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18. Februar 2004, 16:51 Uhr

Jesus war auch nur ein Mann

Weint sie um den Liebhaber? ("Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi", Arnold Böcklin, 1867)© AKG

Wie es sich für gefährliches Geheimwissen gehört, haben seine Hüter es verschlüsselt und versteckt, verkleidet und vergraben. Es bedarf daher dreier eminenter Geister - Langdon, Teabing, Sophie -, um nach einer kabbalistischen Schnitzeljagd durch halb Frankreich und Großbritannien sowie durch die esoterischen Lehren der Antike und des Mittelalters endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Der Autor dieses Religions-Krimis, der schon mit seinem Geheimbund-Thriller "Illuminati" fast ein Jahr lang in der stern-Bestseller-Liste war, sieht gar nicht nach einem Liebhaber unsichtbarer Tinten, prähistorischer Fruchtbarkeitsrituale oder raunender Zahlenmystik aus. Dan Brown läuft oft und gern Schlittschuh, hat beim Tennis Probleme mit der Rückhand und schreibt nicht zur Geisterstunde, sondern am liebsten am frühen Morgen ab fünf Uhr. Dazu fährt der 37-Jährige von seinem Haus an der Küste von New England zehn Meilen zu einer nüchternen Dichterklause im Nachbarort. Kein Telefon, kein E-Mail-Anschluss, keine Ablenkung. Dafür diszipliniert sechs bis sieben Stunden am Computer, wo ihm die Texte nicht genialisch herausrutschen, sondern Tag für Tag mühsam erkämpft werden: "Ich schreibe für jede Seite, die gedruckt wird, zehn andere, die ich wieder wegschmeiße."

Bereits der kleine Dan war Rätseln und Geheimnissen zugetan. "Mein Vater ist Mathematikprofessor. Bei uns lagen an Weihnachten die Geschenke nicht einfach unter dem Christbaum. Sie waren versteckt. Vater verschlüsselte den Fundort in Bilder- oder Zahlenrätseln, die mussten wir knacken." Nach dem College studierte Brown zwei Jahre Kunstgeschichte in Sevilla: "Mich faszinierte immer, wie viele Informationen Künstler in ihren Werken versteckt weitergaben. Zur Zeit der Renaissance etwa konnte man nicht einfach laut verkünden, was man glaubte. Sonst endete man sehr leicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen." Browns historisch durchtränkter Thriller wurde inzwischen in 40 Länder verkauft. Die "New York Times" lobte ihn als "anregend, geistvoll und spannend". Der Londoner "Guardian" hingegen verriss das Buch als "ein paar hundert Seiten von ärgerlich fesselndem Quatsch". Und die katholische Kirche ist natürlich entrüstet. "Browns Buch gibt fälschlich vor, wissenschaftlich korrekt zu sein, und infiziert so die Leser mit heftiger Feindseligkeit gegen die katholische Lehre", klagt die Kirchenzeitschrift "Crisis".

"Alle in diesem Roman erwähnten Dokumente sind wirklichkeits- und wahrheitsgetreu wiedergegeben", versichert der Autor auf den ersten Seiten von "Sakrileg". Das stimmt. Doch über die Glaubwürdigkeit der zitierten Quellen sagt dieser Satz noch nichts aus (auch der stern hat 1983 die Hitler-Tagebücher korrekt wiedergegeben; nur echt waren sie nicht). Und offen bleibt, wie freizügig Brown mit den "wirklichkeitsgetreuen Dokumenten" umgeht. "Er hat einfach ein paar Samenkörner historischer Wahrheit genommen und aus ihnen dann fantastische Blüten treiben lassen", urteilt der US-Religionshistoriker Christopher Bellitto.

Nehmen wir als Beispiel Maria Magdalena. Tatsächlich gibt es Texte aus frühchristlicher Zeit, in denen die reuige Sünderin nicht als eine von mehreren Frauen im Gefolge des Heilands, sondern als dessen engste "Gefährtin" dargestellt wird. Diese Texte nennt man "apokryphe" - verborgene - Bücher oder kurz Apokryphen. Einige dieser Schriften wurden erst im vergangenen Jahrhundert wieder entdeckt. Der wichtigste Fund waren 13 Pergamentrollen in einem Tonkrug, die 1945 in Oberägypten gefunden wurden.

Diese Rollen enthielten unter anderem bis dahin unbekannte Berichte über das Leben Jesu in koptischer Sprache und reichen mit großer Wahrscheinlichkeit bis ins zweite Jahrhundert nach Christus zurück. In einer dieser Apokryphen, dem so genannten Philippus-Evangelium, heißt es: "Die Gefährtin Christi ist Maria, die aus Magdala. Der Herr liebte Maria mehr als alle Jünger, und er küsste sie häufig auf den Mund. Als die Jünger das sahen, sagten sie ihm: "Warum liebst du sie mehr als uns alle?"" Ein anderes Textfragment spricht sogar direkt von geschlechtlicher Vereinigung der beiden. Dan Brown leitet daraus ab, Maria Magdalena sei die Ehefrau Christi gewesen und das Paar habe Kinder gehabt, einfach, weil ein 30-jähriger Mann in der jüdischen Gesellschaft von damals verheiratet zu sein und Nachwuchs zu haben hatte.

In mehreren Apokryphen wird Maria Magdalena als bevorzugte Gesprächspartnerin und rechte Hand von Jesus gezeichnet: Sie stellt die meisten Fragen, sie wird vom Heiland immer wieder vor allen anderen gelobt, sie verteilt nach seinem Tod die Missionsgebiete unter den Jüngern. Brown: "Jesus war sozusagen der erste Feminist. Nach Aussage jener alten unverfälschten Evangelien hat Christus nicht Petrus zum Sachwalter seiner Kirche eingesetzt, sondern Maria Magdalena." Doch nach der Lehrmeinung war und ist Petrus der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte. Nieder also mit Maria Magdalena! "Zur Abwehr der nachhaltigen Bedrohung stellte die Kirche Maria Magdalena beharrlich als Dirne dar und vernichtete sämtliche Dokumente, die sie als Gattin Christi ausweisen konnten", sagt der Privatgelehrte Teabing im Roman.

Na ja. Tatsächlich ist selbst in den vier anerkannten Evangelien nirgendwo davon die Rede, dass Maria Magdalena eine Hure war. Dort wird nur von einer namenlosen Sünderin gesprochen, die Jesus mit ihren Tränen die Füße wäscht und dann mit wohlriechendem Öl salbt. Dass diese Sünderin Maria Magdalena gewesen sein soll, geht darauf zurück, dass sie namentlich als eine der Frauen erwähnt wird, die den Leichnam Christi nach der Kreuzigung mit Öl einreiben. Zweimal Öl, zweimal dieselbe Person. Doch diese Gleichsetzung blieb auch unter den frühen katholischen Kirchenlehrern jahrhundertelang umstritten. Erst rund 1000 Jahre später setzte sie sich allgemein durch. Inzwischen hat die katholische Kirche diese Verknüpfung 1969 offiziell für irrig erklärt.

 
 
 
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