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15. Oktober 2007, 10:49 Uhr

Das Doppelherz der Literatur

Saul Friedländer nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche© DPA

Am Messedonnerstag, exakt zur Messemitte, fiel man in kurzes, aber heftiges Nobelfieber. Überall gespanntes Rätseln: Claudio Magris? Ihn hatten die englischen Buchmacher auf Platz eins, die letztes Jahr schon mit Pamuk richtig lagen. Am Hanser-Stand wurde man unruhig, als es plötzlich hieß, nun sei aber mal wieder ein Lyriker an der Reihe: "Lyrik? Haben wir. Wie heißt noch einmal unser dicker Australier?"

Auch bei Luchterhand wollte man sich noch in letzter Minute für den Ernstfall wappnen: Was, wenn der Lobo doch noch den Preis bekommen sollte! Der Lobo? Ja, zum ersten Mal habe man António Lobo Antunes nicht auf die Messe geladen. Schnell wurden Flüge gecheckt. Aber alle Hektik war umsonst: Gregor Gysi bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur und wird im Dezember seine alte Tante Doris Lessing zur Verleihung nach Stockholm schicken. Das wenigstens musste glauben, wer den Vorsitzenden der Linksfraktion auf allen Kanälen sah.

Petra Pau leuchtet feierlich

Bei so vielen unverständlichen Würdigungen kam die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an den Historiker Saul Friedländer dann sehr willkommen. Die Zeremonie in der Frankfurter Paulskirche ist das feierliche Hochamt, das am Sonntag die Buchmesse abschließt. Das Wetter zeigte sich gnädig, aber nicht besonders wählerisch: Die Herbstsonne schickte goldene Strahlen durch die hohen Kirchenfenster und ließ Petra Paus roten Stoppelschnitt feierlich aufleuchten; - Pau strahlte noch intensiver als zwei Tage zuvor der Schriftsteller Hans-Josef Ortheil, der sich seine Haar frisch mit Blattgold hatte überziehen lassen - so jedenfalls sah es aus.

Die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth, war sichtlich beeindruckt von den zahlreichen Ehrengästen, die sie mit "Exzellenzen und Magnifizenzen" begrüßte. Die wettergegerbte Exzellenz Heiner Geißler war von einem seiner Fünftausender gestiegen, seine Magnifizenz Richard von Weizsäcker von seinem Denkmal geklettert, Hans Eichel von seinen Sparschweinen beurlaubt worden, Norbert Lammert aus der Anonymität des ewigen Staatszweiten aufgetaucht, Michel Friedmann unter seiner Sonnenbank und etwa 300 gestriegelte Frankfurter Großfinanciers unter ihrer Investmentbank hervorgekrochen.

Überwältigende Wirkung

Angesichts all diesen Pomps entfaltete Saul Friedländers Bescheidenheit eine überwältigende Wirkung. Er wisse, der Preis sei vor allem dem Thema seines Werkes geschuldet, weswegen er ihn in besonderer Demut entgegennehme. In seiner Dankesrede lieferte er ein Musterbeispiel seiner historischen Methode: Wie in seinem Monumentalwerk "Das Dritte Reich und die Juden" ließ er die Opfer in Originaldokumenten zu Wort kommen. In der konzentrierten Stille der Paulskirche verlas er unveröffentlichte Briefe seiner Eltern und der engeren Familie, die alle in Vernichtungslagern ums Leben kamen. Abschließend erklärte er die Wirkungsweise seiner Geschichtsschreibung: "Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit ritualisiertem oder institutionalisiertem Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellung des Geschehens manipuliert. Vielmehr erschüttern uns diese individuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, während viele rings um sie das Ergebnis kannten und an seiner Herbeiführung beteiligt waren." Viele im Publikum kämpften nach dieser Rede mit den Tränen und wohl niemand hatte Zweifel, dass Friedländer bisher der würdigste Träger dieses Preises ist.

Wer nach dieser ergreifenden Zeremonie über den Römer hinab zum Main ging, konnte schon die großen Hotelschiffe ablegen sehen, die während der Buchmesse am Mainufer ankern. Nächstes Jahr dann wollen wir nicht vergessen, auch jenen Schriftsteller zu ehren, der am überzeugendsten die Reflexionen der Herbstsonne in den Wassertropfen auf dem imprägnierten Gefieder der Mainschwäne feiert.

Eine Bilanz von Stephan Maus
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