heute aus. Er war ein Schriftsteller, der ein Leben lang den wahren Satz suchte. Als er glaubte, ihn nicht mehr zu finden, jagte er sich am 2. Juli 1961 eine Kugel in den Kopf. Er war 61 Jahre alt. Er hatte ein pralles Leben gelebt.