
Geisterstunde
Wenn die Toten die Lebenden ärgern
Zuerst denkt man: Kenn' ich schon. Weiß doch, wie schrecklich das ist, wenn fünf Jugendliche in einen Baum rasen. Ahne, wie die Familien leiden und die beiden Überlebenden des Unfalls auch. Und der Polizist, der als Erster am Unfallort war, und der Lehrer der High School.
Kenn' ich schon, denkt man, habe ich schon mal im Fernsehen gesehen. Aber Stewart O'Nan ist eben ein Meister, und sein Roman über den psychologischen Fallout eines alltäglichen Unfalls ist viel mehr als nur ein trauriges Rührstück. O'Nan hat über den Eintritt des Bösen ins unbefleckte amerikanische Leben geschrieben, als Bühne dient ihm dabei sein verschlafener Wohnort Avon im feinen New England. Und O'Nan, glühender Verehrer von Stephen King, hat sich einen genialen Erzähler-Trick ausgedacht: Er wechselt immer wieder zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden. Die Geister verfolgen die Überlebenden, die aber auch ein bisschen tot sind. Fazit: Wie alles von O'Nan - tief beeindruckend.
Stewart O'Nan: "Halloween", Rowohlt, 256 Seiten, 19,90 Euro