
Klaus Wowereit träumt von der nationalen und internationalen Kulturhochburg Berlin© Gerit Borth/DDP
Kein Wunder, dass auch Ulla Berkéwicz, die Chefin des Suhrkamp-Verlages, sich locken ließ. "Lady Lenin" war der scherzhafte Name der streng geheimen, zwei Jahre währenden Verhandlungen über die Umzugs-Bedingungen des traditionsreichen Frankfurter Buchunternehmens. Diesmal war Harald Wolf federführend. Berkéwicz und Wolf stammen beide aus Hessen und lebten in den siebziger Jahren in Berlin. Sie im Osten als Dramaturgin, er im Westen als Gründer der trotzkistischen Zeitschrift "Commune". Sowas verbindet. Getroffen haben sie sich damals nicht, "jedenfalls nicht wissentlich", sagt Wolf. Erst jetzt fanden sie zueinander und zettelten gemeinsam die Verschwörung gegen Frankfurt an. Ganz heimlich, still und leise. Wolf: "Das war Chefsache. Wir mussten sehr diskret sein, denn so was kann schnell zerredet werden."
Nicht immer geht es so diskret zu. Manchmal wirbt Berlin auch offensiv. In London gab Wowereit 2008 ein "Business Dinner" für Kreative, um ihnen die Vorteile eines Umzuges nach Berlin schmackhaft zu machen. In Moskau lud er Teilnehmer einer Logistik-Messe ins Kempinski zum Investorenseminar. In San Diego gab es eine "Berlin Night" zur Solar-Messe.
Ein richtig großer Fang wäre die Deutsche Presseagentur (DPA). Auch sie erwägt den Umzug zumindest einiger Ressorts von Hamburg nach Berlin. "Berliner Mittel, die jedem zur Verfügung stehen, nehmen wir gern in Anspruch", sagt DPA-Sprecher Justus Demmer. In drei Monaten sollen Gremien und Aufsichtsrat abstimmen. "Klaus Wowereit ist informiert, alles andere blocken wir ab." Dennoch "kommen ungefragt Angebote für tolle Grundstücke", so Demmer.
"Wir kaufen keine Unternehmen", versichert hingegen Christoph Lang von "Berlin Partner". Lieber hört er die Wörter Unterstützung und Förderung. Universal etwa, die schon 2001 aus Hamburg nach Berlin kamen, erhielten zehn Millionen Euro. Sat.1, die inzwischen wieder weg sind, 33 Millionen.
Geld zieht auch die Filmindustrie an. Internationale Filmproduktionen wie "Operation Walküre" mit Tom Cruise oder der oskarprämierte Film "Der Vorleser" mit Kate Winslet wurden in Berlin gedreht. Im Gegenzug flossen Millionen vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Deutschen Filmförderfonds (DFF). Auch Tom Tykwer kam und drehte seinen Film "The International". Als Dankeschön kassierte er 5,8 Millionen Euro Fördergelder. Die anderen deutschen Städte hat Berlin im Filmbusiness bereits abgehängt. Kaum eine Kinopremiere findet noch außerhalb der Spreemetropole statt.
Bei der Modemesse Bread & Butter war eine grandiose Immobilie das schlagende Argument für den Umzug: der Flughafen Tempelhof. Als Klaus Wowereit den extravaganten Dreißiger-Jahre-Bau als Event-Location anbot, war schnell alles klar. "Bread & Butter und Berlin, das ist wie Adam und Eva, die gehören zusammen", verkündete Gründer und Messechef Karl-Heinz Müller nach dem Coup. Die Streetwear-Messe ist ohnehin ein Lieblingskind Wowereits, weil sie cool ist und Festivalcharakter hat. 2005 hatte Wowereit die Messe zu seinem Leidwesen an Barcelona verloren, wo sie 60.000 Besucher anlockte und der Stadt 80 Millionen Euro einbrachte. Dass er sie jetzt wieder zurückgewinnen konnte, ist ein Geniestreich, für den Wowereit sogar in Kauf nahm, andere Tempelhof-Interessenten wie die Filmstudios Babelsberg vor den Kopf zu stoßen.
Übrigens: Auch hier liefen die Verhandlungen von Chef zu Chef, geheim und ohne Abstimmungen. "Stille Diplomatie" nennt man sowas wohl. Wowereit mag das sehr.