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15. September 2007, 09:53 Uhr

Die Fürstin der Finsternis findet zum Licht

Früher waren philosophierende Vampire Ausdruck ihrer "Suche nach Erlösung". Inzwischen hat Anne Rice ihr Gleichgewicht gefunden© Evan Hurd

Allein dieser Coup der Meisterin haarsträubender Plotwenden ist schon erstaunlich genug. Doch die größte Überraschung ist Rices radikaler Stilwandel. Nicht nur die Christin, auch die Schriftstellerin Anne Rice wurde neu geboren. Die Königin des überfrachteten Vampir-Kitsches hat einen Jesus-Roman in klassischem Duktus geschrieben. "Jesus Christus" erzählt die Jugend des Messias aus der Ich-Perspektive des Siebenjährigen. Kenntnisreich rekonstruiert Rice das Alltagsleben in Israel vor 2000 Jahren und berichtet nüchtern, wie ein Knabe von seiner überirdischen Macht erfährt. Von allmächtigen Helden kann sie nicht lassen. Brauchen wir Helden? "Oh ja! Das Leben schenkt uns Gelegenheiten für heroische Kämpfe. Wir werden geprüft. Nur die heroische Art, darauf zu antworten, ist die richtige." An normalen Menschen hat sie kein Interesse. "Um die kann sich John Updike kümmern." Bei allem Heroismus verzichtet sie heute auf Effekthascherei. Die Heilige Familie verheimlicht ihrem jüngsten Spross seine göttliche Herkunft, um ihn zu schützen. Der Roman kreist um dieses Geheimnis, das Jesus langsam enthüllt. Rice kennt sich aus mit Familiengeheimnissen.

"Hier sieht es wirklich aus wie im Jordantal"

Erst spät erzählte sie ihrem Sohn von seiner Schwester, die noch vor seiner Geburt starb. Hat ihr die Erinnerung an dieses Geheimnis beim Schreiben geholfen? "Sicherlich. Außerdem zehre ich von den Geheimnissen meiner Kindheit. Meine Mutter war Alkoholikerin. Noch ein Geheimnis." In einfachen Sätzen erzählt Rice eine der außerordentlichsten Geschichten der Weltliteratur neu. Es scheint, als passte sich ihr Stil immer den Kulissen ihrer Romane an: Im schwülen New Orleans trieb ihre Vampir-Prosa tropische Blüten, während ihr neuer, karger Stil sich wie ausgedörrt von der Wüste des Heiligen Landes vor dem Leser ausbreitet. So ist es nur schlüssig, dass sich die Schriftstellerin eine Landschaft zur Heimat gewählt hat, die zu ihrem biblischen Sujet so gut passt wie New Orleans zu ihren Vampir-Romanen. Nur wenige Meilen nordwestlich von Palm Springs strecken Tausende von Josuabäumen ihre verrenkten Kakteenarme wie im Gebet gen die glühende Sonne. "Hier sieht es wirklich aus wie im Jordantal."

Fühlt sie sich als Wüsteneremitin in ihrem Bungalow? "Ja. Dies hier ist eine Art voll klimatisiertes Kloster." In New Orleans führte sie ein extravagantes Leben. Heute geht sie kaum aus. Eigentlich nur zur Sonntagsmesse. Während des Gesprächs steht hin und wieder schwirrend ein Kolibri draußen vor der Panoramascheibe des Büros, bevor er abdreht und sich vom Nektar eines Engelstrompetenbaums im Garten nährt. Das Leben ist draußen. Hier drinnen wird studiert. Versonnen wie eine Äbtissin huscht Rice durch ihr Haus. Ihre Schritte hört man ebenso wenig auf den glänzenden Marmorplatten wie auf dem tiefen, in den Boden eingelassenen Teppich. So leicht schwebt sie über ihre Terrasse, dass man nicht erstaunt wäre, würde sie über das Himmelblau ihres Pools wandeln. Man traut es ihr jedenfalls eher zu als einen Kopfsprung ins Wasser. Still ist es auf diesem Anwesen. Das Essen wird der Hausherrin lautlos unter Silberhauben serviert. Sanftes Millionärsleben. Im Bungalow gegenüber lebte Frank Sinatra. "Steht dieses Reichenghetto nicht im Kontrast zu Ihrer Hingabe an den Gott der Armen?" "Das stimmt. Das Evangelium sagt: "Gib alles hinweg, was du hast, und folge mir." Aber ich habe Angst davor. Ich habe Angst, dann nicht mehr schreiben zu können."

Rice hat ein Anti-"Sakrileg" geschrieben

Wie viel wird Rice ihrem Glauben opfern? Wird sie die schwüle Sinnlichkeit ihrer Vampir-Romane aufgeben? Oder wird sie in den folgenden Bänden die Sexualität des heranwachsenden Messias zeigen? "Als orthodoxe Katholikin glaube ich, dass Jesus ein sündenfreies Leben führte. Besonders im Lichte des "Sakrileg"-Phänomens war es mir wichtig zu zeigen, dass ein solches Leben möglich war." Rice hat ein Anti-"Sakrileg" geschrieben. Eine treuere Jüngerin wird der Papst nicht finden. Die Schriftstellerin, die unter den Pseudonymen Anne Rampling und A. N. Roquelaure auch sadomasochistische Romane geschrieben hat, scheint sich Enthaltsamkeit in ihrem Kloster auferlegt zu haben. Hat sie ein Alter erreicht, in dem sie über Sex steht? Sie seufzt: "Leider nicht." Dabei wirft einem diese millionenschwere kalifornische Wüstennonne einen langen, schwarzen Blick zu, der zu sagen scheint: Irgendwer muss schließlich die Sünden begehen, von denen uns der Heiland reinwaschen soll.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 37/2007

Von Stephan Maus
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