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15. Oktober 2009, 10:44 Uhr

Lieber Meyer als Müller

Mit der literarischen Hochkultur ist es wie mit dem Essen. Die meisten von uns frühstücken lieber Toast statt Müsli und finden Pizza und Currywurst lecker, wohl wissend, dass Gemüse und Vollkorn viel gesünder wären. Wohl aus ähnlichen Gründen überfällt uns immer wieder das Gefühl, dass wir doch eigentlich die wichtigen, literarisch wertvollen Bücher lesen und über sie diskutieren sollten, statt unsere Zeit mit spannenden Krimis zu vertrödeln. Also eilen wir schuldbewusst jedes Jahr nach der Preisverleihung in die Buchläden, um die jeweiligen Nobel- und Buchpreisträger zu erwerben. Herta Müllers "Atemschaukel" wurde so gerade auf Platz zwei der Bestsellerliste katapultiert. Da steht das Buch nun, etwas verloren zwischen Frank Schätzings Mond-Epos "Limit" und "Rauhnacht", dem neusten Kluftinger-Krimi. Von unten drängeln die unverwüstliche Stephenie Meyer, die Thriller von Charlotte Link und Dan Brown sowie romantische Komödien von Cecilia Ahern und Sophie Kinsella.

Gekauft heißt aber noch lange nicht gelesen. Uwe Tellkamps fast tausendseitiger "Turm" gewann 2008 den Deutschen Buchpreis und wurde danach zum perfekten Weihnachtsgeschenk für Menschen, die man beeindrucken wollte. Doch inzwischen liegt wohl ein Großteil der verkauften 250.000 Exemplare un- oder kaum angelesen als mahnender Klotz ganz unten auf den Nachttischstapel. Zu schwer, zu lang, zu kompliziert, so das oft vernichtende Urteil der Laienkritiker in den Buch-Onlineforen. Wer möchte abends schon einen Klotz herumwuchten, dem der Verlag nicht ohne Grund ein Faltblatt mit Namen und Kurzbiographien der Bewohner beigelegt hat, damit der Leser nicht den Überblick verliert? Nein, dann doch lieber ein angenehm gruselig-romantisches Date mit einem kuscheligen Vampir.

Bloß nicht zu viel Realität

Die Deutschen, die überhaupt noch Bücher lesen - nach einer Studie der Stiftung Lesen 2008 fasst jeder Vierte gar keine Bücher mehr an -, wollen Geschichten, in die sie eintauchen und verschwinden können. Je fantastischer, desto besser. Bloß nicht zu viel Realität und wenn doch, dann verfremdet, wie in Ferdinand von Schirachs "Verbrechen" oder ganz lange her und weit weg, wie in Rebecca Gablés englischen Historiengeschichten. Zu kompliziert darf es auch nicht sein, wir sind ein Volk von Häppchenlesern. Wir lesen hier zehn Minuten, dort eine halbe Stunde, mal ein paar Tage gar nicht. Bahnen, Busse, Flugzeuge, Wartezimmer, Toiletten und die letzten zehn Minuten vor dem Einschlafen haben das Sofa als Leseort längst abgelöst. Bücher, die man immer wieder von vorn anfangen muss, weil man vergessen hat, worum es geht, werden da schnell zu Ballast.

Vielleicht war Buchpreisträger Daniel Kehlmann 2005 ja nur deshalb so erfolgreich, weil ihm "Die Vermessung der Welt" so schön schlank geraten war, dass man dem Buch das fisselige Ende leichter verzeihen konnte. Solche Hochliteratur kann man auch in der S-Bahn lesen. Ab und zu ist ja auch ein Filet statt Currywurst ganz nett.

Von Meike Bruhns
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KOMMENTARE (9 von 9)
 
raptor-xl (16.10.2009, 14:50 Uhr)
unterhaltung tut gut...
solange einem bewusst wird, dass es auch die andere seite gibt. daher ist hertha müller wichtig, denn wer das liest, der weiß auch, dass der linke terror den nazis in nichts nachsteht. na klar, alle wissen, dass der stalinismus und seine linken ableger sogar mehr opfer als das dritte reich forderte, aber es einmal in einem so guten buch gelesen und dabei "erlebt" zu haben, macht uns doch erst empfänglich für das glück. das glück, dass es uns heute gut geht, auch bei kleineren problemen doch gut versorgt sind und wie erstrebenswert die demokratie ist. leider glauben heute viele dumme wieder, dass es uns besser gehen würde, wenn wir den nationalsozialismus oder den linken staatsterror wieder zurückholen würden. solchen leuten sei ein besuch in einem ehemaligen kz, der stasigedenkstätte in berlin oder eben ein buch auf der couch a la hertha müller an scherz gelegt. vielleicht erfreuen sich dann noch mehr an der unterhaltung, die uns so nett und trivial durchs leben gleiten lässt...
campanus (16.10.2009, 09:06 Uhr)
typisch deutsch...
... ist diese Unterscheidung in gute und schlechte Literatur. In den angelsächsischen Ländern MUSS Literatur auch gut erzählt sein, nur verquast und problemlastig die persönlichen Kopfwelten ausbreiten oder die Sprache verkünstelt überstrapazieren bis zur Unverständlichkeit findet dort weder Leser noch Akzeptanz.
Ein Buch kann gut geschrieben und gleichzeitig tiefgründig sein, unabhängig vom Genre. Es darf aber auch mit Leichtigkeit und Witz daherkommen, der Simplicissimus und die Canterbury Tales haben alle Moden überlebt.
Wesentlich ist, was beim Leser ankommt und ihm neue Einsichten eröffnet oder einfach den Genuss an der Sprache, die Thematik ist für mich dabei zweitrangig.
Nicht zu unterschätzen ist dabei der therapeutische Effekt:
einem Leben, dem es an Spannung und Abenteuer mangelt, in dem der Alltag nur noch Quelle von Frustrationen ist - fehlen wesentliche Elemente, um psychisch gesund zu bleiben.
Bücher können das ausgleichen, in jedem Lebensalter, für manche sind die "trivialen" Werke dabei eine Überlebenshilfe und mit etwas nachdenken helfen mir meine Lieblingsbücher zu erkennen, was in meinem eigenen Leben fehlt, als zeitgenössiche Märchen sozusagen.

Die wenigsten sehnen sich danach, Terror, Krieg, Missbrauch, Versagen und Wahnsinn zu erleben; sie sind vielmehr froh, davon verschont geblieben zu sein. Und deshalb ist es erfreulich, wenn sich der Lesegeschmack noch nicht der correctness beugt, sondern Menschen das lesen, was sie persönlich anspricht und ihnen gut tut.
Bücher sollten Freunde sein!
Und so wie man morbide, depressive, ewig in der Vergangenheit feststeckende Menschen meidet oder sich von allzu intellektuellen hochtrabendende Schwaflern fernhält, bleiben auch ihre literarischen Pendants einsam und ungeliebt in den Regalen liegen.
Zu Recht.
sininen (15.10.2009, 15:48 Uhr)
Wofür sich schämen?
Ich finde es nicht peinlich, dass die Masse der Leser lieber Unterhaltung als hohe Literatur liest. Und die Herren Literaturkritiker, vorneweg her Reich-Ranicki lesen den hohen Kram auch nur weil es ihr Job ist und sie sich was drauf einbilden müssen weil sie sonst nichts können.
Es ist doch völlig ok, wenn man ein normales Leben mit Job, Kindern, Alltagsstress führt, dass man sich in seiner Freizeit unterhalten lassen möchte. Ausserdem ist doch nichts gegen eine gut erzählte Geschichte an sich einzuwenden. Und wenn ich aus den Büchern, die ich lese auch noch etwas erfahre, was mich weiterbringt (und sei es noch so platt in den Augen von Uniliteraturprofessoren) oder mir einfach mal ein paar schöne Stunden beschehrt, dann ist das doch schon prima.

Ich hatte mal eine Mitbewohnerin, bei der ging unter Böll, Grass und Dostojewski gar nichts. Die ist auch nicht in Rockkonzerte (o.ä.) gegangen, weil das ja nicht "gut" im Sinne von "tiefgründig" war, nein, es MUSSTE Klassik sein. Eine herzensgute Person, die Frau. Aber in ihrer Meinung und gesamtem Habitus sowas von angestaubt. Und das im Alter von 22 Jahren!
Die hatte echt nie Spass (sagte sie selber).
Woran das wohl lag.
Asiat (15.10.2009, 15:08 Uhr)
So ist es!
Ich gebe sogar zu, dass ich Dan Brown nach 40 Seiten aufgeben musste, weil mir das zu kompliziert war. Bei Clintons "Mein Leben " hat's nach 100 Seiten gereicht (Geschenke!). Tommy Jaud's "Millionaer" lese ich dagegen zum zweiten Mal und lach immer noch. Mit den Buddenbrooks kann ich heute auch nichts mehr anfangen, und Grass hat es nie in meine Buecherregale geschafft.
Herta Mueller werde ich auch nicht lesen, goenne ihr aber den Nobelpreis von Herzen.
Lou123 (15.10.2009, 14:57 Uhr)
Mein
ganzes Leben hab ich mit "Trivialliteratur" verbracht. Angefangen mit Märchen, die Schatzinsel, Kalle Blomquist usw, über Herr King bis zu Fantasy, Horror und seltsames aller Sparten.
Ich musste Walsers fliehendes Pferd in der Schule durchackern und noch so manch andere harte Kost und, was hats mir gegeben? Nix. Außer das der Lehrer bei den nicht gerne lesenden Schülern, die Abneigung zu Büchern noch vertieft hat. Sicher, ein Schlafes Bruder hat auch seine Höhen, aber wirklich unterhaltend ist es nicht. Die ständige Gequatsche über die Symbole und Motive in nem Buch oder was jemand durch seine 200mal verschachtelten Sätze zum Ausdruck bringen will, interessiert mich nicht. Ich will Knall, Bumm, Peng, fingernägelabkauende Spannung und Nackenhaaraufrichter. Geschichten bei denen ich viel zu spät schlafen gehe und nach dem Aufwachen wieder weitermache. Wenn ich nebenher noch was lerne, auch gut. Das kann man, oh Wunder, auch in der Trivialliteratur. Da bin ich zu sehr Kind meiner Zeit.
screne (15.10.2009, 14:24 Uhr)
Trivialliteratur...
Allein dieses Wort ist eine Beleidigung. Es hat eben nicht jeder Lust, sich nach der Arbeit noch das Gehirn zu verknoten.
Toreador (15.10.2009, 13:13 Uhr)
Klischees
Ich habe in den letzten Jahren ganz ausgezeichnete Fantasybücher gelesen, mit glaubwürdigen, hervorragend ausgearbeiteten Charakteren und einer originellen, mitreißenden Story - sowohl von englischen als auch deutschen und amerikanischen Autoren.

Da pfeif ich doch, ganz ehrlich, auf die Buddenbrooks und Günter Grass und genieße das Lesen, anstatt den eingebildeten Ansprüchen selbsterklärten "Bücherpäpsten" oder ähnlich abgehobenen Senioren entsprechen zu wollen...
schade77 (15.10.2009, 12:58 Uhr)
@Bauzeichner
...wow, das wären ja über 27 Jahre am Stück jeden Tag ein komplettes Buch...entweder Sie haben hier eine 0 zuviel oder Sie sind Reich-Ranicki ;-)

Aber zurück zum Thema...was ein Schrott. Warum lesen denn viele? Um eben dem Alltag zu entfliehen. Und ich lese auch sehr gerne und natürlich mit Abwechslung, mal Sachliteratur, mal was Geschichtliches, mal was Ernsthaftes aber auch mal was sehr leichtes und JAAA, ich gebe zu, mir gefällt sowas und JAAA ich habe die Feuchtgebiete fertiggelesen und JAAA ich bin nicht an zenterschwerer (nicht nur gewichtsmässig) Literatur interessiert, in der über 1000e Seiten schwerste Kost geliefert wird. Und ich schäme mich nicht dafür und ich werde mich auch auf keinen Fall bei jemandem dafür entschuldigen, auch bei Frau Müller nicht, die ich vorher auch nicht kannte.
Bauzeichner (15.10.2009, 12:30 Uhr)
Ich peif drauf...
Ich habe in meinen bisherigen Leben mehr als 10.000 Bücher gelesen (ja, ich führe durchaus Buch darüber) und neben einigen Fachbüchern und vielen Bildbänden war das alles "nur" Trivialliteratur. Ich steh eben auf SciFi, auf Fantasy, auf Mystery, Thriller, Horror und Krimis. Na und? Ich steh dazu. Es gibt genug Leute, die den restlichen, angeblich so intellektuellen Kram lesen. Wenn es denen genauso Spaß macht wie mir, ich habe nichts dagegen. Trotzdem sind das keine besseren Menschen und die gehen genauso aufs Klo wie ich auch.
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