
Performerin Annie Sprinkle lässt 1991 in Berlin tief blicken© Ghost/Action Press
Warum ist das Buch so erfolgreich? Das fragt sich nicht nur der Literaturbetrieb, sondern auch Charlotte Roche selbst. An der Aufmerksamkeit der Medien kann es nicht allein liegen - die hatte Joschka Fischer auch. Die Rezensionen des Feuilletons lassen sich mit "phänomenologisch gelungen, literarisch schlecht" zusammenfassen. Zu schlicht sei die Prosa, zu eintönig das Geplapper der Erzählerin. Und was denken die großen Damen der Literaturkritik? "Ich habe es nicht gelesen und kann dazu nichts sagen", sagt Elke Heidenreich. Bei Sigrid Löffler gehört "Feuchtgebiete" ebenfalls nicht zum Literatur-Pensum. Daran ließe sich aber nichts ablesen, fügt sie hinzu. Nicht? Da schreibt endlich mal eine Frau den Bestseller der Saison - noch dazu mit einem deutschen Debütroman -, und die Großkritikerinnen lesen es noch nicht mal? Ignorante Schwestern. Oder altfeministische Prüderie?
Dass Sex Bücher verkauft, erleben wir jedes Jahr, wenn der Sommer uns "erotische Urlaubsschmöker" beschert. Meistens kommen sie aus Italien oder Frankreich und haben Titel wie "Hure", "Zähme mich" oder "Tagebuch einer Nymphomanin". Charlotte Roches Roman ist von dieser Seidenbettwäsche-Erotik jedoch so weit entfernt wie Schiessers Feinripp von Victoria's Secret. Auch mit brachialen Sexbestsellern wie "Baise-moi" ("Fick mic") von Virginie Despentes oder Catherine Millets Bekenntnisroman "Das sexuelle Leben der Catherine M." hat Roches hämorrhoidenkranke Helen nicht viel zu tun. Ihr Sex ist nie brutal. "Ich möchte ja nicht vom Sex abstoßen, sondern dazu einladen", erklärt die Autorin bei ihrer Lesung. Und darum schreibt sie auch nicht "Möse" oder "Fotze". Sondern immer nur "Muschi".
Vielleicht ist sie auch deshalb so erfolgreich, weil sie so authentisch wirkt. Da ist keine Fassade, die auf der Bühne plötzlich einstürzt. Keine Bemerkung, die sie aus dem Tritt bringen könnte. Sie reagiert schlagfertig, witzig und charmant. "Ich hoffe, meine Tochter liest dieses Buch nie", sagt sie. "Die wird bestimmt irgendwann wahnsinnig sauer auf mich sein. Deswegen spare ich das ganze Geld von dem Buch für sie auf." Ihren Eltern habe sie verboten, das Buch zu lesen. Mit Mama und Papa über Sex reden - das geht gar nicht, macht Roche klar. Über Biologie, ja, aber bitte nicht über Fantasien und Techniken! Und wieder spricht sie ihren Zuhörern aus der Seele.
Roches Romanfigur leistet Aufklärungsarbeit: Jugend erforscht. Den Körper, mit all seinen Gerüchen, Öffnungen und Sekreten. Ja, das ist bisweilen pathologisch - nicht ohne Grund spielt das Buch im Krankenhaus - und phasenweise eklig. So wie an dieser Stelle: "Ich mache schon lange Experimente mit nicht gewaschener Muschi. Mein Ziel ist, dass es leicht und betörend aus der Hose riecht, auch durch dicke Jeans oder Skihosen."
Ein Satz, der vor allem Männer erfreut - könnte man denken. Aber auf der Lesung lachen die Frauen am lautesten. Die Männer staunen. Und wundern sich. Kann es sein, dass Frauen unter sich ganz anders über Sex reden? Dass da ausgesprochen wird, was Männer sich noch nicht mal an der Pinkelrinne zuraunen? Und nun endlich mal eine den Vorhang lüftet? "Mein Mitbewohner musste das Buch nach 30 Seiten weglegen", sagt Benjamin, 29. "Er meinte, er sei wohl zu prüde." Stephanie, 21, findet es gerade gut, dass eine Frau so "drastisch" über Sex schreibt.
Offenbar ist es im Jahr 2008 immer noch so aufregend, so provokant, so "Rock'n'Roll", dass eine Frau die Dinge beim Namen nennt. Dass sie über Analsex schreibt, über "Muschigeruch" und Achselhaare. Wenn dem Publikum der Atem stockt, legt Charlotte Roche erst richtig los. Mit hochgeschlossener Bluse und wippendem Pferdeschwanz sitzt sie am Pult, grinst, klimpert mit den Augen und lässt ihre Protagonistin fröhlich über "untenrum" und "hintenrum" plaudern. Helen, so viel ist klar, hat eine Menge Spaß mit ihrem Körper. Und Roche möchte diesen Spaß weitergeben. Ihre Protagonistin probiert alles aus, was allgemein als "unweiblich" gilt: Sie duscht nicht nach dem Sex. Sie schneidet sich Löcher in die Unterhose, damit die Jungs gleich wissen, wo's lang geht. Und sie tupft sich lieber Körpersekrete statt Parfüm hinters Ohr.
Wenn sie das vorliest, muss Roche selber lachen - "o Mann, ich möchte echt nicht bei mir im Publikum sitzen! Wir haltet ihr das eigentlich aus?" -, aber wenn es um technische Tipps zur Selbstbefriedigung geht ("Der Duschkopf ist mein bester Freund"), werden einige Jungs im Publikum plötzlich sehr aufmerksam. Man kann ja immer noch was lernen.
"Für mich ist Charlotte Roche eine moderne Feministin im besten Sinne", sagt Andreas Kraß, Professor für Literatur und Queer Studies. "Der heterosexuelle Mann wird mal ordentlich erschreckt. Da ergreift eine junge Frau das Wort, und zwar so, dass es ihm die Sprache verschlägt. Gut so!"
Offenbar entdecken Frauen gerade jenen offensiven, sexuellen Feminismus wieder, der sonst in der Subkultur zu finden ist. Bands wie "Peaches" oder "Chicks on Speed" arbeiten seit Jahren mit Umschnall- Dildos und harter Sprache, um Sexis- mus und Geschlechterklischees zu karikieren. Ganz ähnlich also wie Reyhan S¸ ahin, alias Lady Bitch Ray (siehe Kasten "Mehr zum Thema"): Das rappende Gesamtkunstwerk aus Bremen ging vergangene Woche mit "Schmidt und Pocher" auf Kollisionskurs - und gab ihnen eine Kostprobe ihres "Vagina-Styles". Ihre Strategie: die Bedeutung von Schimpfwörtern ins Positive wenden. "Bitch" - also Hure - ist für sie die höchste Auszeichnung. Und "Fotze" etwas, worauf man stolz sein sollte.
Laut, selbstbewusst, herausfordernd. So offensiv geben sich nur wenige der jungen Autorinnen. Sie veröffentlichen lieber Sachbücher wie "Neue deutsche Mädchen" (Rowohlt), "Wir Alpha-Mädchen" (Hoffmann und Campe) und "Weißbuch Frauen, Schwarzbuch Männer" (Deuticke). Oder die Textsammlung "Hot Topic" von Sonja Eismann (Ventil Verlag), die sich vor allem mit feministischen Strömungen in der Popkultur beschäftigt. Neu sind allerdings weniger die Themen dieser Bücher. Neu ist auch hier die Sprache: direkt, unakademisch, subjektiv, manchmal kindlich.
Genervt von "Herdprämien", wütend über ungerechte Einkommensverteilung oder schlicht empört darüber, dass Frauen Kinderunterbringung und Familie offenbar auch bis auf Weiteres allein organisieren sollen, arbeitet es gewaltig in den Köpfen der Frauen um die 30.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2008