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2. Januar 2009, 06:54 Uhr

Von Muschis und Multis

Was halten Sie denn grundsätzlich von Spenden, zum Beispiel für Afrika?

Kurzfristig ist das natürlich notwendig. Aber das Problem ist, dass Spenden immer auch Abhängigkeiten erzeugen. Und es fließt wesentlich mehr Geld aus Afrika in die Industrieländer als umgekehrt: Durch die Rückzahlung von Schulden, durch den Import von billigen Rohstoffen und Dienstleistungen beispielsweise. Die Entwicklungsländer zahlen rund 1500 Milliarden US-Dollar pro Jahr an die Industrienationen, während umgekehrt die offizielle Entwicklungshilfe an sie lediglich rund 100 Milliarden beträgt. Würde man das stoppen, ginge es vielen dieser Länder wesentlich besser. Jedes Land der Erde - außer Kleinststaaten wie der Vatikan - könnte seine eigene Bevölkerung ernähren. Die meisten afrikanischen Länder haben sogar wesentlich mehr natürliche Ressourcen als z.B. Deutschland. Das Problem ist die gerechte Verteilung dieser Reichtümer innerhalb der Länder. Das wäre anders, wenn die westlichen Industrienationen aufhören würden, Korruption zugunsten ihrer eigenen Wirtschaftsinteressen zu fördern.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, um die Welt besser oder erträglicher zu machen, was wäre das?

Dass jeder seine persönlichen und beruflichen Möglichkeiten nutzt, um aktiv an der Gestaltung der Welt teilzunehmen. Das geht nur, wenn wir an unsere eigenen Träume glauben, anstatt die Erwartungen anderer zu erfüllen. In der Schule, durch die Werbeindustrie und die Konkurrenzgesellschaft lernen wir Wettbewerbsfähigkeit, Konsumwahn und Ellbogenqualitäten statt Teilen und Mitgefühl. Mädchen sollen aussehen wie Barbie-Puppen, Jungs sollen noch immer vor allem ökonomisch erfolgreich sein. Glücklich macht das niemanden, es erzeugt nur scheinbare Gewinner und vor allem das Gefühl, ein Loser zu sein wenn man es in diesem System nicht "schafft". Wenn wir wieder mehr miteinander reden und uns über die Hintergründe von Missständen informieren, werden wir merken, dass Solidarität und Zivilcourage glücklicher machen als "Geiz ist geil".

Charlotte Roche, Feuchtgebiete, Klaus Werner-Lobo

Klaus Werner-Lobo, 1967 in Salzburg geboren, lebt derzeit als Autor in Wien© Paul Sturm

Was sind denn Ihre eigenen Träume?

Ich möchte vor allem frei sein, frei von Unterdrückung, aber auch von angelernten, inneren Zwängen. Ich hasse Unfreiheit, und deswegen kämpfe ich auch dafür, dass andere Menschen frei sein können. Damit meine ich, dass die Mehrheit der Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrem mangelnden Zugang zu ökonomischen Ressourcen nicht selbst entscheiden können, wo oder wie sie leben wollen. Aber auch die Unfreiheit, die dadurch entsteht, dass wir gelernt haben, uns an die Erwartungen anderer, unserer Eltern, unserer Lehrer oder des Wirtschaftssystems anzupassen. Wir wollen ja alle vor allem lieben und geliebt werden, oder? Wenn uns das bewusst ist, brauchen wir dafür keine sinnlosen Produkte kaufen oder uns an Stars und Mächtige anzuklammern, um uns selbst akzeptiert zu fühlen. Sie, Frau Roche, sind ja das beste Beispiel dafür, dass jemand, der einfach selbstbewusst und frech ist, auch in unserer Gesellschaft erfolgreich sein kann.

Beim Lesen Ihres Buches kriegt man ehrlich gesagt ganz schön schlechte Laune. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie sich täglich mit Themen wie Ausbeutung, Krieg und Hunger beschäftigen?

Ich glaube, ich wäre viel schlechter gelaunt, wenn ich Mehrheit der Weltbevölkerung im Elend lebt, aber ich kümmere mich nur um so nutzlose Dinge wie die Funktionen des neuesten Handys. Schauen Sie sich doch die Leute in den reichen Ländern an: Da gibt's eh genug schlechte Laune. Und eigentlich ist nur dort, wo sich Menschen noch umeinander kümmern, die Stimmung richtig gut. Ich habe vier Jahr in Brasilien gelebt und war in vielen afrikanischen Ländern: Die meisten von denen, die zumindest genug zum Essen haben - und das ist dort leider eine Minderheit - wenden ihre Energie hauptsächlich dafür auf, miteinander zu feiern, zu lachen und vor allem zu teilen. Das ist vielleicht die Essenz des Glücks, da könnten wir viel davon lernen.

Sie haben bei Ihren Recherchen auch verdeckt ermittelt. Was haben Sie herausgefunden?

Die UNO hat im Jahr 2001 festgestellt, dass der größte Krieg in der Welt seit 1945, der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo, vor allem wegen des Handels mit einem Rohstoff namens Tantal geführt wird. Das ist ein wertvolles Metall, das unter anderem für Mobiltelefone benötigt wird. Der größte Hersteller dieses Metalls war damals eine Tochterfirma des deutschen Bayer-Konzerns. Und dort wollte mir niemand verraten, woher sie das haben. Also bin ich in die Rolle eines korrupten Rohstoffhändlers geschlüpft und habe denen das Material angeboten, um nachweisen zu können, dass der Konzern jahrelang den Krieg im Kongo mitfinanziert hat. Bayer hat das anfangs bestritten, aber meine Recherchen wurden dann auch durch die UNO bestätigt.

Gibt es etwas, das Sie besonders wütend macht?

Ja, der Zynismus der Mächtigen. Die Deutsche Bank wirbt zum Beispiel für Aktienspekulationen auf die Nahrungsmittelkrise. Da heißt es auf der Homepage des Bankenfonds DWS: "Die Weltbevölkerung wächst stetig, die landwirtschaftlichen Nutzflächen schrumpfen und Ernteausfälle häufen sich. Diese Herausforderung ruft der Agrarwirtschaft viel Innovationskraft ab, von der auch der DWS Invest Global Agribusiness profitieren kann." Das muss man sich mal vorstellen: Übersetzt heißt das, dass wir damit Geld verdienen sollen, dass andere hungern.

Hat Sie eigentlich eine der von Ihnen genannten Firmen mal verklagt? Ein gutes Image ist für Markenfirmen doch so ziemlich alles.

Deswegen nenne ich diese Konzerne ja auch das "gut organisierte Verbrechen". Die sind so gut organisiert, dass fast alles, was sie tun, legal ist, weil sie großen Einfluss auf unsere Regierungen haben. Aber sie wissen auch, dass meine Vorwürfe stimmen. Und dass sie bei einem Prozess damit rechnen müssten, sich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stellen. Die schweigen das Problem lieber tot, das ist aus ihrer Sicht auch gescheiter.

Haben Sie manchmal Angst davor, wegen Ihrer Arbeit persönlich bedroht oder angegriffen zu werden?

Die Gefahr würde eher drohen, wenn ich kleine Fische kritisieren würde. Die Großen sind professionell genug zu wissen, dass es die Auflage meines Buches steigern würde, wenn mir was passiert. Das schützt.

Interview: Charlotte Roche

Seite 1: Von Muschis und Multis
Seite 2: Was halten Sie denn grundsätzlich von Spenden, zum Beispiel für Afrika?
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
vegefranz (02.01.2009, 15:05 Uhr)
Da waren ja die richtigen Hirnakrobaten zusammen
Allerdings weiss man jetzt: die Welt ist schlecht!
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