
Jedes Jahr liegt Frankfurt eine Woche lang im Spannungsfeld von zwei gegensätzlichen Polen: Finanz- und Geisteswelt. Finden Broker überhaupt noch Zeit zum Lesen? Oder marschieren sie auf dem Bohlenweg schnurstracks in den Abgrund?© Thomas Lohnes/DDP
In den Messehallen ward dieses Jahr zur Jagd auf den O-Ton-Türken geblasen. An jeder Ecke wurde der Bosporus durchleuchtet - immer mindestens mit 1000 Watt Kameralampen. Bei Kiepenheuer & Witsch musste Feridun Zaimoglu den ganzen Tag den Türken machen. Zaimoglus Autorenkollege Imran Ayata höhnte: Wenn A-Türke Zaimoglu vielleicht gerade einmal verhindert sein sollte, könne er gern den C-Türken machen. In allen Gesprächen über die Türkei wurde die Zensur angeprangert. Aber Zensur gibt's nicht nur in der Türkei. Beim Blumenbar Verlag musste man gleich zu Messebeginn ins Schreibwarengeschäft, um erst einmal einen ordentlichen Zensurstift zu erwerben: "Staedler Lumocolor permanent, Made in Germany". Damit schwärzte die Verlagsassistentin Passagen aus Olaf Kraemers Romy-Schneider-Roman "Ende einer Nacht". Im Verlag war eine Klage wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten eingegangen. Das Buch durfte nicht mehr mit den inkriminierten Stellen ausliegen. Seit dem umstrittenen Esra-Urteil gegen Maxim Biller haben die Zensoren leichtes Spiel. Blumenbar musste 2000 Exemplare per Hand schwärzen. Der wendige Kleinverlag half sich mit Humor und klebte auf jedes Buch einen Sticker: "Collector's Edition. Einstweilige Verfügung, 152 Wörter weniger".
Bastelstunde auch beim kleinen Wunderhorn Verlag, der nächstes Frühjahr ein neues Buch von Le Clézio veröffentlichen wollte. Nun wurde man vom Nobelpreis für den unbekannten Franzosen überrascht. Fix wurde der Erscheinungstermin auf November vorgezogen. An der Übersetzung wird noch gearbeitet, aber der Umschlag wurde schon gedruckt und ebenfalls in Handarbeit um ein anderes Buch geklebt. Stolz präsentierte sich der Verleger vor den Blindbänden den Kamerateams. Jetzt wartet er geduldig, dass der Nobelpreis die Vorbestellungen hochtreibt.
Ganz ohne Nobelpreis hat sich der Brasilianer Paulo Coelho in die Riege der meistverkauften Autoren hoch spintisiert. Sein Verkaufsindex durchbrach vor kurzem die Marke von 100 Millionen Exemplaren. Ihm zu Ehren lud der Diogenes Verlag in einen noblen Club. Vor dem Eingang standen die neuesten Mercedes-Modelle, denn die Stuttgarter sponserten die Party des Chef-Alchimisten. Das Zielpublikum von Autor und Autobauer überschneidet sich: Gerne lesen Manager Coelhos Kalenderweisheiten zur Seelenmassage zwischen zwei Meetings. Zu Samba-Klängen drückte der brasilianische Prophet höchstpersönlich seinen meist blonden Jüngerinnen bewusstseinserweiternde Küsse auf die Stirn. 100.000.000: Ist das jetzt mehr oder weniger als die aktuelle deutsche Pro-Kopf-Verschuldung nach dem Finanzcrash? Jedenfalls kommt der Literaturbetrieb mit solchen Verkaufszahlen dem Börsenwesen schon ziemlich nah.
Nach langen Nächten schlafwandelte man von einer Podiumsdiskussion über das Andenken von Marion Gräfin Dönhoff hinüber zu den Ausführungen eines Münchner Tierarztes über Möpse. Von "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann erfuhr man, dass die Gräfin gerne mit ihrem Porsche die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Elbchaussee überschritt; von dem Tierarzt erfuhr man, dass Möpse schnarchen, eine allmorgendliche Zahneinigung brauchen, krokodilsförmige Milben auf ihrer sensiblen Haut beherbergen und an einem Mangel an Augenflüssigkeit laborieren: Möpse haben keine Tränen, auch nicht für Frau Dönhoff.
Während der müde Messebesucher durch die Hallen torkelte, taumelte ein paar Kilometer weiter der Dax über dem Abgrund der Totalpleite. Zu gerne hätte man mit den Wertpapierhändlern über Bücher gesprochen. Jedes Jahr liegt Frankfurt eine Woche lang im Spannungsfeld von zwei gegensätzlichen Polen: Finanz- und Geisteswelt. Wie verhalten sich diese Pole zueinander? Finden Broker überhaupt noch Zeit zum Lesen? Zum Denken? Oder marschieren sie auf dem Bohlenweg schnurstracks in den Abgrund? All das hätte man die Masters of the Universe, wie Tom Wolfe die Broker in seinem Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" nennt, gern gefragt. Doch als Kulturjournalist wird man nicht einfach so aufs Parkett gelassen. Einerseits schade; andererseits schön, dass in den letzten Monaten das Kapital nicht einmal mehr versucht, sich die Maske der Kultur über seine hässliche Fratze zu ziehen.