Mit der literarischen Hochkultur ist es wie mit dem Essen. Die meisten von uns frühstücken lieber Toast statt Müsli und finden Pizza und Currywurst lecker, wohl wissend, dass Gemüse und Vollkorn viel gesünder wären. Wohl aus ähnlichen Gründen überfällt uns immer wieder das Gefühl, dass wir doch eigentlich die wichtigen, literarisch wertvollen Bücher lesen und über sie diskutieren sollten, statt unsere Zeit mit spannenden Krimis zu vertrödeln. Also eilen wir schuldbewusst jedes Jahr nach der Preisverleihung in die Buchläden, um die jeweiligen Nobel- und Buchpreisträger zu erwerben. Herta Müllers "Atemschaukel" wurde so gerade auf Platz zwei der Bestsellerliste katapultiert. Da steht das Buch nun, etwas verloren zwischen Frank Schätzings Mond-Epos "Limit" und "Rauhnacht", dem neusten Kluftinger-Krimi. Von unten drängeln die unverwüstliche Stephenie Meyer, die Thriller von Charlotte Link und Dan Brown sowie romantische Komödien von Cecilia Ahern und Sophie Kinsella.
Gekauft heißt aber noch lange nicht gelesen. Uwe Tellkamps fast tausendseitiger "Turm" gewann 2008 den Deutschen Buchpreis und wurde danach zum perfekten Weihnachtsgeschenk für Menschen, die man beeindrucken wollte. Doch inzwischen liegt wohl ein Großteil der verkauften 250.000 Exemplare un- oder kaum angelesen als mahnender Klotz ganz unten auf den Nachttischstapel. Zu schwer, zu lang, zu kompliziert, so das oft vernichtende Urteil der Laienkritiker in den Buch-Onlineforen. Wer möchte abends schon einen Klotz herumwuchten, dem der Verlag nicht ohne Grund ein Faltblatt mit Namen und Kurzbiographien der Bewohner beigelegt hat, damit der Leser nicht den Überblick verliert? Nein, dann doch lieber ein angenehm gruselig-romantisches Date mit einem kuscheligen Vampir.
Die Deutschen, die überhaupt noch Bücher lesen - nach einer Studie der Stiftung Lesen 2008 fasst jeder Vierte gar keine Bücher mehr an -, wollen Geschichten, in die sie eintauchen und verschwinden können. Je fantastischer, desto besser. Bloß nicht zu viel Realität und wenn doch, dann verfremdet, wie in Ferdinand von Schirachs "Verbrechen" oder ganz lange her und weit weg, wie in Rebecca Gablés englischen Historiengeschichten. Zu kompliziert darf es auch nicht sein, wir sind ein Volk von Häppchenlesern. Wir lesen hier zehn Minuten, dort eine halbe Stunde, mal ein paar Tage gar nicht. Bahnen, Busse, Flugzeuge, Wartezimmer, Toiletten und die letzten zehn Minuten vor dem Einschlafen haben das Sofa als Leseort längst abgelöst. Bücher, die man immer wieder von vorn anfangen muss, weil man vergessen hat, worum es geht, werden da schnell zu Ballast.
Vielleicht war Buchpreisträger Daniel Kehlmann 2005 ja nur deshalb so erfolgreich, weil ihm "Die Vermessung der Welt" so schön schlank geraten war, dass man dem Buch das fisselige Ende leichter verzeihen konnte. Solche Hochliteratur kann man auch in der S-Bahn lesen. Ab und zu ist ja auch ein Filet statt Currywurst ganz nett.