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5. Oktober 2006, 15:29 Uhr

"Wir schlachten keine Menschen"

Der Bildband "Indien - Einst und Jetzt" von Vir Sanghvi und Rudrangshu Mukherjee ist im Verlag Frederking & Thaler erschienen© Frederking & Thaler Verlag

Momentan scheint Indien ein strahlender Gewinner der Globalisierung zu sein. Doch davon profitiert nur ein Teil der Bevölkerung - was ist mit den anderen? Wird die Kluft zwischen reich und arm nicht einfach größer?

Nein, er wird geringer. Das belegt der UN-Index der Einkommensverteilung. Aber Sie haben Recht, was bestimmte Sektoren angeht - vor allem in der Landwirtschaft kommen die positiven Auswirkungen der Globalisierung nicht zum Tragen. Das ist eine große Tragödie; hunderte Bauern haben in den vergangenen Jahren Selbstmord begangen, weil sie kein Geld haben, um Pacht für die Ländereien zu zahlen zum Beispiel. Da muss sich eine Menge ändern. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, Kredite aufnehmen zu können, damit sie nicht länger von lokalen Geldverleihern abhängen, die sie unterdrücken. Die vorherige Regierung hatte den Slogan "India is shining", aber der richtete sich vor allem an die städtische Mittelschicht. Die jetzige Regierung hat jedoch erkannt, dass Indien eben nicht aus dieser Bevölkerungsschicht allein besteht, sondern dass die Vorteile der Globalisierung auch die normale Bevölkerung auf dem Land erreichen müssen. Sie haben Sozialprogramme auf den Weg gebracht, die sich um die Landbevölkerung kümmern, damit kein Ungleichgewicht zustande kommt, wenn große Firmen sich nur in großen Metropolen ansiedeln. Das versuchen wir zu vermeiden.

Indien hat in der Vergangenheit viele unterschiedliche wirtschaftliche Systeme durchlaufen - und scheint sich sehr gut an Veränderungen anpassen zu können. Woran liegt das? Gibt's da etwas Spezielles in der indischen Mentalität?

Ja, ich glaube, Inder sind tatsächlich sehr geduldig und tolerant - vielleicht hilft das? Wir hatten aber auch über 2000 Jahre Zeit, Toleranz zu lernen. Wir wurden ständig erobert, von Alexanders Griechen über die Moslems bis zu den Moguln. Wer auch immer Indien erobert hat, ist Teil des Ganzen geworden, und Indien hatte immer die Tendenz, fremde Einflüsse zu akzeptieren statt sie zu bekämpfen. Es gibt also eine spezielle indische Art, die auf Geduld basiert. Vielleicht hat der Hinduismus was damit zu tun. Die Religionen aus dem mittleren Osten - also das Judentum, das Christentum und der Islam - gehen die Dinge sehr forsch an, während die aus Indien kommenden Religionen wie Hinduismus und Buddhismus sehr passiv sind.

Sie sagen, dass Indien mit all seinen unterschiedlichen Religionen, Sprachen und Traditionen eher mit Europa vergleichbar sei als mit dem amerikanischen "melting-pot". Gibt es etwas, dass die Europäische Union von Indien lernen kann?

Leute aus Europa fragen mich immer wieder: "Wie kriegt Indien das hin, mit seiner Heterogenität umzugehen? Warum haben wir damit so viele Probleme?" Ich habe das Gefühl, dass die Globalisierung in Europa zwei Dinge hervorgebracht hat: Angst vor billigen chinesischen Waren. Und Angst vor muslimischen Einwanderern. Europa hat große Schwierigkeiten mit seiner Vielfältigkeit umzugehen. Indien hat da einfach schon mehr Übung. Außerdem war Europa immer überwiegend christlich und nie besonders gut darin, mit religiösen Minderheiten klar zu kommen. Es gab in Europa immer das Antisemitismus-Problem, auch schon vor dem zweiten Weltkrieg und nicht nur in Deutschland. Europa kommt mit unterschiedlichen Einflüssen zurecht, wenn sie christlich sind, aber mit Multireligiösität hat es Schwierigkeiten - während wir immer eine multireligiöse Gesellschaft waren. Dafür muss man hart arbeiten, aber es geht.

Haben Sie andererseits das Gefühl, dass die Kluft zwischen dem Islam und anderen Religionen auch in Indien wieder größer wird - als eine Folge dessen, was im Irak und in Afghanistan passiert?

In Kaschmir haben wir jetzt seit 20 Jahren ein Fundamentalismus-Problem. Doch der durchschnittliche indische Muslim identifiziert sich nicht mit Muslims in Kaschmir. Weil der Kaschmir-Konflikt politisch ist und nicht religiös. Die indischen Muslime wurden dadurch nicht radikalisiert. Aber jetzt, seit dem "Krieg gegen den Terror" und der amerikanischen Haltung dem Islam gegenüber fühlen sich auch die Muslime in Indien unterdrückt - und das führt zu einer stärkeren Radikalisierung, die ich, offen gesagt, sehr beunruhigend finde für die Zukunft. Ich meine, wenn man zurück blickt, wird Ronald Reagan als der Mann in Erinnerung bleiben, der den Kalten Krieg beendet hat. Und George Bush wird der Mann sein, der einen neuen Kalten Krieg angefangen hat - gegen den Islam.

Von Andrea Ritter
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